Irgendwo hier werden sie vereint in die Kameras lächeln. Vielleicht auf der Terrasse, die zum tiefblauen Wasser des Peninsula Lake zeigt. Oder unten auf dem Grün des Golfplatzes mit Blick auf die bewaldeten Hügel der Umgebung. Denn das "Familienfoto" vor einer landestypischen Kulisse ist ein Ritual bei jedem G-8-Gipfel. Und hier in Huntsville auf dem Gelände des Deerhurst Resort bietet es sich geradezu an, wenn am 25. und 26. Juni Barack Obama, Angela Merkel und Co. zusammenkommen, um im kleinen Kreis über die Lage der Welt zu beraten.

Das Deerhurst Resort ist ein Familien- und Tagungshotel im Norden der kanadischen Provinz Ontario, 400 Zimmer, Ferienapartments am See, Golf, Tennis, Reiten, was man so macht. Zum Resort führt nur eine Straße, während des Gipfels wird sie gesperrt. Ein kilometerlanger Sicherheitszaun spannt sich um das Areal; er soll Demonstranten abhalten. Die Bewohner von Huntsville nennen ihn spöttisch "die große Mauer von Muskoka".

Muskoka heißt die Landschaft etwa zwei Stunden nördlich von Toronto. Das Wort geht auf den Namen eines Häuptlings der Chippewa-Indianer zurück. 1600 Seen hat die Eiszeit hier hinterlassen, der Peninsula Lake ist einer von ihnen. Großstädter kommen hierher, um die Sommerfrische zu genießen, zwei Millionen Ferienhäuschen soll es in Muskoka geben, die meisten mit Boot, Steg und Garten am Wasser. Auch Hollywood-Schauspieler wie Kurt Russell oder Tom Cruise haben sich eingekauft. Die New York Times schrieb bereits vom "Malibu des Nordens".

So glamourös, wie man sich das Hotel eines G-8-Gipfels vorstellen könnte, ist das Deerhurst Resort allerdings nicht. Der mausgraue Bau hat zwar ein paar Türmchen und Balkone, gleicht aber ansonsten eher einer überdimensionalen Turnhalle. Zwei Säulen aus Granit stützen das Dach über dem Eingang. In der Empfangshalle steht ein Sofa aus dunkelbraunem Leder, Möbel und Teppichböden sehen abgewetzt aus.

Joseph Klein ist seit fünf Jahren Direktor des Resorts. Der kleine rundliche Mann mit der Halbglatze trägt einen hellgrauen Anzug, ans Revers hat er sich einen kleinen Pin gesteckt, auf dem eine windschiefe Kiefer und zwei rote Buchstaben zu sehen sind: "G8". Klein hat alles dafür getan, um den Gipfel in sein Haus zu holen. Er hat bei der Regierung interveniert. Er hat mit Sicherheitsleuten konferiert und sich zur Verschwiegenheit verpflichtet. Selbst über den Ort für das Familienfoto. "Es gibt verschiedene Optionen", sagt er. Mehr nicht.

Auf dem Rundgang durch das Haupthaus stoppt Klein im "Peninsula Ball Room". Der Raum ist fast so groß wie ein Handballfeld. Hier werden die Staatschefs verhandeln. Damit die Dolmetscher in Ruhe arbeiten können, möchte Klein noch ein paar künstliche Wände einziehen lassen.

Angestellte saugen gerade den dunkelroten Teppich. In einer Ecke stapeln sich Konferenzstühle. An der Wand hängt ein fünf Meter langes Ölbild aus drei Teilen. Es zeigt einen windgepeitschten See inmitten eines herbstlich gefärbten Waldes und sieht aus, als hinge es hier schon seit 1896, jenem Jahr, als der Brite Charles Waterhouse das Deerhurst Resort am Ufer des Peninsula Lake eröffnete.

Das Deerhurst zählte damals neben ein paar wenigen anderen Hotels wie etwa dem eleganten Windermere House am Lake Rosseau zu den ersten Adressen der Region. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts verbrachten Prominente ihren Sommer in Muskoka, etwa der amerikanische Stahlbaron Andrew Carnegie. Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood – auch sie ist in Muskoka regelmäßig zu Gast – hält die Region für ein Sinnbild der kanadischen Identität. Hier ist vieles, was die Kanadier mit ihrem Land verbinden und nun der Welt zeigen wollen: die weite Landschaft mit ihren dunklen Wäldern und den Seen, aus denen überall felsige Granitbrocken herausragen. Die Ahornbäume, die sich im Herbst rot färben und aus denen jener zuckersüße Sirup gewonnen wird, der auf keinem kanadischen Frühstückstisch fehlen darf. Die Kanufahrer, die im Morgennebel durch die Gewässer im nahen Algonquin-Park paddeln und die für den Pioniergeist des jungen Landes stehen. Und natürlich die Eistaucher, jene Vögel, die so markant schreien und mit ihrer Silhouette die kanadische Ein-Dollar-Münze zieren.