Kurz vor Kikwit, die Sonne kippt bereits in den Horizont, biegt Willy links ab in mannshohes Gras, aus dem wir eine Stunde später wie ein U-Boot wieder auftauchen. Eine Lichtung, darüber ein Sternenhimmel zum ohnmächtig werden, Silhouetten von Palmen, Zikaden im Hintergrund. Plötzlich brüllt jemand: "Le peuple vaincra!", "Das Volk wird siegen!" Willy richtet die Autoscheinwerfer aus wie eine Bühnenbeleuchtung. Rund hundert Fäuste recken sich gen Himmel: "Tout pouvoir au peuple!", schallt es in die Nacht. "Alle Macht dem Volk!" Willy lächelt. "Die Partei!", sagt er liebevoll und packt sein Megafon aus. Auch treue Palu-Anhänger wollen umworben sein. Für nächstes Jahr sind Wahlen angesetzt. Ob sie stattfinden werden, weiß keiner.

Tout pouvoir au peuple – das ist schon eine gewagte Parole in diesem Land. Was die Souveränität des Volkes angeht, so hält der Kongo einen traurigen Rekord: Nicht einmal sieben Monate überlebte der erste frei gewählte Premierminister Patrice Lumumba im Amt, dann ermordeten ihn kongolesische Sezessionisten unter belgischer Aufsicht und lösten die Leiche in Säure auf. Der Premier hatte es gewagt, den belgischen König bei der Unabhängigkeitsfeier an die Gräueltaten der Kolonialherren zu erinnern.

"Démocratie" und "moulins de manioc" sind die einzigen französischen Wörter, die ich bei Willys nächtlicher Rede aufschnappe. Bei Ersterem geht es um die Frage, ob beim Besuch eines honorable, eines ehrenwerten Abgeordneten, nur die Dorfchefs reden dürfen oder auch die Bäuerinnen. Die Bäuerinnen gewinnen. Und fordern den Bau einer Maniokmühle, um ihre tägliche Knochenarbeit etwas zu erleichtern. Willy Mubobo hat fürs Erste nur zwei Sack Hirse zu verteilen, außerdem eine Flasche Pastis für den Dorfchef, Bonbons für die Kinder, ein paar Geldscheine für andere Amts- und Würdenträger. Und ein paar erklärende Worte über die Aufgabe des Parlaments als Kontrollorgan über die Exekutive. Die Leute hier wissen, dass ein kongolesischer Präsident sich im Zweifel durch gar nichts kontrollieren lässt. Aber sie mögen Willy trotzdem.

Es ist Mitternacht, als wir, beflügelt vom Palmwein des Dorfchefs, im Hotel Kwilu, der besten Adresse von Kikwit, eintreffen. Hier gibt es seit Jahren kein fließend Wasser mehr, dafür reichlich Schimmel und Insekten, der Strom ist abgestellt, an einem Feuer vor dem Eingang lungern Straßenkinder und Straßenhunde herum. Eine leichte Brise treibt Müll und Sand über den Boulevard Mobutu – Endzeitstimmung bei angenehm milder Nachttemperatur.

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Anderthalb Tage später und 300 Kilometer weiter nördlich, steht man mitten in einer der potenziellen Goldgruben des Landes. Keine Kupfermine, kein Diamantenfeld, sondern ein Palmenhain. Elf Stunden hat die Fahrt von Kikwit bis nach Mangai am Kasai-Fluss gedauert. Hier waren die Chinesen noch nicht, die Straße ist eine Sand- oder Schlammpiste, der Fahrer, den hier alle "Henri Van" nennen, beschleunigte gern auf 100 km/h, die Fahrgäste, die zu elft auf sieben Sitzplätzen durchgeschleudert wurden, fanden das nicht weiter befremdlich. Henri Van heißt mit vollem Namen Henri Van Caenegem, ist Kongolese mit belgischem Vater, und baut für eine kongolesische Firma eine alte Palmölfabrik am Kasai wieder auf. Zu seinem Job gehört es, bei nächtlichen Straßensperren unbezahlte Polizisten zu besänftigen, in einer Gegend ohne Tankstellen Benzin für eine schrottreife Lkw-Flotte zu besorgen, Fehden unter den Arbeitern zu schlichten, die traditionellen Chefs, hier auch roi, König, genannt, zu hofieren und röchelnde Maschinen aus den fünfziger Jahren wieder flott zu machen.

Kautschuk- und Palmenplantagen waren in der frühen Kolonialzeit Synonym für Zwangsarbeit. Die Landarbeiter in Mangai erinnern nur die späten Kolonial- und die frühen Mobutu-Jahre, als die Fabrik noch modern war, die Firmenleitung regelmäßig Gehälter zahlte, eine Schule und eine Klinik für Betriebsangehörige finanzierte. Dann kam der Verfall unter dem kleptokratischen Mobutu Sese Seko, der politische Loyalität nicht allein durch Repression erzwang, sondern vor allem durch die Plünderung der eigenen Wirtschaft erkaufte. Ein System mit eingebauter Selbstzerstörung.

Jetzt arbeiten wieder rund 200 Leute auf der Plantage, im Krankheitsfall gibt es Kostenscheine für die lokale Ambulanz. Aus Palmöl kann man Speiseöl, Seife, Kerzen, Kochfett, Kosmetika und Biotreibstoff herstellen. China wird seinen Bedarf in den nächsten Jahrzehnten vervielfachen, westliche Länder wollen Biotreibstoff. Ein Boom ist im Gang, aber Umweltschützer schlagen Alarm, denn für neue Palmenplantagen wird Kahlschlag betrieben. Der Kongo hat nach dem Amazonas den größten Regenwald, das Land ist der zweite Lungenflügel der Welt. Noch.

Der Morgen ist herrlich, und zur Krönung knattert auf der firmeneigenen Yamaha der örtliche Monarch auf den Hof, ein eleganter alter Mann in rosafarbenem, knöchellangem Rock, auf dem Kopf eine muschelverzierte Haube, in der Hand einen Feudel aus Federn und dazu eine pinkfarbene Brille. König Michel Eshim Menkie, traditioneller Chef vom Volk der Ngoli, ist ein erklärter Freund der Palmölfabrik. "Ohne Arbeit keine Zukunft", sagt er. Weil die staatliche Justiz nur sporadisch funktioniert, regelt seine Exzellenz Konflikte zwischen der Fabrikleitung und Dorfbewohnern, die seit Jahren auf der Plantage Nüsse abernten und auf eigene Rechnung Öl panschen. Das klingt nach einem für kongolesische Verhältnisse banalen Disput. In Wahrheit symbolisiert es die große soziale Frage des Landes: Überall im Land sammeln die Menschen die Rohstoffe zusammen – egal, ob Kupfer, Diamanten, Gold oder Palmnüsse – und tragen sie zu Markte. Dieses Millionenheer erwirtschaftet buchstäblich mit der Hand einen Großteil des kongolesischen Rohstoffexports – und ernährt fast ein Sechstel der Bevölkerung. Jetzt rücken die neuen Herren an, internationale Konzerne oder mittelständische Unternehmen, mit legal oder illegal erworbenen Konzessionen, machen Besitzansprüche geltend, ersetzen Arbeiter durch Maschinen. Das Land braucht dringend Investoren, aber es bräuchte auch eine Debatte über die Zukunft der Schürfer und Pflücker. Die finden in den Bergbaugebieten des Südostens inzwischen ihre eigenen Antworten – in Form von Steinen und Brandbomben auf Bagger und Kräne. Irgendwann stehen dann Maschinenstürmer Maschinenpistolen gegenüber. Und man weiß, wie das ausgeht.