Letzter Stopp Ilebo. Dazwischen liegen rund 200 Kilometer auf dem Motorrad, mehrere Flüsse und die Suche nach einem Schraubenschlüssel. Es gibt keine Brücken, allenfalls handbreite Eisentrassen oder Holzbalken. "Da kommen wir nicht rüber", sage ich jedes Mal. "Natürlich kommt man da rüber", sagt Serafin, der geniale Fahrer, und dann schiebt er, keine 1,65 groß, wie ein Seiltänzer die Maschine ans andere Ufer, während ich hinterherwackele und vor jedem Schritt mein Mantra aufsage. Die Leute finden die Anwesenheit einer Weißen ausgesprochen unterhaltsam, den Anlass ihrer Reise aber etwas seltsam. Zum 50. Jahrestag einfach durchs Land fahren? "Zum Zehnten hätten Sie kommen sollen, da gab’s noch was zu sehen", sagt einer. Was empfinden sie für dieses Land, das ihnen so wenig gibt? "Wir lieben den Kongo." Viel Nation, wenig Staat.

Am vierten Tag der Reise, kurz vor Ilebo, sehe ich den ersten Nichtschwarzen. In einem der typischen Lehmhütten-Ramschläden kramt Serafin nach Schraubenschlüsseln. Der Besitzer starrt mich an. Und ich ihn. Ein Chinese. Er spricht kein Wort Französisch, dafür gut genug Lingala und Tshiluba, um zu erklären, dass Schraubenschlüssel ausverkauft sind. Plötzlich piekt er strahlend mit dem Zeigefinger erst auf die Haut meines Arms, dann auf seine und zeigt mit dem Daumen. Dann deutet er auf die belustigte kongolesische Kundschaft und schüttelt finster den Kopf. "Alles Kriminelle", sagt Serafin später. "Die chinesische Regierung lässt sie nur aus dem Gefängnis, wenn sie in den Kongo auswandern." Das habe er aus sicherer Quelle.

Sicher ist eigentlich nur, dass Peking und Kinshasa 2008 einen Mega-Deal besiegelt haben: Das rohstoffhungrige China darf mehrere Millionen Tonnen Kupfer und über eine halbe Million Tonnen Kobalt ausbeuten; als Gegenleistung bauen chinesische Firmen im Kongo Straßen, Eisenbahnlinien, Schulen und Hospitäler. Kolonialismus light? So einfach geht das nicht mehr. China merkt, dass der Kongo nicht umsonst auf jedem Korruptionsindex ganz unten auftaucht; der Kongo merkt, dass China wenig Interesse daran hat, Arbeitsplätze für Kongolesen zu schaffen. In der wachsenden wechselseitigen Ernüchterung entstehen Straßen und Hospitäler, aber keine Völkerfreundschaft.

Im Flusshafen von Ilebo ragen verrostete Kräne in den Himmel, die Kähne für die Weiterfahrt nach Kinshasa beladen, wenn denn das Hydrokraftwerk etwas Strom ausspuckt. 35 Grad im Schatten – und der Anblick erinnert an Bilder aus Sibirien. Genauso riesig und reich an Bodenschätzen. Einst funktionierende Industriestädte, aufgebaut durch Zwangsarbeit; verfallene Staatsbetriebe, die früher Arbeit und Sozialversorgung garantierten; eine korrupte politische Elite, die das Wort Gemeinwohl kaum buchstabieren kann. Allerdings wird im Kongo deutlich weniger gesoffen als in Russland. Verzweiflung mündet hier weniger in Alkoholismus als in manischer Energie. Das Leben als endlose Improvisation. Keine Pause, keine Ruhe.

Geht es aufwärts mit diesem Land? Wenigstens ein bisschen? Mein Stadtführer heißt Clement Mwaha, leitet eine lokale Radioshow, in der die Hörer sich per Handy über korrupte Steuerbeamte, überhöhte Brotpreise und prügelnde Polizisten empören können. Meinungsscheu waren die Kongolesen noch nie. Geht es also aufwärts? "Das wird Gott entscheiden", sagt Mwaha und führt mich zum Gefängnis. Ein Bau, der ebenso erbärmlich wie gespenstisch aussieht. "Sie interessieren sich doch für unsere Geschichte. Hier haben sie ihn eingesperrt." Wen? "Lumumba." An einem Flussübergang weiter nördlich wurde der Premierminister am 1. Dezember 1960 gefangen genommen und kurz hier inhaftiert. Ilebo hieß damals noch Port Francqui. Die Gefängniszelle heißt immer noch "la cellule du Lumumba". Aber man könne sie nicht mehr benutzen, sagt Mwaha, weil keiner mehr die Tür aufkriege. 

Aus dieser Pointe würde man jetzt gern auf einen schlampigen Sicherheitsapparat schließen. Aber dem ist nicht so. Aus Kinshasa kommt kurz vor der Unabhängigkeitsfeier die Nachricht, dass Sicherheitskräfte den prominenten Menschenrechtler Floribert Chebeya umgebracht haben, ein politischer Mord, dessen Schockwirkung durchaus mit dem Tod einer Anna Politkowskaja in Russland zu vergleichen ist. Immerhin hat der internationale Aufschrei eine mittlere politische Krise ausgelöst. Präsident Joseph Kabila, dem kaum noch jemand Demokratietauglichkeit bescheinigen will, hat seinen Polizeichef vorläufig abberufen. Der belgische König Albert II., Bruder des Säbelträgers von 1960, soll eine Absage seiner Teilnahme an den Feierlichkeiten erwogen haben. Er wird nun doch anreisen für die große Parade. In der Ukraine gekaufte Panzer sollen über die chinesisch geteerten Boulevards rollen – es fehlen nur noch die Panzerfahrer. Die Armee hat noch keine. Auch das beschreibt den Kongo im Jahre 50 ganz gut.