Den ersten Kuss haben sie noch nicht erlebt, aber Pornografie ist ihnen bereits vertraut: Immer häufiger machen Jugendliche ihre ersten sexuellen Erfahrungen im Internet. Bei den 14- bis 17-Jährigen sollen rund 80 Prozent bereits auf hartes pornografisches Material zugegriffen haben, obwohl sie das rechtlich noch gar nicht dürfen. Anders als ihre Eltern scheinen Jugendliche, die mit dem Internet als Leitmedium aufgewachsen sind, den freizügigen Umgang mit Pornos als völlig normal zu empfinden. Pornografie ist fester Bestandteil ihrer medialen Umwelt, in der "porno" zu einem positiv besetzten Adjektiv geworden ist. Besorgte Wissenschaftler und Pädagogen diskutieren seither, inwieweit diese Mainstream-Kultivierung von Pornografie das menschliche Sexualverhalten negativ beeinflusst – vor allem bei Minderjährigen.

In seinem Buch Generation Porno beschreibt der Journalist Johannes Gernert detailliert pornografische Praktiken und Jargons. Er lässt Jugendliche von ihrem ersten Kontakt mit Pornos erzählen, von ihren Vorlieben und Abneigungen, und er referiert, wie sie die Bilder und Videos nutzen. Warum der Buchtitel Generation Porno neben den unzähligen anderen Generationenbegriffen für die gemeinte Altersgruppe (Generation Internet, Generation Flatrate et cetera) seine Berechtigung hat, erklärt der Autor so: "Mit dem Begriff Generation Porno ist eine Sorge verbunden: Dass junge Leute, die sich mit Pornografie aufklären, Sexualität nicht mehr mit Liebe verbinden… Es ist von sexueller Verrohung oder Verwahrlosung die Rede."

Indes: Nicht alles ist so alarmierend, wie es zunächst den Anschein hat. Gernert hat den Kontakt zu Pädagogen und Wissenschaftlern, Jugendschützern und Politikern, Pornodarstellern und -produzenten, Eltern und Jugendlichen gesucht. Daraus ist ein knapp 300-seitiges Panorama aus Stimmen, Eindrücken und statistischen Daten entstanden, das ein insgesamt erstaunlich differenziertes Bild von der sexuellen Identität einer Jugend im digitalen Porno-Pop-Zeitalter zeichnet.

Dankbar ist man Gernert insbesondere dafür, dass er reißerische Dramatisierungen meidet. "Der Blick auf die Pornografie ist immer eine Frage des Standpunkts." Der Nachweis, ob Pornos tatsächlich einen negativen Einfluss auf das jugendliche Sexualverhalten haben, ist schwer zu erbringen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Wirkung der Internetpornografie auf die Jugendlichen von zu vielen Faktoren abhängt. Was für ein Bild von Sex und Liebe wird innerhalb der Familie vermittelt? Inwieweit kann ein Kind sich mit seinen Eltern und Freunden über eigene Erfahrungen und Wünsche austauschen? Welche Geschlechterrollen werden ihm vorgelebt? Dass diese Fragen entscheidend sind für den jugendlichen Umgang mit Pornografie, erläutert das Buch genauso wie den Umstand, dass Kinder oftmals viel kompetentere Internetnutzer sind als ihre Eltern. Man spricht von einem "digitalen Graben" zwischen den Generationen, der es den Eltern erschwert, erzieherisch auf das Verhalten ihres Kindes im Internet zu reagieren.

Gernert legt mit Generation Porno einen brillant recherchierten Ratgeber vor, der Eltern das nötige Wissen sowie praktische Tipps bietet, um den digitalen Graben zu überwinden und dem Nachwuchs auf Augenhöhe begegnen zu können.