Milla von Krockow hatte gerade ihr Abitur gemacht, und während sie auf einen Psychologie-Studienplatz wartete, drehte sie ein Bewerbungsvideo für die zweite Staffel 2007. "Dann habe ich Bescheid gekriegt, dass ich unter den letzten hundert bin, und da begann so eine Art Rausch." Sie kam auf Platz sieben, ihr Vertrag sollte bis Ende August gehen. Erst im selben Monat teilte ProSieben ihr mit, man habe von der Option Gebrauch gemacht, den Vertrag durch einseitige Erklärung um zwei Jahre zu verlängern. Milla von Krockow hatte nichts dagegen. Aber dass es ein gewisses Machtgefälle zwischen den beiden Vertragsparteien gab, dachte sie da nicht zum ersten Mal. Sie hatte es auch gedacht, als ihr Foto auf der Packung des Brettspiels zur Sendung auftauchte, was sie abgelehnt hätte, wenn man sie um ihr Einverständnis gebeten hätte. Sie dachte es auch oft, wenn sie vom Management wieder mal tagelang niemand zurückrief, wenn sie keine Informationen zu den Aufträgen bekam, sondern Anweisungen.

Letztes Jahr ist ihr Vertrag mit ProSieben ausgelaufen. Es kam diesmal kein Brief, sagt von Krockow, woraus sie schloss, dass ProSieben kein Interesse mehr an einer Zusammenarbeit mit ihr hatte. Denn inzwischen waren die dritte und vierte Staffel gelaufen, deren Finalistinnen nun statt Milla von Krockow für ProSieben zu Musikevents und Shoperöffnungen gingen. Von Krockows Modelagentur dagegen, Louisa Models, eine renommierte Agentur in München, von der sie nach der Sendung angesprochen worden war, störte sich nicht daran, dass sie nicht mehr so oft in der Öffentlichkeit zu sehen war. Neben ihrem Studium modelt von Krockow heute immer noch bei Louisa.

Milla von Krockow sagt: "Ich glaube, der Sender verdient sehr gut mit dem Format. Aber Verträge, Bezahlung, wer was verdient – darüber habe ich am Anfang überhaupt nicht nachgedacht. Das Ganze hatte eine Eigendynamik. Es war wie ein Spiel, von Runde zu Runde weiterkommen, das war das Einzige, was wichtig schien."

Ein Spiel, mit eigenen Regeln, und zu diesen Regeln gehört auch, dass sich die zumeist jungen, weiblichen Zuschauer mit den Kandidatinnen identifizieren müssen. Dass die Zuschauerinnen in den Kandidatinnen sich selbst sehen, dass sie denken: "So hübsch bin ich doch eigentlich auch." Einige Teilnehmerinnen der diesjährigen Staffel von Germany’s next Topmodel hatten nicht die gängigen Modelmaße, und was erst mal nett und richtig klingt und so, als ob man einem gängigen, fragwürdigen Schönheitsideal widersprechen wollte, macht es für den Zuschauer leichter, sich zu identifizieren: Wenn die das schaffen, dann kann das eigentlich jede schaffen. Gebraucht werden Zuschauer, die sich vorstellen, sich irgendwann einmal zu bewerben. Das aber ist das Problem für ProSieben: Die Quoten schwächeln. Im Schnitt erreichte Germany’s next Topmodel in diesem Jahr einen Marktanteil von knapp über 18 Prozent in der Zielgruppe, 6 Prozent weniger als 2009. Das Finale am 10. Juni sahen 3,57 Millionen Zuschauer, nie schauten sich weniger Menschen ein Germany’s next Topmodel- Finale an.

Vanessa Hegelmaier möchte öffentlich nicht mehr über ihre Erfahrungen als Teilnehmerin der dritten Staffel reden. "Sie ist jetzt einen Schritt weiter und sollte auch nicht mehr ständig mit dieser Sendung in Verbindung gebracht werden", sagt ihr Agent Yannis Nikolaou von der Hamburger Agentur Place Models. Hegelmaier stieg freiwillig aus der Show aus, nachdem sie, wie es in der Sendung zur Erklärung hieß, bei einem Sturz eine Gehirnerschütterung erlitten hatte. Kurze Zeit später unterschrieb sie bei Place Models. Seither ist sie auf zahlreichen Schauen gelaufen, für Dolce & Gabbana, für Louis Vuitton. Hegelmaier hat neben den Maßen, die ein Model braucht, ein ebenmäßiges Gesicht und beherrscht die Kunst, mit einem steinernen Gesichtsausdruck über den Laufsteg zu gehen. "Sie ist erfolgreich, weil sie toll aussieht und vor der Kamera wirkt. Und weil sie richtig gemanagt wird", sagt Nikolaou. "Günther Klum und Redseven Artists, das sind keine Modelagenten. Schon deshalb können aus den Teilnehmerinnen der Show keine richtigen Models werden. Die Sendung hat mit der Realität des Modelberufs nichts zu tun. Es geht um das Drama, die Mädchen sollen weinen und sich streiten und sonst wie ausflippen. Ob sie danach wirklich als Models arbeiten oder nur für ProSieben-Jingles, ist für die Quote egal."

Das bestreitet nicht einmal Sara Nuru, der kein einziges kritisches Wort zur Sendung über die Lippen käme. "Es ist eben mehr Show", sagt sie, "aber ich finde das auch nicht verkehrt. Wenn es ausschließlich um den Alltag von Models ginge, die Tag für Tag an ihrer Karriere arbeiten und von Casting zu Casting hetzen, wäre das auf Dauer auch langweilig. Dann würde das als Show nicht laufen."

Sie lächelt, zeigt ihre strahlend weißen Zähne. Augen, Mund und Wangen sind sorgfältig geschminkt, als erwarte sie, dass gleich irgendwo eine Kamera angeht. Das Make-up lässt sie älter wirken, sie ist 20, Lena Meyer-Landrut ist 19 und hat im Prinzip das Gleiche gemacht, sie hatte die gleichen Träume und Hoffnungen – und doch ist es bei ihr anders gelaufen.

Auch Lena Meyer-Landrut ist die Gewinnerin einer Castingshow, aber ihre Geschichte zeigt, dass es auch anders geht. Unterstützt von Stefan Raab, der Unser Star für Oslo erfand, verweigert Meyer-Landrut bis heute die Beantwortung privater Fragen. Sie sagt nichts über ihre Mutter, ihren Vater, Fragen in diese Richtung beantwortete sie auf einer Pressekonferenz mit "Nöööööt". Sie spielt das Spiel nicht mit, das Ergebnis lautet: Siegerin des Eurovision Song Contests, in 15 Ländern in den Hitparaden. Meyer-Landrut ist ein Star, der in einer Castingshow entdeckt wurde, aber sie ist kein Castingshow-Star. Der Erfolg von Meyer-Landrut lässt Sendungen wie Germany’s next Topmodel und Deutschland sucht den Superstar beinahe gestrig aussehen: Lena Meyer-Landrut stellte sich auf eine Bühne und sang ihre Lieder – sie musste nicht heulen, nicht zusammenbrechen, sie musste nicht ihre Bikinifigur begutachten lassen, sie musste nicht über ihr hartes, schweres Leben sprechen.

Im Laufe der Recherchen zu dieser Geschichte macht man eine merkwürdige Erfahrung: Es gibt Gerüchte, Geschichten, jeder erzählt einem etwas, und es fällt auf, dass immer wieder von sexuellen Gefälligkeiten die Rede ist, von Männern mit Macht und Mädchen mit Träumen. Fiona Erdmann nennt diese Gesellschaft "Branche", und im Laufe des Gesprächs werden ihre Schilderungen dieser "Branche" drastischer: "Es gibt halt Leute in der Branche, die nichts tun, außer sich hochzuschlafen." Wenn man sie fragt, ob sie Fehler gemacht habe, dann sagt sie: "Ich hätte nach der Show vielleicht ein bisschen weniger öffentlich lästern sollen über Heidi und die anderen." Würde sie ihrer Tochter erlauben, bei Germany’s next Topmodel mitzumachen? "Nein. Das würde ich ihr verbieten."

Etwas muss passiert sein mit den jungen Mädchen, die bei so einer Sendung mitmachen – wirklich reden will aber niemand darüber. Eine ausgeschiedene Teilnehmerin gab uns ein Interview, in dem sie eigentlich nichts erzählte, was brisant gewesen wäre. Für ProSieben dennoch Grund für einen Anruf. Eine Dame, die sie nicht kannte, meldete sich bei ihr und wies sie darauf hin, dass sie mit rechtlichen Konsequenzen zu rechnen habe, wenn sie das Interview nicht zurückziehe. Was sie dann auch tat. Jemand aus einer Modelagentur, der einige der Teilnehmerinnen kennt und namentlich nicht genannt werden will, sagt: "Die Mädchen sind so gedrillt, die sagen kein falsches Wort."

Es scheint wie ein Kartell des Schweigens, mit festen, ungeschriebenen Regeln, und es verwundert, dass junge Frauen sich diesen Regeln unterwerfen, die im Leben eigentlich andere Optionen hätten: Die Teilnehmerinnen von Germany’s next Topmodel sind zu einem großen Teil Töchter der Mittelschicht, Abiturientinnen, Studentinnen eben.