Wo gibt’s denn so was? Einen Wald, in dem es herbstens nach Weihnachten riecht, im Sommer die Eisprinzessin ihre reifüberzogenen Gläser zu Gebirgen türmt, Säulen aus Sandstein zu tanzen beginnen, auf sanften Hügeln Rehe friedlich äsen, hinter jeder Weggabelung ein bizarr geformter Schatz wartet und in dessen Mitte ein verwunschenes Haus mit jedem seiner 40 Zimmer den Besucher zu umarmen trachtet – so was gibt’s doch gar nicht.

Doch, gibt es. In Wuppertal. Nur fünf Minuten vom Hauptbahnhof. Eine Straße, in Serpentinen gewunden wie ein Alpenpass, führt hinauf in den Waldfrieden. So heißt der Skulpturenpark, den der englische Bildhauer Tony Cragg in seiner bergischen Wahlheimat eröffnet hat. An einem Wintertag vor ein paar Jahren betrat er das 16 Hektar große Gelände zum ersten Mal – und war ihm sofort verfallen. Obwohl sein Atelier wie sein Wohnhaus keine zwei Kilometer entfernt liegen, hatte Cragg den Zauberwald mit dem chinesischen Lebkuchenbaum (daher der Geruch) nie bemerkt. Früher lag hier ein Ausflugslokal, auf dessen Weltkriegsruinen der Lackfabrikant Kurt Herberts 1946 bis 1949 eine einzigartige Villa bauen ließ: einen anthroposophischen Traum in Altrosa, ohne rechte Winkel, mit weit geschwungenen Terrassen, fließend ineinander übergehenden Räumen, deren sanft wogende Wände jeden, der eintritt, liebevoll umfangen. Ein Haus wie ein lebender Organismus, aber voller Hightech: Klimaanlage, im Boden versenkbare Fenster, indirekte Beleuchtung.

Wetteifern mit der Natur um die Gunst des Besuchers: Tony Craggs Skulpturen

Herberts, ein Kunst- und Künstlerfreund, der zum Beispiel die verfemten Oskar Schlemmer und Willi Baumeister während der Nazizeit mit Jobs in seiner Fabrik über die Runden brachte, starb 1989. Die Familie stritt ums Erbe, Haus und Park verfielen – bis zu jenem frostigen Tag, an dem der weltberühmte Bildhauer sie für sich entdeckte und schließlich mithilfe seiner gemeinnützigen Tony Cragg Foundation erwarb. "Alles war kaputt, die Fenster im Haus, die Wege im Park, sogar Tierkadaver lagen herum", erinnert er sich bei einem Gang durch das Gesamtkunstwerk, das der rastlose Perfektionist penibelst renoviert hat, ohne ihm das Romantische auszutreiben. Mehrere Jahre dauerte es, bis alle Wände trockengelegt, Zäune gesichert, Bäume zurechtgeschnitten, neue Wege angelegt, Aussichtspunkte geebnet, Bänke aufgestellt waren und auf den Fundamenten des ehemaligen Schwimmbads ein gläserner Ausstellungspavillon stand. Der ist inzwischen Heimat für zwei Konzertreihen und hochkarätige Wechselausstellungen, Mario Merz machte 2008 den Anfang, Chillida, Dubuffet, Richard Long folgten, demnächst kommen Tinguely, vielleicht auch Miró und Rodin. Als Zwischenspiel zeigt Cragg Cragg, unter anderem das frostig ausschauende Glasensemble Fields of Heaven . Und 19 der 20 im Park wie für Schatzsucher versteckten Skulpturen sind auch von ihm – nicht aus Eitelkeit, wie er glaubhaft versichert, sondern weil dem komplett privat finanzierten Park für die geplante Sammlung fremder Arbeiten nach all der Renoviererei vorläufig die Mittel fehlen.

Da Craggs Formensprache zwar stets wiedererkennbar, aber nie monoton ist, droht dem Wanderer auf dem ein-, anderthalbstündigen Gang durch den Park aber keineswegs Langeweile. Allein die verschiedenen Materialien wetteifern mit der Landschaft um die größere Artenvielfalt; Bronze, roter und gelber Sandstein, Holz, Polyester, Edelstahl werden zu abenteuerlichen Gebilden gegossen, gesägt, gefräst, geschichtet, getrieben. Und so heißt denn auch die gegenwärtige Ausstellung nicht zufällig und durchaus selbstbewusst Second Nature . Obwohl tonnenschwer, scheinen Craggs Schöpfungen leichthin die Gestalt zu wechseln, sind mal technoid, dann wieder ganz organisch, makellos gearbeitet, aber nie steril. Was ein Werktitel wie Dancing Column verspricht, hält das steinerne Monstrum auch.

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Craggs vielfach ausgezeichnetes Werk versucht Formen zu finden, die es noch nicht gibt. "Es gibt Millionen Dinge, die nicht existieren, weil sie nicht nützlich sind. Das ist doch verrückt. Die Nutzungsoption der Dinge beschränkt unsere Realität." Sein Park macht also die Welt reicher – und schafft noch etwas: einen Schutzraum für die angstfreie Begegnung mit Kunst. "Heißt es nicht immer, Skulpturen seien unwichtig? Machen Sie den Test, und stellen Sie eine mitten in die Stadt: Das gibt eine tödliche Aufregung. Was keinen Nutzen hat, wird als Gefahr wahrgenommen." Das muss sich ändern, findet der bergische Brite. Waldfrieden ist eben nicht nur der alte Name des Geländes, sondern auch sein Programm.