Die Liste der Kandidaten aus Ostdeutschland für das Amt des Bundespräsidenten ist lang: Jens Reich, Steffen Heitmann, Dagmar Schipanski und Peter Sodann gehören dazu. Sie alle eint, dass sie in den letzten 20 Jahren als mehr oder weniger aussichtslose Zählkandidaten ihrer Parteien ins Rennen geschickt worden sind. Und im Moment sieht es so aus, als würde auch der Name Joachim Gauck bald dazugehören. Verantwortlich dafür wäre allein der Osten. Denn die große Mehrheit der von hier entsandten Wahlfrauen und -männer ist zwar nicht ausdrücklich gegen Gauck, aber eben auch nicht für ihn. Bei der Wahl zum Bundespräsidenten gilt jedoch: Wer nicht für Gauck ist, ist gegen ihn. Ganz einfach.

Die Fakten: In der Ost-CDU deutet momentan vieles darauf hin, dass man sich der Parteiräson beugen und für den Kandidaten Christian Wulff votieren wird. Die Linke steht auch in den Ländern recht einhellig hinter Luc Jochimsen, jener nahezu unbekannten Bundestagsabgeordneten, die sich nun für das höchste Amt im Staat bewirbt. Außer der sächsischen FDP hat sich bisher kein anderer liberaler Landesverband im Osten für Gauck ausgesprochen. Es bleiben also nur SPD und Grüne übrig; sie sind im Moment die Einzigen, die offen für den früheren Bürgerrechtler und ersten Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde streiten. Das aber wird zu wenig sein. So lässt sich die Mehrheit in der Bundesversammlung für Christian Wulff nicht kippen.

Die Stimmung in der Bevölkerung indes ist eine andere. Laut einer Umfrage von drei sächsischen Tageszeitungen würde nahezu die Hälfte der Sachsen (47 Prozent), könnte sie den Bundespräsidenten direkt wählen, ihre Stimme Joachim Gauck geben. Ein Traumergebnis, kein anderer Kandidat zuvor erhielt hierzulande je eine so breite Unterstützung. Lediglich 28 Prozent wünschen sich den niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff als Nachfolger des zurückgetretenen Horst Köhler; und Luc Jochimsen wäre weit abgeschlagen, nur acht Prozent sind für die ehemalige Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks.

Warum verweigert sich die Mehrheit der aus dem Osten stammenden Wahlmänner und -frauen, namentlich die von CDU und der Linken, dieser enormen Begeisterung, die Gauck nun auslöst? Einer Hochstimmung, die von zahlreichen prominenten Vertretern wie Uwe Tellkamp oder Monika Maron unterstützt wird und Ausdruck eines basisdemokratischen Interesses ist, eines Willens, den man sich in diesen politikverdrossenen Zeiten eigentlich nur wünschen kann.

Kurzum: Warum vergibt der Osten die einmalige Chance, die sich mit einem Präsidenten Gauck böte? Einem Mann, dessen Biografie Ungehorsam und Realitätssinn miteinander verbindet. Der ehemalige Pfarrer, der nie daran gedacht hatte, die DDR zu verlassen, obwohl drei seiner vier Kinder in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre ausgereist waren, hatte immer an die Veränderbarkeit seiner Lebensumstände geglaubt, dafür hatte er sich eingesetzt. Er teilt mit den Ostdeutschen die Erfahrung eines Umbruchs und könnte in Krisenzeiten ein Gefühl dafür vermitteln, dass es sich immer lohnt, nach neuen Wegen und Auswegen zu suchen.

Antje Hermenau darf man sich in diesen Tagen als einen glücklichen Menschen vorstellen. Die Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag berichtet von einer "großen Belebung" und sagt: "Nach 20 Jahren in den Mühen der Ebene ist es schön, das noch einmal zu erleben. Ich habe ein Déjà-vu an die Zeit der Wende." Mit der Begeisterung für den Kandidaten Joachim Gauck verknüpft sich für sie der lang gehegte Wunsch, dass da jemand käme, der endlich auch die verkrusteten Strukturen des Westens aufbrechen könnte, denn die "liegen uns wie ein zu enger Ring um den Hals".