Da haben wir den Sommer, aber das ist auch alles, was wir haben. Bemerkenswert ist nämlich eher, was alles weg ist! Es ist der Sommer der Abschiede. Lafontaine ist nicht mehr da. Nie wieder wird er mit Schröder und Scharping durch einen Säulengang schreiten, nie wieder mit dem Sohn auf den Schultern vom heimischen Balkon grüßen, nie wieder tanzen, wie nur er es konnte. Ach, das Volk vermisst zwar "Typen" in der Politik, aber nicht solche, sagt das Volk, doch das Volk war auch nicht immer Lafontaines Typ.

21 Prozent aller Deutschen vermissen dafür Roland Koch, der ebenfalls die große Flatter gemacht hat. Das sind doppelt so viele, wie FDP gewählt haben, und viermal so viele, wie es heute wieder tun würden. Nein, Roland Kochs Abschied zu bedauern kommt einer Selbstbestrafung gleich, denn was wird nun fehlen: seine Kampagnen gegen Zuwanderer und "kriminelle Ausländer", seine nimmermüden Initiativen, an den Bedürftigen zu sparen, seine Falschaussagen und die Manipulation eines Rechenschaftsberichts… Doch nein, das war ja bloß eine "Dummheit", wie Koch dann einräumte, und die habe für uns Wähler nur Vorteile, erfuhren wir doch auf diese Weise, laut Koch, dass es keine perfekten Menschen, also auch keine perfekten Politiker, also auch keinen perfekten Staat gibt, wie wir hierzulande immer geglaubt hatten. Nun endlich wissen wir, was uns die deutsche Politik immer so unmenschlich hatte erscheinen lassen: ihr Mangel an Dummheit oder auch an Skrupeln, denn jetzt empfängt die freie Wirtschaft Koch mit offenen Kassen.

Andererseits ist die CDU plötzlich eine Partei ohne Leute für die Drecksarbeit, und weil mit diesen lauwarmen Thermaldemokraten kein Staat zu machen ist, muss Sigmar Gabriel immer neue Goldadern des Rohstoffs Empörung in sich entdecken. Wann immer er zum Mikrofon schreitet, weiß man, jetzt kommt wieder eine volle Dosis rhetorischer Problemzonengymnastik, hitzig und voller Fäuste-Schwenken. Wenn aber Wolfgang Thierse schweigend in einer Sitzblockade gegen Neonazis demonstriert, kommt Kritik auch aus den eigenen Reihen. So viel gelebter Widerstand ist einfach zu viel in einer Zeit, in der die Welt den Antifaschismus in einer Überschrift als "Deppensport" bezeichnete, was in der allgemeinen Anti-68er-Rage gar nicht mehr weiter auffiel.

Der Präsident ist auch weg. Er hatte, wie die Präsidenten und die Liedermacher vor ihm, versprochen, "unbequem" zu sein, doch am Ende wurde ihm das selbst unbequem, und so bleibt er dein Präsident, das unbekannte Wesen, sagt etwas Missverständliches, tut etwas Schwerverständliches und erntet das Verständliche: vollstes Unverständnis. Trotzdem macht uns sein Amtsverzicht Hoffnung, weiß man doch: Eine Krise, in der das Staatsoberhaupt aus solchen Gründen zurücktritt, kann so schlimm nicht sein. Wäre die Krise nämlich tief und furchtbar, dann hätte der Rücktritt das Amt des Präsidenten stärker beschädigt, als es die Kritik am Amtsinhaber vermochte.

Üblicherweise entkommen Politiker, die von der Fahne gehen, in die Privatwirtschaft, denn da können sie noch was werden – so wie Joschka Fischer, der jetzt sein Geld irgendwo zwischen Gasindustrie und einer Firma von Madeleine Albright verdient. Doch glücklich macht das wohl nicht. Zwar wächst ihm der rote Teppich unter den Füßen immer nach. Aber wenn er mit Minu Barati darüber hergeschritten kommt, sieht das nicht aus wie ein Paarlauf, eher wie eine Geiselnahme. Er schaut dann in die Kamera, brüskiert und von den Kameraleuten offenbar angewidert, ein Mann, der eben einen Ekel-Alfred-Wettbewerb für sich entschieden hat, aber einen, bei dem Ekel Alfred selbst nur den zweiten Platz machte, und seine Frau teilt den Journalisten mit, sie könnten froh sein, dass sie einen Satz zu ihnen gesagt habe. Kostenlos.

Sarah Ferguson, ehemals als "Miss Donnerschenkel" und "Schande Englands" verspottete Prinzen-Ex, bot dagegen einem Reporter harsch und betrunken ein Gespräch mit dem Exgatten für 500.000 Pfund an. Da war Rüttgers ein Schnäppchen.

Wer ist sonst noch verschwunden? Michael Ballack aus Verletzungsgründen, Jens Lehmann aus Altersgründen und der Nimbus der FDP aus guten Gründen. Zwar hat die Partei in Generalsekretär Christian Lindner auch ihren zu Guttenberg – Kleidung, Rhetorik, Selbstliebe, alles tipptopp und wie gecastet, aber die Inhalte, die viel beschworenen Inhalte, soll man behandeln wie Tütensuppenpulver: fünf Minuten wallen lassen, dann ist alles fertig. Und für die Ergebnisse gilt das Gleiche.