Im Moment des Abpfiffs beginnt das zweite, höhere Leben eines Fußballspiels. Es wird versiegelt, umkreist, durchleuchtet; es verwandelt sich in ein abgeschlossenes Forschungsgebiet. Das Spiel ist tot und wird zum Kunstwerk – wie der Katzenhai, den der englische Künstler Damien Hirst so spektakulär in Formaldehyd gegossen hat.

Die Schlacht ist geschlagen, die Bestie ist erlegt, es beginnt: die Legende. Die Nachbereitung des Spiels, das Gespräch über Fußball ist erst das wahre Fußballglück. Es ist die Kunst, über Vergangenheit so zu reden, als wäre sie zu ändern. Dazu braucht man Experten. Sie beugen sich über Leuchtpulte, lassen das vergangene Spiel vor- und zurücklaufen, sie überfliegen es mit dem Blick des Lesers, der ein Buch zum zweiten Mal liest, sie fügen dem Spiel alternative, nie stattgefundene Spielzüge hinzu.

Es sind immer mehrere Leute, die diese Arbeit tun, das Festhalten und Zurückdrehen der Zeit, für einen allein ist das zu schwer. Beim ZDF sind Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn im Einsatz, es ist das hölzernste Gespann dieser WM. Die beiden kommen verbal nicht aus dem Quark, breiig und vorhersehbar ist ihr Dialog, ohne Spannung und Witz das Zusammenspiel, dies könnte auch die Doppelmoderation des ZDF-Morgenmagazins sein oder die festliche Eröffnung eines Autohauses. Beide Kommentatoren mögen in der Lage sein, ein Fußballspiel zu "lesen" – aber sie sind unfähig, vom Drama zu erzählen.

Wesentlich besser machen es, auf RTL, Jürgen Klopp und Günther Jauch. Klopp, Trainer bei Borussia Dortmund, ist ein Fußball-Erzähler auf Ballhöhe, sozusagen der Simultanübersetzer der Spielgeschehnisse. Und Jauch, dem alten Lakoniker, unterläuft, wie üblich, kein Fehler; die beiden sind sehr souverän, aber: Es entwickelt sich zwischen ihnen kein Konflikt. Sie sind sich in der Spielanlage zu ähnlich.

Die ARD hat die unterhaltsamsten Konstellationen: Der spröde, kluge, unkäuflich wirkende Mehmet Scholl ist ein gutes Gegenmittel gegen den mit zunehmendem Alter immer dicker auftragenden, selbstverliebteren Moderator Reinhold Beckmann.

Am besten wird man immer noch versorgt, wenn in der ARD das Duo Netzer und Delling auftritt: der alte Weltklassespieler gegen den schnoddrigen Mann vom Sender. Es ist wie bei Dinner for One. Man wird an diesem Abend nichts Neues erleben, das Alte aber in Perfektion. Günter Netzer und Gerhard Delling zitieren schon lange nur noch aus ihren schönsten Zweikämpfen. Sie geben uns dieselbe tröstliche Gewissheit, die ein in Zeitlupe gesehener Torschuss, ein immer neu analysierter Spielzug in uns erwecken: dass die Zeit stillsteht und uns allen nichts passieren kann, solange wir über Fußball reden.

Netzer schaut, während er spricht, gern zwischen Kamera und Delling hindurch ins Leere und zeigt uns seinen berühmten glasigen Blick. Er scheint nach innen zu blicken und einen Gedanken zu suchen, mit dem er seinen Satz beenden könnte.

Günter Netzer ist der einsilbigste Kommentator des Fußballs, der Buster Keaton unter den Rhetorikern. Sein Auftritt suggeriert, dass es eine Zumutung sei, über Fußball zu reden, wenn man in der Lage ist, Fußball zu spielen. Netzers Kopf ist ja voll von erlebten Fußballszenen, er hat, was er vom Spiel weiß, auf dem Spielfeld längst gezeigt. Er hat es "umgesetzt" und "abgerufen", wie man heute sagt. Muss er nun noch drüber reden – mit diesem Überleitungs-Kasper Delling?

Netzer und Delling, zwei respektable komische Schauspieler, spielen stets dasselbe Kammerspiel: Sie spielen den Urkonflikt zwischen dem Kritiker, Einmischer, Experten, der über eine Kunst nur redet (Delling), und dem Künstler, der sie tatsächlich beherrscht (Netzer). Man hört, dass die beiden in Wahrheit befreundet sind, doch vor der Kamera arbeiten sie daran, einander unverdrossen misszuverstehen – Netzer, der mit Mühe die Worte findet ("In der Tat." "Das ist zu loben." "So ist Fußball."), gegen Delling, dem der Mund überläuft. Delling, der den Stoiker Netzer neckt; Netzer, der den beflissenen Delling voller Genuss auflaufen lässt.