Der Raum ist eng und staubig. Schachteln stapeln sich auf schiefen Regalen bis unter die Decke. Hinter dem Tresen steht ein bärtiger Mann in einer langen Robe und blickt streng über den Rand seiner Brille auf einen sommersprossigen Teenager. Lindsey heißt das Mädchen. Es ist gekommen, um einen Zauberstab zu finden, der zu ihm passt.

Der alte Mann probiert es mit einem Eichenstab. "Versuch mal, damit die Türglocke zum Läuten zu bringen." Kurz darauf ertönt ein ohrenbetäubendes Geschepper, das gar nicht mehr aufhören will. Das war wohl nichts. Zweiter Versuch: Eibe – mit einem Kern aus Drachenherzfaser. Eine ganze Reihe Pappkartons poltert die Regale herunter. Lindsey wird langsam nervös. Schließlich nestelt der alte Mann eine Weidenrute hervor, und tatsächlich, diesmal scheint es der richtige zu sein. Das Mädchen steht in einem Kreis aus Licht, ein Windstoß spielt in seinen Haaren, Sphärenmusik erklingt. "Das hätten wir", sagt der alte Mann.

Harry-Potter-Leser kennen ihn als Ollivander, den besten Zauberstabhändler der Welt, alle britischen Hexen und Zauberer kaufen bereits seit 382 vor Christus bei ihm. In Orlando, Florida, kommen nun auch sogenannte Muggel, also Menschen ohne übernatürliche Begabung, in den Genuss seiner Künste. Hier wurde am 18. Juni auf gut acht Hektar die Wizarding World of Harry Potter eröffnet – der erste Themenpark, in dem auch die Fans des berühmten Zauberschülers auf eine magische Reise gehen können.

Sie beginnt an der Station des Hogwarts-Express, der in den Büchern zwischen dem Gleis neundreiviertel des Londoner Bahnhofs King’s Cross und dem schottischen Dorf Hogsmeade verkehrt. Auf dem Weg zur Zauberschule Hogwarts passiert man eine sehr britisch anmutende Gasse mit vielen kleinen Wirtshäusern und Läden. Darunter auch Ollivanders Geschäft, das im Original allerdings nicht in dem schottischen Dorf, sondern in der Londoner Winkelgasse steht.

Wer hier, wie Lindsey, einen passenden Zauberstab gefunden hat, kann ihn im Nebenraum gleich erwerben, für 28,95 Dollar. Der Souvenirladen Dervish and Banges hat die entsprechende Zaubergarderobe im Angebot. Viele Besucher haben sich schon eingedeckt. Am Eröffnungstag wimmelt es nur so von Hexen und Zauberern. Jason – im wirklichen Leben ein Muggel aus Wisconsin – schwitzt heftig unter dem schweren Gewand. Doch er schwört: "Das zieh ich heut nicht mehr aus." Seine Freundin Jennifer spielt mit einer golfballgroßen Kugel mit silbernen Flügeln. Ein goldener Schnatz, erklärt sie, das wertvollste Element im Quidditch-Spiel der Zauberschüler.

Die Magie von Harry Potter verkauft sich gut. Die Romane von Joanne K. Rowling wurden in 67 Sprachen übersetzt und gingen weltweit mehr als 400 Millionen Mal über den Ladentisch. Die Verfilmung spielte über 4,4 Milliarden US-Dollar ein. Dennoch begnügen sich Warner Bros. und Universal Orlando Resort – die beiden Betreiber des Themenparks – nicht damit, die Kulissen der Erfolgsfilme nachzubauen. "Wir wollen unseren Besuchern das Gefühl geben, in einer anderen Welt gelandet zu sein", sagt Artdirector Alan Gilmore. Monatelang ist er durch England, Schottland und Irland gereist, um nach Anregungen zu suchen. Die Vorlage für das Gewächshaus von Hogwarts mit seinem verschnörkelten Eisengerüst fand er in Irland. Die rustikalen Tische und Stühle im Wirtshaus Die drei Besen sind Reproduktionen der Einrichtung eines 500 Jahre alten Bauernhauses in England.

Nur eins konnte Gilmore in Florida nicht reproduzieren: das schottische Wetter. Es ist heiß im amerikanischen Hogsmeade. Die Sonne brennt unerbittlich, das T-Shirt ist nass vom Schweiß. Da hilft auch der künstliche Schnee nichts, der auf den Dächern der Winkelgasse glitzert. Ohne Kopfbedeckung und Wasserflasche ist man hier verloren. Zum Glück führt die Warteschlange für die Verbotene Reise, die Hauptattraktion des Parks, durch die kühlen Hallen der Zauberschule Hogwarts.