Telefonieren wie Captain Kirk

Seltsam: Da bringt Apple mit viel Tamtam das neue iPhone 4 heraus und kürt weder das brillante Display noch die eingebaute HD-Videokamera zur Hauptattraktion, sondern "Facetime". Das kann man mit "von Angesicht zu Angesicht" übersetzen – so haben die Werbeleute des Konzerns eine Funktion getauft, die Bildtelefonate mit anderen iPhone-Besitzern ermöglicht. Während der Vorstellung Anfang Juni hob der Apple-Chef Steve Jobs sich die Neuigkeit sogar als Schlusspointe auf und schwärmte, damit werde endlich ein Traum seiner Jugend wahr.

Videotelefonate, ausgerechnet! Außer Drehbuchautoren von Science-Fiction-Serien wie Raumschiff Enterprise oder Raumpatrouille konnte sich bisher kaum jemand dafür begeistern. Nicht in den dreißiger Jahren, als der erste "Bildfernsprechdienst" zwischen Berlin und Leipzig eingeweiht wurde, nicht 1997, als die Telekom mit viel Brimborium ISDN-Bildtelefone einführte. Auch nicht 2004, als die ersten Handys mit Kamera auf der Vorderseite verkauft wurden. Lediglich Videochat am Computer per Skype hat sich rasant verbreitet – dafür muss man sich aber auch kein eigenes Gerät anschaffen.

Auf den zweiten Blick erscheint Apples Wahl dennoch als klug. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht, Videotelefonaten endlich auch jenseits des Computers zum Durchbruch zu verhelfen – vorausgesetzt, Steve Jobs und seine Leute treffen weiterhin die richtigen Entscheidungen.

Die Technik funktioniert schon einmal prima, die Bildqualität ist gut, das Gefilmte ruckelt nur selten, und das Gesprochene erreicht die andere Seite oft sogar klarer als in normalen Handygesprächen. Das liegt vor allem daran, dass Bild und Ton nicht per Mobilfunk übertragen werden, sondern nur über WLAN-Netze: Ist drahtloses Internet in Reichweite, hat ein iPhone-4-Besitzer zwei Möglichkeiten, eine Videokonferenz zu beginnen. Entweder wählt er ganz normal und drückt, wenn sein Gegenüber den Anruf annimmt, auf ein eingeblendetes Kamerasymbol. Oder aber er baut direkt eine Sichtverbindung auf – was natürlich nur geht, wenn der Angerufene in einem WLAN angemeldet ist.

Aus den vielen gescheiterten Versuchen, Bildtelefonate auf dem Handy populär zu machen, hat Apple offenbar gelernt: Während zum Beispiel die Telekom von ihren Handykunden nach wie vor bis zu 59 Cent für eine Sichtminute verlangt, sind Facetime-Gespräche kostenlos. Auch dann, wenn sie mit einem normalen Anruf beginnen. Denn die Handyverbindung wird im Hintergrund beendet, sobald beide Gesichter auf dem Schirm erscheinen. Anders als früher ist das Videotelefonat also billiger, nicht teurer.

Zudem muss man kein Programm auf seinem neuen Telefon installieren, sich nirgendwo anmelden oder einloggen (wie etwa bei Skype). Jeder Käufer des neuen iPhones ist vom ersten Tag an ein potenzieller Gesprächspartner. Verkauft Apple von seinem neuen Handy – wie von vielen erwartet – wieder monatlich eine Million Exemplare und mehr, gibt es bald eine kritische Masse von Benutzern.

Damit das mobile Vier-Augen-Gespräch so richtig populär wird, gilt es aber noch zwei Herausforderungen zu meistern: Erstens sollte Apple Facetime auch auf andere Geräte als das Telefon bringen. Dies scheint auch der Plan zu sein: Jobs hat vollmundig angekündigt, bis Ende des Jahres werde Apple zig Millionen Facetime-Geräte ausliefern. Allein mit dem neuen iPhone wäre das selbst bei riesiger Nachfrage kaum zu schaffen. Welche anderen Geräte gemeint sein könnten, darüber schweigt der Hersteller sich allerdings noch aus. Denkbar wäre, dass die nächste Generation iPods oder iPads Extrakameras für Videogespräche besitzen. Noch einfacher könnte der Konzern neue Nutzer gewinnen, wenn er sein Videochat-Programm iChat Facetime-tauglich machen würde – dann wären auf einen Schlag alle Mac-Besitzer vom iPhone 4 aus erreichbar.

 

Am allerbesten wäre natürlich, Apple würde auch seine Konkurrenten von Facetime überzeugen, Skype etwa oder auch Google und Microsoft, die ja eigene Betriebssysteme für Handys entwickeln. Gelänge das nicht und könnte man künftig nur von iPhone zu iPhone videochatten – dann wäre das ungefähr so, als könnte Captain Kirk den Romulanern nicht ins Gesicht schauen, nur weil in ihren Raumschiffen eine andere Software läuft.

Steve Jobs hat immerhin versprochen, aus Facetime einen offenen Standard zu machen – was nicht unbedingt Apple-üblich ist. Wie ernst er das meint, wird sich zeigen, wenn sich zum Beispiel die ersten Google-Entwickler melden und Zugriff auf jenen Apple-Server verlangen, der im Hintergrund kontrolliert, wen man per Videotelefon erreichen kann und wen nicht.

Der letzte Schritt wäre dann, Facetime auch für Mobilfunknetze zu öffnen. Angeblich verhandelt der Hersteller bereits mit einigen Netzbetreibern darüber – er wird allerdings jede Menge Überzeugungsarbeit leisten müssen. Denn angesichts kostenloser Videotelefonate würde wohl kaum noch jemand für normale Telefonminuten zahlen wollen. Die Telekom, hierzulande Apples exklusiver Netzpartner, diskutiert bereits intern, unter welchen Bedingungen sie Facetime im eigenen Netz zulassen will, "alles andere wäre fahrlässig", gibt ein Pressesprecher zu.

Dass er damit recht behalten könnte, deutet eine – kleine – Umfrage von Marktforschern der UBS-Bank vor New Yorker Apple-Läden an: Demnach nennen 68 Prozent aller Käufer des neuen iPhones Facetime als die interessanteste Funktion.

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