Und raus bist du – Seite 1

Kurz vor der Eröffnung des Kindergartens im Mai 2009 kam der Willkommensgruß. Er zerschmetterte die Frontscheibe und blieb inmitten der Scherben auf dem Esszimmerboden liegen, da, wo jetzt die niedrigen Tische mit den Zwergenstühlen stehen. Grau und kiloschwer kündete der Pflasterstein davon, was manche in der bürgerlichen Hamburger Wrangelstraße vom Zuzug des Kindergartens SterniPark hielten. Wenige Tage später hat die leitende Pädagogin im Briefkasten einen Zeitungsbeitrag gefunden, in dem es unter eindrucksvollen Flammenfotos um eine abgebrannte Kindertagesstätte ging. Es war kein Kommentar dabei, doch verstanden hat sie auch so.

Jene Eltern aus dem Stadtteil Eimsbüttel, die ihre Kleinkinder in die neue Kita brachten, mussten an selbst gebastelten Schautafeln vorbei, auf denen Anwohner Zeitungsartikel zusammengestellt hatten, in denen dem Kindergartenträger SterniPark Geschäftemacherei vorgeworfen wird. Solche Veröffentlichungen wurden durch die Pressekammer des Landgerichts inzwischen verboten, zunächst aber entfalteten sie durchaus ihre Wirkung. An den Bäumen prangte das Foto des amtierenden CDU-Sozialsenators Dietrich Wersich mitsamt der Schlagzeile "Ich kann den Ärger der Anwohner verstehen".

Dass der kinderlose Senator sich so mit den Anwohnern solidarisierte, ist erstaunlich. Tut der Verein SterniPark nicht genau das, was die Stadt Hamburg – und besonders die Sozialbehörde – von Kindergartenträgern erwartet? Er eröffnet und betreibt Kindergärten, inzwischen sind es elf, in denen hamburgweit knapp 1500 Kinder betreut werden.

Mit dem sogenannten Kinderförderungsgesetz strebt die Bundesregierung bekanntlich den weiteren "erheblichen Ausbau von Betreuungsangeboten für Kinder unter drei Jahren" an – und zwar bis 2013. Allein für Hamburg bedeutet das: Der Stadtstaat muss in den nächsten drei Jahren irgendwie 5000 Krippenplätze schaffen. Aber wo?

Die Hansestadt verdichtet sich, junge Familien ziehen zu, gern auch ins sogenannte Generalsviertel, in dem die nach einem preußischen Generalfeldmarschall benannte Wrangelstraße liegt. Deshalb wimmelt es hier von Babys und Kleinkindern. Und wer durch die grünen Alleen mit den gepflegten Gründerzeithäusern wandert, der könnte glatt vergessen, dass nur noch in 18 Prozent der Hamburger Haushalte überhaupt Minderjährige leben, dass Deutschland eine sich selbst auslöschende Nation ist, in der die Ein-Hund-Familie den Normalfall darstellt und die zukunftslosen Alten die Politik bestimmen. Wer hier entlangschlendert, muss unentwegt Buggykarawanen ausweichen oder sieht übernächtigte Eltern geduldig auf bockige Zweijährige warten, die heulend aufs Straßenpflaster trommeln. Auf den Spielplätzen stehen die Schaukeln und Wippen auch bei Nieselwetter nicht still. Deshalb hat SterniPark in der Wrangelstraße gleich zwei der hübschen alten Stadtvillen gekauft und darin – von Anwohnerprotesten begleitet – Kitas eröffnet. Dass einige Nachbarn daraufhin vor das Verwaltungsgericht gezogen und andere von Haus zu Haus gewandert sind, um Unterschriften gegen die Kindergärten zu sammeln, als handle es sich um Mülldeponien, hat den Trägerverein nicht weiter beeindruckt.

Immerhin haben Anlieger durchsetzen können, dass die Kinder nachmittags die Gärten ihrer Kitas nicht betreten dürfen und die tatsächliche Zahl der genehmigten Kindergartenplätze stark hinter der geplanten zurückbleiben musste. Letzteres könnte auf lange Sicht dazu führen, dass sich für SterniPark das Unternehmen Wrangelstraße nicht rechnet, weil Bankkredite für den Häuserkauf bedient werden müssen. Marta Wojciechowska jedenfalls, die Leiterin der zwei umstrittenen Kindergärten, könnte ihre Kitas gleich dreimal füllen, stattdessen, sagt sie, dürfe sie nur jeweils 25 Kinder aufnehmen, obwohl doch pro Kita für über 40 Platz wäre. Kein Tag vergehe, an dem nicht junge Frauen bei ihr anklopften auf der verzweifelten Suche nach einem Betreuungsplatz für ihr Kind. "Die Anwohner behaupten zwar, in unserem Viertel sei der Bedarf an Kindergärten längst gedeckt", sagt Marta Wojciechowska. "aber das ist falsch und eine Gemeinheit gegenüber den Eltern."

Wer auf die Spielplätze im Generalsviertel geht und die Frauengrüppchen dort anspricht, der kriegt sie zu hören, die Geschichten von der Wanderschaft von Kita zu Kita, von den zahlreichen Absagen und den endlosen Wartelisten. Bascha W. aus der Kottwitzstraße zum Beispiel hatte sich – wie ihre Freundinnen auch – bei diversen Kindergärten in die Schlange der Bewerber eingereiht und stand auf aussichtslosen Positionen zwischen Platz 50 und Platz 70, als ihr eine Nachbarin steckte, in der Wrangelstraße eröffne SterniPark zwei neue Kitas. In einer davon hat sie ihren Dreijährigen unterbringen können, und sie ist hochzufrieden: "Gute Angebote, gutes Essen. Der ganze Laden ist professionell." Jeden Tag bringt sie den Kleinen zu Fuß um die Ecke in die Wrangelstraße. Anfeindungen durch Anlieger hat sie dabei nie zu spüren bekommen.

Auch den Gruß der Kita-Leiterin Marta Wojciechowska erwidern die Leute aus der Wrangelstraße immer außerordentlich liebenswürdig. Umso größer war der Schock, als sie Anfang 2010 einmal auf einer der Bürgerversammlungen im Bezirksamt gewesen ist, in denen es um ihre Kitas ging. Da hat Frau Wojciechowska einige ihrer Widersacher – deren Verdruss sich sonst vornehmlich in scharfen Briefen ans Bezirksamt oder erbitterten Schriftsätzen ans Gericht entlädt – leibhaftig in Aktion erlebt: Einer habe Fotos verteilt, auf denen er die Kinder zu nicht genehmigter Stunde im Garten spielend geknipst hatte, erinnert sich die Pädagogin. Ein anderer, der nicht einmal neben einer Kita wohne, habe sich über den "mangelnden Schallschutz innerhalb des Hauses" beschwert. Und die 30-Jährige ist erschrocken, "welcher Hass in den Mienen mancher Menschen steht, wenn sie vor dem Mikro öffentlich über uns reden". Gut aussehende, privilegierte, gebildete, liberal wirkende Hanseaten, die in beschaulichen Stadtvillen wohnen und die plötzlich – da persönliche Interessen angetastet sein könnten – mit "hektischen Flecken am Hals und Schaum in den Mundwinkeln" gegen Kindergärten zu Felde ziehen.

 

Spielende Kinder machen heute für viele keine Zukunftsmusik, sondern Lärm

Hektische Flecken, Schaum vor dem Mund – übertreibt die Frau da nicht ein bisschen? Zwei Monate später anlässlich einer aktuellen Bürgerfragestunde im Bezirksamt Eimsbüttel kann sich die Reporterin selbst ein Bild von der Anti-Kindergarten-Bewegung machen. Etwa 20 gepflegte Damen und Herren sind erschienen. Wieder hat jemand bei der Behörde Fotos eingereicht, diesmal welche, auf denen Mängel an einem Geländer des Kindergartens erkennbar sein sollen. Warum der Betrieb nicht eingestellt werde angesichts solcher Übelstände, lautet die Frage an den Bauamtsleiter. Auch der Fluchtweg von einer Terrasse wird als unzureichend beanstandet. Dann geht es um nicht kindgerechte Stababstände von Handläufen, zu hohe Stufen und zu niedrige Fensterbrüstungen. Ein Zufallsgast, der – sich in der Tür irrend – in diese Anhörung geraten wäre, könnte glauben, eine überängstliche Schar (sehr später) Eltern oder Großeltern vor sich zu haben, die aus Sorge um ihre Abkömmlinge ganze Kindergärten zentimeterweise vermessen haben. Wer käme angesichts einer solchen Anteilnahme am Wohlergehen der Allerjüngsten auf die Idee, dass die vortragenden Personen gerade darauf hinwirken, von ebendiesen Jüngsten verschont zu bleiben? Jetzt rügt einer, die Kinder seien dabei beobachtet worden, wie sie "zwischen Handwerkern" hätten spielen müssen, und fordert zackig: Da sollte behördlicherseits rasch die "Kavallerie losgeschickt" werden.

Die Vertreter der Stadt aus dem Amt für Wirtschaftsförderung und Bauen bleiben gefasst. Sie verströmen die routinierte Gelassenheit von Menschen, die eine solche Performance nicht zum ersten Mal erleben. Die Behörden haben beide Kindergärten geprüft und genehmigt. Beanstandungen gab es nicht. Fürs Bezirksamt sind die Kindergärten Wrangelstraße kein brennendes Thema mehr.

Die Sache stellt sich aus übergeordneter Perspektive ohnehin ganz anders dar. Zum Beispiel dem Chef des Baudezernats im Bezirksamt Eimsbüttel, Reinhard Buff. Dessen Aufgabe ist das Funktionieren eines ganzen Stadtteils, weshalb er weniger das Einzelinteresse als das Große und Ganze im Blick haben muss. Dabei hilft ihm, dass sich sein Büro im zehnten Stock eines Hochhauses befindet, vor dessen Panoramafenstern sich unter anderem das Generalsviertel ausbreitet. Einen Stadtplan braucht Buff hier oben nicht. Er zeigt auf die Baukräne: 500 bis 600 Wohnungen entstehen pro Jahr in seinem Bezirk. "Doch das ist immer noch zu wenig." Vor jeder Mietwohnung stehen 100 Bewerber. Und von den 250.000 Eimsbüttlern sind mehr als 12.000 jünger als sechs Jahre. Ihre Mütter sind fast alle berufstätig. "Wir fördern die Emanzipation der Frauen", sagt Buff, "deshalb brauchen wir Kindergärten."

Buff kennt die Anwohner aus der Wrangelstraße. Er hat die Flut ihrer Wutschreiben gelesen und ihre Auftritte bei Bürgeranhörungen verfolgt. Missbilligung steht ihm ins Gesicht geschrieben. "Ihre Argumente gehen an der Sache vorbei", sagt er. Hamburger Bürger würden tendenziell immer kritischer, "um nicht zu sagen egoistischer". Buff ist seit 16 Jahren im Baudezernat, doch die um sich greifenden antisozialen Bestrebungen der Menschen – vor allem der bessergestellten – werden mit der Zeit zum Problem für seine Behörde. Behindertenwohnheime, Sportplätze, Krankenhäuser und Pflegeheime – alles müsse inzwischen gerichtlich durchgesetzt werden. "Welche soziale Einrichtung auch droht, es wird Front gemacht." Besonders gegen Kindergärten. Diese seien für viele kein Quell der Zuversicht mehr, sondern bloß noch Ursache für die Abwertung des eigenen Grundstücks. Und die jungen Eltern stünden hilflos da. "Denen läuft die Zeit davon: Sie fangen in ihren Berufen an, ihre Kleinkinder wachsen, und sie brauchen schnell einen Kindergartenplatz", sagt Buff. In der Gegenpartei haben sich vor allem gut situierte Besitzstandswahrer aufgestellt, die ein Ziel haben: Alles soll bleiben, wie es ist.

Als eine der Speerspitzen der Anti-Kita-Bewegung darf der Plakatkünstler Holger M. gelten. Er ist 70. Kinderlos. Wohlhabend. Er wohnt in der Wrangelstraße und klagt im Eilverfahren gegen die Umwidmung des Nachbarhauses in einen Kindergarten. In den Schriftsätzen seines Anwalts steht, M. mache von seinem "subjektiv-öffentlichen Abwehrrecht" Gebrauch. In der Straße herrsche eine "Unterversorgung mit Stellplätzen", so komme es nicht nur zu Stauungen, sondern durch das Zuparken des Stellplatzes für sein Cabrio auch "praktisch täglich" zu Spannungen.

Wer mit M. über seinen solchermaßen getrübten Alltag reden will, muss allerdings Zeit haben, denn der Künstler ist in seiner Stadtvilla nicht ohne Weiteres erreichbar. Erst weilt er auf dem Lande, dann ist er in den USA, darauf wieder in Berlin. Erst nach vierwöchigen Bemühungen kommt es zum Treffen. M., ein gut rasierter älterer Herr, lebt inmitten von exzentrischen Skulpturen, auf dem Fußboden liegen Plakate. Im Gespräch weist er vehement von sich, ein "Kinderhasser" zu sein, zugeparkte Ausfahrten bezeichnet er als "Bagatellprobleme", die man "getrost vergessen" könne. Dass er gerade 19 Fotos von schief geparkten Autos beim Verwaltungsgericht eingereicht hat, um ein angeblich erhöhtes Verkehrsaufkommen durch den benachbarten Kindergarten zu dokumentieren, sagt er nicht. M. stellt klar, dass sein Angriff nicht den Kindern gelte, sondern "explizit dem Träger SterniPark", den er im Weiteren als "Gelddruckmaschine in der Maske des Sozialen" bezeichnet. Der Tenor seiner Ausführungen: Das Motiv der geschäftsführenden Familie Moysich sei nicht die von ihr behauptete Kinderfreundlichkeit, sondern blanke Gier. In M.s Erzählungen erscheint SterniPark als eine Art Krake, der sich über niedliche Stadtvillen stülpt und sie sich schmatzend einverleibt. Für seine Behauptungen hat er jedoch keinen überzeugenden Beleg. Der Schwall seiner Anwürfe versickert im Ungreifbaren. Auf jede Nachfrage folgen weitere Schreckensgeschichten – oft bloß vom Hörensagen.

Als Beweis für Missstände bei SterniPark legt M. die Kopie eines auf den 4. März 2010 datierten "Beschwerdebriefs" von Kindergarteneltern an die Geschäftsleitung vor. Darin steht jedoch kaum etwas, das über die typischen Anfangsprobleme einer neuen Kita hinausweist: Die Fragen, wann der Kinderwagenunterstand komme und der Keller winddicht gemacht werde, und allerlei Abrechnungshinundher.

Bedauerlicherweise kann M. nicht mehr sagen, wer jener Vater war, der ihm dieses Schreiben für eine Ablichtung überlassen haben soll, was umso ärgerlicher ist, als durch einen Kopierfehler seinerseits auch keinerlei Unterschrift erkennbar ist. Die SterniPark-Geschäftsführerin Leila Moysich teilt mit, sie habe tatsächlich einen ähnlichen Brief von einer Mutter erhalten – allerdings Anfang Februar 2010, also vier Wochen früher und gleich nach Eröffnung der zweiten Kita. Die darin angesprochenen Ärgernisse hätten sich rasch aus der Welt schaffen lassen. Von einem zweiten Brief im März weiß sie nichts.

Immerhin muss man M. zugutehalten, der einzige Kita-Gegner aus der Wrangelstraße zu sein, der das Visier hochklappt. Andere rufen die Reporterin entweder gar nicht erst zurück, verweisen gegenseitig aufeinander oder wollen Einfluss nehmen, ohne identifizierbar zu werden. In beziehungsreichem Tonfall bieten sie "Hintergrundinformationen über den Betreiber" an, mit denen sie aber keinesfalls zitiert werden wollen. Alles "aus Angst vor SterniPark", wie M. beteuert. Und er wiederholt auffällig häufig, dass wirklich niemand in der Straße auch nur das Leiseste gegen Kinder habe und die Aversion der Anlieger ausschließlich gegen SterniPark gerichtet sei.

 

In Klagen zweier Anwohner an das Verwaltungsgericht spiegeln sich andere Tendenzen: Da ist von den "erheblichen Immissionen" und dem "massiven Lärm" die Rede, der von solch einer "unnatürlichen Konzentration von Kindern" ausgehe. Diese "vollkommen unerträgliche und inakzeptable Belastung" führe auf Dauer zu "Gesundheitsbeeinträchtigungen der Nachbarn". Das Hohelied jener Politiker, die Kinderlärm als Zukunftsmusik bezeichneten, heißt es da, dürfte "abrupt in schrille Dissonanzen" umschlagen, sollten diese Politiker selbst von solcher Nachbarschaft betroffen sein.

Warum bloß machen dann der Anliegerin Ute S. die Kitas nichts aus? Und das, obwohl ihre Villa in der Wrangelstraße direkt neben einem SterniPark-Kindergarten liegt und sie viel zu Hause arbeitet? Auf Klopfen öffnet sie prompt die Haustür: "Kommen Sie rein." Frau S. sieht ein bisschen unkonventionell aus mit ihrer Fransenfrisur, den Ketten und den punkigen Stachelarmbändern. Ihre Küche ist bunt gestrichen, auf der Heizung stehen schwarze Cowboystiefel mit Silberringen. "Ich habe keine Probleme mit den Kindern, es ist sehr ruhig", sagt sie. Anfangs hat Frau S. selbst zur Anti-Kita-Initiative gehört, aber als ihre Befürchtungen nicht eintrafen, ist sie wieder abgesprungen. Vielleicht hat ihr Sinneswandel auch damit zu tun, dass Frau S. als Raucherin und Besitzerin zweier Kampfhunde gleich in doppelter Hinsicht selbst zu einer unpopulären deutschen Minderheit gehört und deshalb dauernd erlebt, wie sehr Vorurteile neben der Sache liegen können. Ihre zwei Pitbulls galoppieren heran, werfen sich auf den Rücken und wollen vom Gast liebkost werden. "Sie sind gutartig", beruhigt Frau S.

Der Vollständigkeit halber soll noch vom Ehepaar B. die Rede sein, weil es auch in der Wrangelstraße Pensionäre gibt, die sich über Kinder freuen. Oberstudienrat B. lebt mit seiner Frau, einer Oberstudienrätin, in einer Eigentumswohnung schräg gegenüber vom Künstler M. und von der Kita. Beide sagen, erhöhtes Verkehrsaufkommen hätten sie nicht beobachtet. Als die Abwehrschlacht in seiner Straße einsetzte, hat das Herrn B. so aufgeregt, dass er im Treppenhaus ein Flugblatt aufhängte: "Ich bin in keiner Weise gegen die Einrichtung neuer Kitas – auch wenn sie in meiner Nachbarschaft entstehen". Ein Jahr später hat er sich immer noch nicht beruhigt. "Unerträglich", wie Einzelne versuchten, mit demokratischen Mitteln ihre partiellen Vorteile zu zementieren, sagt er und bilanziert bissig: "Diese Gesellschaft überalterter Egomanen hat kein Recht zu überleben." Seine Frau erzählt, sie trete jedes Mal auf den Balkon, wenn die Kleinen aus der Kita Hand in Hand, Kinderlieder singend und im Schneckentempo an ihrem Haus vorüberzögen. "Dieses Geräusch macht mir gute Laune", sagt sie, "auch wenn es für andere bloß Soziallärm ist."

Auseinandersetzungen zwischen Anwohnern und Kindergärten sind beileibe nicht aufs Hamburger Generalsviertel beschränkt, in ganz Deutschland toben unzählige Kleinkriege um die von Kinderansammlungen ausgehenden "Emissionen". Immer wieder gelingt es Bürgern, mit Klagen vor Gerichten geplante Kindertagesstätten oder Spielplätze zu verhindern. Deshalb will die Bundesregierung noch in dieser Legislaturperiode die Ansiedlung von Kitas gesetzlich erleichtern.

In Hamburg standen 2009 über 20 Kindergartenprojekte verschiedener Träger im Sperrfeuer der Nachbarschaft: Einige wurden gegen die Anlieger dann doch durchgesetzt, andere nur reduziert und unter strengen Auflagen genehmigt, wieder andere fallen gelassen. Eine Kita in einem sozialen Brennpunkt zu eröffnen ist auch in Hamburg nach wie vor kein Problem – die umkämpften Einrichtungen liegen fast alle in gehobenen Wohngebieten, dort, wo die Wohlhabenden mit ihrer größeren Beschwerdemacht zu Hause sind.

Die Konflikte entbrennen, seit sich die Stadt 2004 aus der Bedarfsplanung für Kindergartenplätze zurückgezogen hat. Seither vergibt Hamburg Kindergartengutscheine an die Eltern und hat die Kita-Landschaft in der Stadt den Kräften des freien Marktes überlassen. Damit hat Hamburg auch die Probleme privatisiert, denn mit dem Ende der Planwirtschaft kam der Krach: Im Stadtstaat ist der Raum knapp, die Nachfrage nach Kindergartenplätzen dagegen gewaltig. Der größte Mangel herrscht in den klassischen Wohngebieten der konservativen Bürger, wo bis vor Kurzem die traditionelle Rollenverteilung herrschte. Das ändert sich nun rasant, weshalb die Kindergartenträger schon aus wirtschaftlichen Erwägungen in die unterversorgten Quartiere streben – allen voran SterniPark als einer der größten der privaten Anbieter.

In den Zielgebieten freuen sich aber nicht alle über die Zuzügler. Ganz im Gegenteil. Ein Kindergarten nebenan gilt als Wertminderer des Eigenheims. Deshalb bringt gerade der Kita-Pionier SterniPark mit seinem offensiven Vordringen in die unberührte Welt der Millionäre die – in den teuren Elbvororten und den eleganten Straßenzügen um die Rothenbaumchaussee ansässige – bessere Gesellschaft gegen sich auf. Der gemeinnützige Verein, der die Hamburger vor 25 Jahren noch durch linke Ansichten und antiautoritäre Kinderläden irritierte, hat sich inzwischen zu einem veritablen Unternehmen ausgewachsen, das auch vor den Reichen und Einflussreichen nicht in die Knie geht. Umwohner, die sich gegen SterniPark-Kitas zusammenschließen, merken rasch, dass sie es – trotz des treuherzigen Namens – nicht mit wehrlosen Laterneläufern und Bastelfreunden zu tun haben, sondern mit einer Geschäftsleitung, die sich nichts gefallen lässt. SterniPark prozessiert wenn nötig um jeden Kindergartenplatz, um jeden Quadratmeter Terrasse, um jede Stunde Gartennutzung. Flankiert von einer Phalanx von Anwälten, weicht der Verein keinem Rechtsstreit aus und setzt den Anwohnern so auch mit deren eigenen Methoden zu.

Deshalb hat SterniPark mächtige Feinde bekommen: Juristen, Ärzte, Architekten, Professoren und Medienschaffende, Menschen eben, die sich gute Anwälte leisten können und beste Kontakte in die Politik und zur Presse pflegen. Bezirkspolitiker aller Fraktionen werden derzeit mit Beschwerdemails aus den Anwohnerschaften bombardiert, in denen mit bedrohlichem Unterton der nächsten Wahlen gedacht wird: "Wir werden Ihr Verhalten sehr genau beobachten."

In norddeutschen Medien erschienen in den letzten Jahren immer wieder Beiträge, in denen es um angeblich unsaubere Geschäftsmethoden von SterniPark geht. Gern auch wird öffentlich darüber gegrübelt, wie ein gemeinnütziger Verein sich bloß all die teuren Villen für seine Kitas leisten könne. Gerüchte gehen um, hier seien Immobilienspekulanten am Werk oder gar die gefürchtete Scientology-Sekte. Bei der Staatsanwaltschaft gehen anonyme Anzeigen ein, die Geschäftsräume von SterniPark werden durchsucht – alles unter öffentlicher Anteilnahme. Kein Wunder, dass das Image eines Trägers unter solchen Attacken Schaden nimmt, obwohl SterniPark bisher viele wichtige Medienprozesse gewonnen hat, die schlimmen Verdächtigungen unbewiesen geblieben sind und die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen nach drei Jahren penibler Suche ergebnislos eingestellt hat.

 

Trotzdem bleibt immer etwas hängen, das wissen auch die Gegner. "Mittlerweile haben Sie selbst negative Erfahrungen mit der Presse gemacht", heißt es in einem Drohbrief an Leila Moysich vom Oktober 2009, nachdem die junge Geschäftsführerin angekündigt hatte, das Thema Kinderlärm notfalls bis vors Bundesverfassungsgericht tragen zu wollen. Es sei zu befürchten, fährt der Absender fort, dass SterniParks "erlittener Rufschaden noch einige Zeit nachwirken wird", und warnt, der Verein werde es "mit einer breiten Front" zu tun bekommen, sollte er weiter an seiner Klagefreudigkeit festhalten. Zum Abschied wird Frau Moysich noch geraten, auf ihre Gesundheit zu achten. Die Unterschrift fehlt.

Anderen anonymen Hassbriefen liegen von fremder Hand verunstaltete Zeitungsfotos des SterniPark-Geschäftsführers Jürgen Moysich bei. "Also Moysich!", heißt es da. "Wollt Ihr die Anwohner ärgern? Die Leute wollen ihre Ruhe. Und nicht von unsozial zusammengepferchten Kindersauhaufen belästigt werden." Man sollte "Euch schlagen, dass Ihr in keinen Sarg mehr passt". Und in Anspielung auf Moysichs jüdischen Namen fahren die Unbekannten fort: "Hau ab in Deine Heimat!" Und: "Weg mit Dreck! Ok?"

Selbst die Reporterin bleibt von den Zudringlichkeiten der Propagandisten nicht ausgespart. Als sie zu den ersten Nachbarn Kontakt aufnimmt, geht die Neuigkeit wie ein Lauffeuer unter Anwohnern von SterniPark-Projekten um. Und es dauert nicht lang, da erreicht ein dicker Schmähbrief die Redaktion, worin ein anonymer Absender versucht, durch Verdächtigungen und plump manipulierte Abschriften alter Ermittlungsakten allerhand mafiöse Machenschaften des Kindergartenträgers zu suggerieren.

Die Wut der Anwohner wird weiter steigen. Die Hamburger Sozialbehörde hofft nun auf die rasche Änderung des Paragrafen 3 der bundesweit geltenden Baunutzungsverordnung und damit auf eine generelle Zulässigkeit von Kindergärten auch in reinen Wohngebieten. Die Idee greift zunächst nur in frisch erschlossenen Distrikten oder wenn ein reines Wohngebiet neu überplant wird. Darüber hinaus harrt man der angekündigten Novellierung der Lärmschutzgesetze, die Kinderlärm unter ein besonderes Toleranzgebot stellen soll. Bislang berufen sich Anwohner gerne auf den Paragrafen 15 der Baunutzungsverordnung, der eine "allgemeine Rücksichtnahme" gegenüber Nachbarn gebietet. Gerichte entscheiden dann im Einzelfall, wobei ihr Urteil mit dem Ausmaß des verursachten Lärms zusammenhängt.

Für Kindergärten gelten fast überall in Deutschland noch immer die Richtwerte der Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm, "TA Lärm", die auch für Gewerbe, Baustellen und Gastronomiebetriebe verbindlich sind. So kam das Bayerische Landesamt für Umweltschutz 2002 bei einer akustischen Messung spielender Kinder zu folgender Erkenntnis: "Für den Emissionswert EINES Kindes, das mit mehreren anderen etwa eine bis drei Stunden im Freien spielt, kann im Rahmen der Bauplanung ein energieäquivalenter Dauerschallleistungspegel von etwa 70 Dezibel angesetzt werden. Ggf. sind noch impulsartige Geräusche durch (Spiel-)Geräte zu berücksichtigen." Dergleichen dient den Kindergartengegnern als Munition, vor allem in reinen Wohngebieten, wo der Immissionsrichtwert tagsüber 50 Dezibel nicht überschreiten soll.

Auf diese Weise gelang es 2005 zwei älteren, im achtbaren Hamburger Stadtteil Marienthal wohnhaften Ehepaaren, den Kindergarten "Marienkäfer" mit einer Klage aus der Nachbarschaft zu schaffen. Das Landgericht Hamburg verbot die 40-köpfige Vormittags-Kita in dem Wohngebiet mit der Begründung, das Ertragen kindlichen Verhaltens könne nicht auf Dauer "wenigen Bürgern als Sonderopfer zugemutet werden". Ein hinzugezogener Schallsachverständiger hatte wegen des beträchtlichen Verkehrsaufkommens einer nahen Durchfahrtsstraße zwar nicht nachweisen können, dass die störende Überschreitung der TA Lärm tatsächlich auf die Kinder zurückzuführen war – doch diese "Unaufklärbarkeit geht nach Ansicht des Gerichts zu Lasten des Kindergartens". So steht es im Urteil. Der Richter habe sich bei seiner Einschätzung auf "eigene Empfindungen" verlassen. Die höhere Frequenz lauter Kinderstimmen werde im Vergleich zu Verkehrslärm als "deutlich lästiger" empfunden. Deshalb sei die Beeinträchtigung der Anwohner auch dann schon "erheblich", wenn die Kinder bloß eine gute Stunde pro Tag im Garten verbrächten.

Wer das "Marienkäfer"-Urteil liest, fragt sich, welche mentalen Zustände in einer Republik herrschen, in der das Volk gegen seine eigenen Kinder zusammenrückt, in der Ämter die Interessen der Allgemeinheit halbherzig durchsetzen und Gerichte gegen das Leben entscheiden – und für die Grabesruhe. Sollen Kinder an Autobahnen und Flughäfen spielen, bis sie endlich alt genug sind, die Renten jener Menschen zu bezahlen, die jetzt gerichtlich gegen sie vorgehen? Sollen sie festgeschnallt in einer Ecke sitzen, bis aus ihnen würdige Erben von Staatsverschuldung und Umweltverschmutzung geworden sind? Welche Zukunft hat ein Land, in dem sich der Gemeinsinn der Bevorzugten derart verflüchtigt und Eigentum keine Verpflichtung mehr bedeutet? Anruf bei einem jener Nachbarn, die den "Marienkäfer" seinerzeit vertrieben haben: "Wir haben die Nase voll von Kindergärten", sagt er, "und von Journalisten." Dann legt er auf.

Das Schicksal des "Marienkäfers" hat bundesweit Schlagzeilen gemacht, trotzdem will man in der Hamburger Sozialbehörde die Kinderfeindlichkeit der Stadt nicht überbewertet wissen. Immerhin, heißt es, existierten in der Hansestadt über 900 Kindergärten. Und die meisten stünden eben nicht auf der amtlichen Konfliktliste, sondern hätten ein "entspanntes Verhältnis" zu ihren Nachbarn.

Wer allerdings nach dem Zufallsprinzip in Kindergärten geht, erfährt, dass der Frieden, den manche Betreiber mit ihrer Umgebung geschlossen haben, ein recht prekärer ist. "Ein Kindergartenträger ist wie ein Außenminister, der unablässig um Deeskalation bemüht sein muss, damit kein Krieg ausbricht." So beschreibt Katrin Hesse, Chefin der Hamburger Enfantine-Kindergärten, ihren Berufsalltag. Katrin Hesse betreibt drei Kitas, in denen an die 100 Kinder gehütet werden, und sie würde gerne noch mehr eröffnen, würde ihr bloß irgendwer eine geeignete Fläche vermieten. Aber das tut keiner. Für eine ihrer Kitas hat sie volle drei Jahre lang nach Obdach suchen müssen, "weil immer etwas dagegen sprach": Entweder der Hausbesitzer winkte ab, oder Mieter gingen auf die Barrikaden, oder die angebotenen Räume stellten sich als finstere Souterrain-Löcher heraus. Selbst in Neubaugebieten blieb das Werben der Katrin Hesse erfolglos, viele Investoren fürchten, auf ihren Wohnungen sitzen zu bleiben, sollte in Hörweite ein Kindergarten einziehen.

 

Aber auch die schon bestehenden Kitas bringen Katrin Hesse in immerwährende Rechtfertigungsnot: Dauernd muss sie die Kleinkindeltern maßregeln, nicht mit dem Auto zu kommen und ihre Sprösslinge pünktlich abzuholen, damit die Kita vorschriftsmäßig schließen kann; sie wandert mit Versöhnungsplätzchen der Kindergartenkinder zu den Anliegern; sie kündigt Elternabende Wochen zuvor bei den Nachbarn an; sie verschickt Dankesbriefe, Beschwichtigungsschreiben, Gratulationen, Weihnachtsgrüße und Ostersträuße; sie nimmt Pakete für die Nachbarn an und versucht – über den Dienst am Kind hinaus – auf tausenderlei Weise nützlich, angenehm und gleichzeitig unauffällig zu sein. Mit dieser kräftezehrenden Charmeoffensive gelingt es ihr dann doch, die meisten Anwohner für sich und ihre Kleinkinder einzunehmen. Trotzdem kommt es vor, dass Nachbarn fordern, Katrin Hesse solle bei ihren Kitas auch im Hochsommer "Fenster und Türen geschlossen halten"; dass böse Briefe eingehen, weil im Gemeinschaftsgarten eine Schaufel liegt; oder dass jemand wegen des Kindergartens seine Miete kürzt und der Vermieter Enfantine den Verlust dann in Rechnung stellt.

Deshalb sind die von Negeleins ein besonderes Glück. Die Familie hat das Parterre ihrer geschwungenen Jugendstilvilla im schicken Harvestehude an eine 22-köpfige Ganztags-Kita von Enfantine vermietet und wohnt selbst im ersten Stock. Ihre drei Kinder im Alter zwischen einem und sechs Jahren sind wohl der Grund dafür, warum die von Negeleins sich durch die Laute aus dem Erdgeschoss "keineswegs behelligt" fühlen. Moritz von Negelein ist ein viel beschäftigter Kaufmann und findet: "Wer arbeiten geht, den stört kein Kindergarten." Und im Übrigen: "Wer steht schon am Fenster und wartet auf ein Geräusch?" Seine Frau Ragna, eine Malerin, vernimmt zwar die zu ihr heraufdringenden Lebensäußerungen, aber sie freut sich darüber. Allerdings hat sie gerade gemerkt, dass andere da anders denken: Sie habe mit ihrer Vierjährigen unter Jauchzen und Quieken auf der Straße das Radfahren geübt, berichtet sie, als eine von ferne angenehm aussehende Passantin um die fünfzig unvermittelt und grundlos zu ihr herüberschrie: "Scheißkinder."

Wer von den Negeleins ein Stück um die feine Außenalster herumfährt, kann die beiden Schwestern Schmidt in ihrem Kindergarten in Winterhude besuchen und den ernüchternden Kommentar entgegennehmen: "Unser Anwalt ist immer in Aktion, aber das ist normal bei einem Kindergarten." Amtlich gesehen, gehören auch die drei Kitas der Schmidts zu denen mit dem "entspannten Verhältnis zur Nachbarschaft". In den Schilderungen der Schwestern dagegen kommen Kindertagesstätten eher als schlafende Vulkane vor, die, über die Stadt verstreut liegend, bei der geringsten Missachtung von Auflagen zu Krisenherden mutieren. Schon bei der Eröffnung ihrer Kita in jener Winterhuder Stadtvilla im Jahr 2007 sei "der blanke Hass" über die Gartenzäune geschwappt, sagt Claudia Schmidt.

Es folgten aggressive Brüllereien mit den Nachbarn zur Rechten. Eine andere Partei klagte. Irgendwann verkaufte das ältere Ehepaar rechts wutentbrannt sein Haus und zog weg, mit der klagenden Nachbarin haben die Schwestern sich nach zwei Jahren verglichen, was zwar keinen Frieden, aber wenigstens einen von gelegentlichen Scharmützeln unterbrochenen Waffenstillstand gebracht hat. Seither herrscht in dieser an sich gediegenen Gegend Gaza-Streifen-Stimmung.

Gerade wieder hat sich die Nachbarin beim Bezirksamt beschwert, weil am Wochenende ein Erste-Hilfe-Kurs für Kinder im Haus durchgeführt wurde, erzählt Claudia Schmidt. "Jetzt frage ich Sie: Welche Lärmkulisse entsteht bei einem Erste-Hilfe-Kurs hinter geschlossenem Fenster?"

Das erläutert die Beschwerdeführerin, eine Dame mittleren Alters, der Reporterin bei einem Nachbarschaftsbesuch: "Wir leben Wand an Wand in Wohnhäusern, ich höre alles. Wenn nebenan die Kinderkrippe tobt, klirren meine Gläser im Schrank." Die Anwohnerin hat hier zwei Jahrzehnte lang in tiefem Frieden gewohnt, bis der fast unbelebte Firmensitz nebenan den munteren Horden des Kindergartens wich. Um Behörden und Richtern das Ausmaß ihrer Not zu belegen, hat die Dame über ein Jahr lang Lärmprotokolle angefertigt, worin sie an insgesamt 31 Tagen Störgeräusche minutiös dokumentiert hat. Am 19. Februar 2008 steht da: "9.30 bis 11 Uhr: Sechs größere Kinder und ein Betreuer spielen Fußball. 14.30 bis 17 Uhr: Zehn Kinder im Garten." 20. Februar 2008: "10 bis 12 Uhr, zehn Kinder und drei Betreuer im Garten – lautes Fußballspielen." Oder am 24. April: "10.30 bis 11.30 Uhr: Zehn Kleinstkinder (unter zwei Jahren) und ein Betreuer im Garten – lautes Schreien und Weinen."

Gerade das klägliche Schreien der Wickelkinder, sagt die Frau, fahre ihr mitten ins Herz. Dann sitze sie am Schreibtisch und könne sich nicht mehr konzentrieren. Sie habe selbst Kinder aufgezogen, deshalb werde ihr beim herüberwehenden Klang von so viel "Hilflosigkeit und Verlassenheit" ganz elend. "Ich möchte aufspringen und die Säuglinge an mich reißen", sagt sie. Stattdessen steht sie auf und schließt das Fenster.

Durch das Walten der Richter ist der Kita die Gartennutzung jetzt an den Nachmittagen untersagt, seiter kann die Nachbarin "einigermaßen" mit der Einrichtung leben – das Verhältnis indes ist zerrüttet. Sie tritt hinaus in ihren bloß zehn Meter breiten Garten, der auf einen Alsterkanal zuläuft. Direkt daneben liegt die Grünfläche der Kita – man kann einander tatsächlich in die Töpfe gucken. Will hier jemand mit einem Kindergarten friedlich koexistieren, muss er eine gewisse Bereitschaft haben, sich den Bedingungen des modernen Großstadtlebens anzupassen. Dieses Beispiel zeigt, wie der durch Stadtverdichtung und Baulückenschließung bundesweit stark angestiegene soziale Stress sich auf sensible Gemüter auswirkt.

Im Moment ist im Nachbargarten allerdings nichts los. "Warum sind denn keine Kinder da?", fragt sich die Nachbarin irritiert. Die ganze Kita steht verwaist. Dann entdeckt sie nebenan aufgeschüttete Erde: "Was wird denn da schon wieder gebaut?" Selbst der durch Auflagen gebändigte Kindergarten ist für sie eine unberechenbare Größe, ein steter Born unguter Überraschungen. Ihr eigener hübscher Garten macht ihr keine rechte Freude mehr, selbst in den Abendstunden meidet sie ihn meistens, denn nebenan könnten ja unvermutet die Kita-Chefinnen mit Freunden Platz nehmen. Die Schwestern Schmidt wiederum klagen, sie fühlten sich von ihrer "querulatorischen Nachbarin" auf Schritt und Tritt belauert und kontrolliert. Eine vernünftige Kommunikation aber findet nicht statt. Jede Partei fühlt sich im Würgegriff der anderen.

Das Haus auf der rechten Seite des Kindergartens hat vor zwei Jahren übrigens Dietmar Beiersdorfer, damals noch Sportdirektor des HSV, vom wutentbrannten Ehepaar erworben. Er wohnte mit seiner Familie dort, bis er im vergangenen November nach Österreich zu den Red Bulls wechselte. Seither ist das Haus vermietet. Durch die Kindergartenkinder, mailt Beiersdorfer aus Salzburg, "ist nie auch nur irgendeine Art von Belästigung aufgetreten". Nur über die Eltern, die gerne "dreist" vor seiner Garage parkten, habe er sich manchmal geärgert. Trotzdem haben weder er noch seine Mieter deshalb einen Anwalt bemüht.

 

Am Morgen des 29. April 2010 warten schon Reporter und Fotografen auf dem Flur des Hamburger Verwaltungsgerichts, denn hier tagt gleich die Kammer 9. Thema wird der heiß umstrittene Kindergarten sein, den SterniPark im September 2008 an der Reventlowstraße im noblen Stadtteil Othmarschen eröffnet hat. Inzwischen dürfte der Rechtsstreit um die Kita schon älter sein als manche ihrer kleinen Gäste. Das Problem ist: Der Kindergarten liegt in einem besonders geschützten Wohngebiet. Dort ist jegliches Gewerbe – sogar ein Tante-Emma-Laden – verboten, was auf eine baupolizeiliche Verordnung aus dem Jahre 1938 zurückgeht. Trotzdem ist SterniPark nach Othmarschen vorgestoßen, und seither füllt der Streit darüber, ob ein Kindergarten ein "Gewerbe" ist oder zum "Wohnen" gehört, die Akten. Es ist fraglich, ob eine Verordnung aus der NS-Zeit noch für eine menschenfreundliche Stadtplanung maßgeblich sein darf.

Weil für die Sozialbehörde eine Einrichtung mit 60 Kindern ein "kleiner Kindergarten" ist, genehmigte das Bezirksamt Altona dem Träger die Kita an der Reventlowstraße zuerst für 60 Kinder. Unter dem Druck von Nachbarn wurde sie jedoch bald nach der Eröffnung vorübergehend wieder geschlossen, danach schmolz die Kinderzahl bis auf zehn zusammen. Erst eine einstweilige Anordnung des Oberverwaltungsgerichts machte klar: Selbst in ein "besonders geschütztes Wohngebiet" gehört ein Kindergarten – aber er darf nicht mehr als 22 Kinder beherbergen. Im Fall der Reventlowstraße sah der Träger SterniPark keine andere Möglichkeit, als nun die Genehmigung ohne Gartennnutzung zu beantragen. Die Stadt Hamburg, die anfangs noch auf der Seite des Trägers gekämpft hatte, gab nun auf und zog ihre alte Genehmigung (60 Kinder plus Gartennutzung) zurück. Dagegen klagt an diesem 29. April der Verein SterniPark, der auf den Kosten für das Haus sitzen bleibt. Mit so wenigen Kindern, heißt es außerdem, komme keine Kita aus den roten Zahlen.

In Begleitung des SterniPark-Anwalts ist auch der Geschäftsführer Jürgen Moysich gekommen – ein Altlinker mit halblangen grauen Strähnen, aus denen ein Ohr herauslugt. Besonders streitlustig sieht er nicht aus. Mit dabei ist auch seine Tochter Leila, ebenfalls Mitglied der Geschäftsführung, eine schlanke, gut frisierte Erscheinung, die immer da ist, wenn es in der Öffentlichkeit – sei es auf Anhörungen, in den Medien oder vor Gericht – um SterniPark-Kitas geht. Ihr ist die Bereitschaft anzumerken, dem Beharrungsvermögen der Nachbarn mit noch größerem Beharrungsvermögen zu begegnen. Nach außen verstrahlt sie eine heitere Ungerührtheit, die manche ihrer Gegner zur Weißglut bringt.

Auch die Stadt ist vertreten, durch eine kühle Juristin aus dem Rechtsdezernat. Und ganz zuletzt – als endlich alle Fotografen sitzen – huscht noch ein Herr Ende vierzig herein und lässt sich rasch neben seinem Anwalt nieder: Es ist ein sogenannter Beigeladener. Der kämpferischste unter den Nachbarn. Vor der Eröffnung der Kita, als er die geplante Nutzungsänderung nebenan noch für "nicht genehmigungsfähig" hielt, hatte er dem Kindergartenträger vorsorglich ein paar Bedingungen gemailt, unter denen er immerhin bereit sei, mit sich reden zu lassen. Zu diesen gehörten unter anderem eine gigantische, drei Meter hohe und 47 Meter lange Lärmschutzmauer (beigelegter Kostenvoranschlag: 70.000 Euro) und die Übernahme seiner eigenen Anwaltskosten durch den Verein. Obendrein stellte er die Forderung auf, ihm seine Villa abzukaufen ("ein momentaner Verkaufspreis von 1,2 bis 1,4 Mio EUR ist realistisch") oder den Wertverlust, den sein Haus durch die Nachbarschaft eines Kindergartens erleide, finanziell auszugleichen. SterniPark ist damals auf keine der drei Forderungen eingegangen.

Nach einer Stunde ist klar, dass die Verwaltungsrichter den OVG-Beschluss auch im Hauptsacheverfahren nicht antasten. Vielleicht wird die Frage dereinst anders entschieden, wenn Hamburg noch mehr Alte und noch weniger Kinder hat – an diesem Tag jedoch verliert SterniPark den Prozess. Die umgeschwenkte Stadt und der Nachbar bekommen recht: 22 Kinder, dabei muss es bleiben. "Warum versuchen Sie auch dauernd, in besonders geschützte Wohngebiete hineinzugehen?", sagt einer der Richter kopfschüttelnd zu Moysich.

Allerdings könnte es sein, dass der Triumph des Nachbarn nicht von Dauer ist, der Bezirk Altona ist nämlich schon dabei, das ganze Gebiet an der Reventlowstraße neu zu überplanen und einen modernen Bebauungsplan aufzustellen. Mit der Beseitigung des besonderen Wohngebietsschutzes wäre auch der Rechtsprechung des Oberverwaltungsgerichts die Grundlage entzogen und damit die Frage, wie viele Kinder in der umstrittenen Sterni-Kita Platz haben, wieder offen.

Natürlich werden alle möglichen Bewohner der wohlhabenden Elbvororte auch gegen diese Neuerung rechtliche Schritte ergreifen. Im Juni 2009 hat es schon mal eine "Öffentliche Plandiskussion" gegeben, und erwartungsgemäß waren die Vermögenden und Betuchten wieder versammelt und kämpften auch dort gegen neue Kindergärten. Ihre Wortbeiträge waren von einer Art, dass der Leiter des Bezirksamts Altona, Jürgen Warmke-Rose, sich seiner Bürger schämen musste: "Da wurden Grenzen des Anstands überschritten", sagt er rückblickend.

An diesem 29. April 2010 aber tritt die vor Gericht unterlegene Leila Moysich mit dem Selbstbewusstsein der moralischen Siegerin vor den Verhandlungssaal, blickt, ohne mit der Wimper zu zucken, ins Blitzlichtgewitter der Lokalmedien und verkündet laut, heute sei "ein schwarzer Tag für Hamburgs Kinder".

Zurück bleibt der Nachbar. Obwohl er recht bekommen hat, scheut er die Fotografen und traut sich nicht durch die Tür. Später taucht er dann doch auf der Straße vor dem Gebäude auf, auf irgendeinem Umweg muss es ihm also gelungen sein, das Gericht ungesehen zu verlassen.