Spielende Kinder machen heute für viele keine Zukunftsmusik, sondern Lärm

Hektische Flecken, Schaum vor dem Mund – übertreibt die Frau da nicht ein bisschen? Zwei Monate später anlässlich einer aktuellen Bürgerfragestunde im Bezirksamt Eimsbüttel kann sich die Reporterin selbst ein Bild von der Anti-Kindergarten-Bewegung machen. Etwa 20 gepflegte Damen und Herren sind erschienen. Wieder hat jemand bei der Behörde Fotos eingereicht, diesmal welche, auf denen Mängel an einem Geländer des Kindergartens erkennbar sein sollen. Warum der Betrieb nicht eingestellt werde angesichts solcher Übelstände, lautet die Frage an den Bauamtsleiter. Auch der Fluchtweg von einer Terrasse wird als unzureichend beanstandet. Dann geht es um nicht kindgerechte Stababstände von Handläufen, zu hohe Stufen und zu niedrige Fensterbrüstungen. Ein Zufallsgast, der – sich in der Tür irrend – in diese Anhörung geraten wäre, könnte glauben, eine überängstliche Schar (sehr später) Eltern oder Großeltern vor sich zu haben, die aus Sorge um ihre Abkömmlinge ganze Kindergärten zentimeterweise vermessen haben. Wer käme angesichts einer solchen Anteilnahme am Wohlergehen der Allerjüngsten auf die Idee, dass die vortragenden Personen gerade darauf hinwirken, von ebendiesen Jüngsten verschont zu bleiben? Jetzt rügt einer, die Kinder seien dabei beobachtet worden, wie sie "zwischen Handwerkern" hätten spielen müssen, und fordert zackig: Da sollte behördlicherseits rasch die "Kavallerie losgeschickt" werden.

Die Vertreter der Stadt aus dem Amt für Wirtschaftsförderung und Bauen bleiben gefasst. Sie verströmen die routinierte Gelassenheit von Menschen, die eine solche Performance nicht zum ersten Mal erleben. Die Behörden haben beide Kindergärten geprüft und genehmigt. Beanstandungen gab es nicht. Fürs Bezirksamt sind die Kindergärten Wrangelstraße kein brennendes Thema mehr.

Die Sache stellt sich aus übergeordneter Perspektive ohnehin ganz anders dar. Zum Beispiel dem Chef des Baudezernats im Bezirksamt Eimsbüttel, Reinhard Buff. Dessen Aufgabe ist das Funktionieren eines ganzen Stadtteils, weshalb er weniger das Einzelinteresse als das Große und Ganze im Blick haben muss. Dabei hilft ihm, dass sich sein Büro im zehnten Stock eines Hochhauses befindet, vor dessen Panoramafenstern sich unter anderem das Generalsviertel ausbreitet. Einen Stadtplan braucht Buff hier oben nicht. Er zeigt auf die Baukräne: 500 bis 600 Wohnungen entstehen pro Jahr in seinem Bezirk. "Doch das ist immer noch zu wenig." Vor jeder Mietwohnung stehen 100 Bewerber. Und von den 250.000 Eimsbüttlern sind mehr als 12.000 jünger als sechs Jahre. Ihre Mütter sind fast alle berufstätig. "Wir fördern die Emanzipation der Frauen", sagt Buff, "deshalb brauchen wir Kindergärten."

Buff kennt die Anwohner aus der Wrangelstraße. Er hat die Flut ihrer Wutschreiben gelesen und ihre Auftritte bei Bürgeranhörungen verfolgt. Missbilligung steht ihm ins Gesicht geschrieben. "Ihre Argumente gehen an der Sache vorbei", sagt er. Hamburger Bürger würden tendenziell immer kritischer, "um nicht zu sagen egoistischer". Buff ist seit 16 Jahren im Baudezernat, doch die um sich greifenden antisozialen Bestrebungen der Menschen – vor allem der bessergestellten – werden mit der Zeit zum Problem für seine Behörde. Behindertenwohnheime, Sportplätze, Krankenhäuser und Pflegeheime – alles müsse inzwischen gerichtlich durchgesetzt werden. "Welche soziale Einrichtung auch droht, es wird Front gemacht." Besonders gegen Kindergärten. Diese seien für viele kein Quell der Zuversicht mehr, sondern bloß noch Ursache für die Abwertung des eigenen Grundstücks. Und die jungen Eltern stünden hilflos da. "Denen läuft die Zeit davon: Sie fangen in ihren Berufen an, ihre Kleinkinder wachsen, und sie brauchen schnell einen Kindergartenplatz", sagt Buff. In der Gegenpartei haben sich vor allem gut situierte Besitzstandswahrer aufgestellt, die ein Ziel haben: Alles soll bleiben, wie es ist.

Als eine der Speerspitzen der Anti-Kita-Bewegung darf der Plakatkünstler Holger M. gelten. Er ist 70. Kinderlos. Wohlhabend. Er wohnt in der Wrangelstraße und klagt im Eilverfahren gegen die Umwidmung des Nachbarhauses in einen Kindergarten. In den Schriftsätzen seines Anwalts steht, M. mache von seinem "subjektiv-öffentlichen Abwehrrecht" Gebrauch. In der Straße herrsche eine "Unterversorgung mit Stellplätzen", so komme es nicht nur zu Stauungen, sondern durch das Zuparken des Stellplatzes für sein Cabrio auch "praktisch täglich" zu Spannungen.

Wer mit M. über seinen solchermaßen getrübten Alltag reden will, muss allerdings Zeit haben, denn der Künstler ist in seiner Stadtvilla nicht ohne Weiteres erreichbar. Erst weilt er auf dem Lande, dann ist er in den USA, darauf wieder in Berlin. Erst nach vierwöchigen Bemühungen kommt es zum Treffen. M., ein gut rasierter älterer Herr, lebt inmitten von exzentrischen Skulpturen, auf dem Fußboden liegen Plakate. Im Gespräch weist er vehement von sich, ein "Kinderhasser" zu sein, zugeparkte Ausfahrten bezeichnet er als "Bagatellprobleme", die man "getrost vergessen" könne. Dass er gerade 19 Fotos von schief geparkten Autos beim Verwaltungsgericht eingereicht hat, um ein angeblich erhöhtes Verkehrsaufkommen durch den benachbarten Kindergarten zu dokumentieren, sagt er nicht. M. stellt klar, dass sein Angriff nicht den Kindern gelte, sondern "explizit dem Träger SterniPark", den er im Weiteren als "Gelddruckmaschine in der Maske des Sozialen" bezeichnet. Der Tenor seiner Ausführungen: Das Motiv der geschäftsführenden Familie Moysich sei nicht die von ihr behauptete Kinderfreundlichkeit, sondern blanke Gier. In M.s Erzählungen erscheint SterniPark als eine Art Krake, der sich über niedliche Stadtvillen stülpt und sie sich schmatzend einverleibt. Für seine Behauptungen hat er jedoch keinen überzeugenden Beleg. Der Schwall seiner Anwürfe versickert im Ungreifbaren. Auf jede Nachfrage folgen weitere Schreckensgeschichten – oft bloß vom Hörensagen.

Als Beweis für Missstände bei SterniPark legt M. die Kopie eines auf den 4. März 2010 datierten "Beschwerdebriefs" von Kindergarteneltern an die Geschäftsleitung vor. Darin steht jedoch kaum etwas, das über die typischen Anfangsprobleme einer neuen Kita hinausweist: Die Fragen, wann der Kinderwagenunterstand komme und der Keller winddicht gemacht werde, und allerlei Abrechnungshinundher.

Bedauerlicherweise kann M. nicht mehr sagen, wer jener Vater war, der ihm dieses Schreiben für eine Ablichtung überlassen haben soll, was umso ärgerlicher ist, als durch einen Kopierfehler seinerseits auch keinerlei Unterschrift erkennbar ist. Die SterniPark-Geschäftsführerin Leila Moysich teilt mit, sie habe tatsächlich einen ähnlichen Brief von einer Mutter erhalten – allerdings Anfang Februar 2010, also vier Wochen früher und gleich nach Eröffnung der zweiten Kita. Die darin angesprochenen Ärgernisse hätten sich rasch aus der Welt schaffen lassen. Von einem zweiten Brief im März weiß sie nichts.

Immerhin muss man M. zugutehalten, der einzige Kita-Gegner aus der Wrangelstraße zu sein, der das Visier hochklappt. Andere rufen die Reporterin entweder gar nicht erst zurück, verweisen gegenseitig aufeinander oder wollen Einfluss nehmen, ohne identifizierbar zu werden. In beziehungsreichem Tonfall bieten sie "Hintergrundinformationen über den Betreiber" an, mit denen sie aber keinesfalls zitiert werden wollen. Alles "aus Angst vor SterniPark", wie M. beteuert. Und er wiederholt auffällig häufig, dass wirklich niemand in der Straße auch nur das Leiseste gegen Kinder habe und die Aversion der Anlieger ausschließlich gegen SterniPark gerichtet sei.