In Klagen zweier Anwohner an das Verwaltungsgericht spiegeln sich andere Tendenzen: Da ist von den "erheblichen Immissionen" und dem "massiven Lärm" die Rede, der von solch einer "unnatürlichen Konzentration von Kindern" ausgehe. Diese "vollkommen unerträgliche und inakzeptable Belastung" führe auf Dauer zu "Gesundheitsbeeinträchtigungen der Nachbarn". Das Hohelied jener Politiker, die Kinderlärm als Zukunftsmusik bezeichneten, heißt es da, dürfte "abrupt in schrille Dissonanzen" umschlagen, sollten diese Politiker selbst von solcher Nachbarschaft betroffen sein.

Warum bloß machen dann der Anliegerin Ute S. die Kitas nichts aus? Und das, obwohl ihre Villa in der Wrangelstraße direkt neben einem SterniPark-Kindergarten liegt und sie viel zu Hause arbeitet? Auf Klopfen öffnet sie prompt die Haustür: "Kommen Sie rein." Frau S. sieht ein bisschen unkonventionell aus mit ihrer Fransenfrisur, den Ketten und den punkigen Stachelarmbändern. Ihre Küche ist bunt gestrichen, auf der Heizung stehen schwarze Cowboystiefel mit Silberringen. "Ich habe keine Probleme mit den Kindern, es ist sehr ruhig", sagt sie. Anfangs hat Frau S. selbst zur Anti-Kita-Initiative gehört, aber als ihre Befürchtungen nicht eintrafen, ist sie wieder abgesprungen. Vielleicht hat ihr Sinneswandel auch damit zu tun, dass Frau S. als Raucherin und Besitzerin zweier Kampfhunde gleich in doppelter Hinsicht selbst zu einer unpopulären deutschen Minderheit gehört und deshalb dauernd erlebt, wie sehr Vorurteile neben der Sache liegen können. Ihre zwei Pitbulls galoppieren heran, werfen sich auf den Rücken und wollen vom Gast liebkost werden. "Sie sind gutartig", beruhigt Frau S.

Der Vollständigkeit halber soll noch vom Ehepaar B. die Rede sein, weil es auch in der Wrangelstraße Pensionäre gibt, die sich über Kinder freuen. Oberstudienrat B. lebt mit seiner Frau, einer Oberstudienrätin, in einer Eigentumswohnung schräg gegenüber vom Künstler M. und von der Kita. Beide sagen, erhöhtes Verkehrsaufkommen hätten sie nicht beobachtet. Als die Abwehrschlacht in seiner Straße einsetzte, hat das Herrn B. so aufgeregt, dass er im Treppenhaus ein Flugblatt aufhängte: "Ich bin in keiner Weise gegen die Einrichtung neuer Kitas – auch wenn sie in meiner Nachbarschaft entstehen". Ein Jahr später hat er sich immer noch nicht beruhigt. "Unerträglich", wie Einzelne versuchten, mit demokratischen Mitteln ihre partiellen Vorteile zu zementieren, sagt er und bilanziert bissig: "Diese Gesellschaft überalterter Egomanen hat kein Recht zu überleben." Seine Frau erzählt, sie trete jedes Mal auf den Balkon, wenn die Kleinen aus der Kita Hand in Hand, Kinderlieder singend und im Schneckentempo an ihrem Haus vorüberzögen. "Dieses Geräusch macht mir gute Laune", sagt sie, "auch wenn es für andere bloß Soziallärm ist."

Auseinandersetzungen zwischen Anwohnern und Kindergärten sind beileibe nicht aufs Hamburger Generalsviertel beschränkt, in ganz Deutschland toben unzählige Kleinkriege um die von Kinderansammlungen ausgehenden "Emissionen". Immer wieder gelingt es Bürgern, mit Klagen vor Gerichten geplante Kindertagesstätten oder Spielplätze zu verhindern. Deshalb will die Bundesregierung noch in dieser Legislaturperiode die Ansiedlung von Kitas gesetzlich erleichtern.

In Hamburg standen 2009 über 20 Kindergartenprojekte verschiedener Träger im Sperrfeuer der Nachbarschaft: Einige wurden gegen die Anlieger dann doch durchgesetzt, andere nur reduziert und unter strengen Auflagen genehmigt, wieder andere fallen gelassen. Eine Kita in einem sozialen Brennpunkt zu eröffnen ist auch in Hamburg nach wie vor kein Problem – die umkämpften Einrichtungen liegen fast alle in gehobenen Wohngebieten, dort, wo die Wohlhabenden mit ihrer größeren Beschwerdemacht zu Hause sind.

Die Konflikte entbrennen, seit sich die Stadt 2004 aus der Bedarfsplanung für Kindergartenplätze zurückgezogen hat. Seither vergibt Hamburg Kindergartengutscheine an die Eltern und hat die Kita-Landschaft in der Stadt den Kräften des freien Marktes überlassen. Damit hat Hamburg auch die Probleme privatisiert, denn mit dem Ende der Planwirtschaft kam der Krach: Im Stadtstaat ist der Raum knapp, die Nachfrage nach Kindergartenplätzen dagegen gewaltig. Der größte Mangel herrscht in den klassischen Wohngebieten der konservativen Bürger, wo bis vor Kurzem die traditionelle Rollenverteilung herrschte. Das ändert sich nun rasant, weshalb die Kindergartenträger schon aus wirtschaftlichen Erwägungen in die unterversorgten Quartiere streben – allen voran SterniPark als einer der größten der privaten Anbieter.

In den Zielgebieten freuen sich aber nicht alle über die Zuzügler. Ganz im Gegenteil. Ein Kindergarten nebenan gilt als Wertminderer des Eigenheims. Deshalb bringt gerade der Kita-Pionier SterniPark mit seinem offensiven Vordringen in die unberührte Welt der Millionäre die – in den teuren Elbvororten und den eleganten Straßenzügen um die Rothenbaumchaussee ansässige – bessere Gesellschaft gegen sich auf. Der gemeinnützige Verein, der die Hamburger vor 25 Jahren noch durch linke Ansichten und antiautoritäre Kinderläden irritierte, hat sich inzwischen zu einem veritablen Unternehmen ausgewachsen, das auch vor den Reichen und Einflussreichen nicht in die Knie geht. Umwohner, die sich gegen SterniPark-Kitas zusammenschließen, merken rasch, dass sie es – trotz des treuherzigen Namens – nicht mit wehrlosen Laterneläufern und Bastelfreunden zu tun haben, sondern mit einer Geschäftsleitung, die sich nichts gefallen lässt. SterniPark prozessiert wenn nötig um jeden Kindergartenplatz, um jeden Quadratmeter Terrasse, um jede Stunde Gartennutzung. Flankiert von einer Phalanx von Anwälten, weicht der Verein keinem Rechtsstreit aus und setzt den Anwohnern so auch mit deren eigenen Methoden zu.

Deshalb hat SterniPark mächtige Feinde bekommen: Juristen, Ärzte, Architekten, Professoren und Medienschaffende, Menschen eben, die sich gute Anwälte leisten können und beste Kontakte in die Politik und zur Presse pflegen. Bezirkspolitiker aller Fraktionen werden derzeit mit Beschwerdemails aus den Anwohnerschaften bombardiert, in denen mit bedrohlichem Unterton der nächsten Wahlen gedacht wird: "Wir werden Ihr Verhalten sehr genau beobachten."

In norddeutschen Medien erschienen in den letzten Jahren immer wieder Beiträge, in denen es um angeblich unsaubere Geschäftsmethoden von SterniPark geht. Gern auch wird öffentlich darüber gegrübelt, wie ein gemeinnütziger Verein sich bloß all die teuren Villen für seine Kitas leisten könne. Gerüchte gehen um, hier seien Immobilienspekulanten am Werk oder gar die gefürchtete Scientology-Sekte. Bei der Staatsanwaltschaft gehen anonyme Anzeigen ein, die Geschäftsräume von SterniPark werden durchsucht – alles unter öffentlicher Anteilnahme. Kein Wunder, dass das Image eines Trägers unter solchen Attacken Schaden nimmt, obwohl SterniPark bisher viele wichtige Medienprozesse gewonnen hat, die schlimmen Verdächtigungen unbewiesen geblieben sind und die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen nach drei Jahren penibler Suche ergebnislos eingestellt hat.