Aber auch die schon bestehenden Kitas bringen Katrin Hesse in immerwährende Rechtfertigungsnot: Dauernd muss sie die Kleinkindeltern maßregeln, nicht mit dem Auto zu kommen und ihre Sprösslinge pünktlich abzuholen, damit die Kita vorschriftsmäßig schließen kann; sie wandert mit Versöhnungsplätzchen der Kindergartenkinder zu den Anliegern; sie kündigt Elternabende Wochen zuvor bei den Nachbarn an; sie verschickt Dankesbriefe, Beschwichtigungsschreiben, Gratulationen, Weihnachtsgrüße und Ostersträuße; sie nimmt Pakete für die Nachbarn an und versucht – über den Dienst am Kind hinaus – auf tausenderlei Weise nützlich, angenehm und gleichzeitig unauffällig zu sein. Mit dieser kräftezehrenden Charmeoffensive gelingt es ihr dann doch, die meisten Anwohner für sich und ihre Kleinkinder einzunehmen. Trotzdem kommt es vor, dass Nachbarn fordern, Katrin Hesse solle bei ihren Kitas auch im Hochsommer "Fenster und Türen geschlossen halten"; dass böse Briefe eingehen, weil im Gemeinschaftsgarten eine Schaufel liegt; oder dass jemand wegen des Kindergartens seine Miete kürzt und der Vermieter Enfantine den Verlust dann in Rechnung stellt.

Deshalb sind die von Negeleins ein besonderes Glück. Die Familie hat das Parterre ihrer geschwungenen Jugendstilvilla im schicken Harvestehude an eine 22-köpfige Ganztags-Kita von Enfantine vermietet und wohnt selbst im ersten Stock. Ihre drei Kinder im Alter zwischen einem und sechs Jahren sind wohl der Grund dafür, warum die von Negeleins sich durch die Laute aus dem Erdgeschoss "keineswegs behelligt" fühlen. Moritz von Negelein ist ein viel beschäftigter Kaufmann und findet: "Wer arbeiten geht, den stört kein Kindergarten." Und im Übrigen: "Wer steht schon am Fenster und wartet auf ein Geräusch?" Seine Frau Ragna, eine Malerin, vernimmt zwar die zu ihr heraufdringenden Lebensäußerungen, aber sie freut sich darüber. Allerdings hat sie gerade gemerkt, dass andere da anders denken: Sie habe mit ihrer Vierjährigen unter Jauchzen und Quieken auf der Straße das Radfahren geübt, berichtet sie, als eine von ferne angenehm aussehende Passantin um die fünfzig unvermittelt und grundlos zu ihr herüberschrie: "Scheißkinder."

Wer von den Negeleins ein Stück um die feine Außenalster herumfährt, kann die beiden Schwestern Schmidt in ihrem Kindergarten in Winterhude besuchen und den ernüchternden Kommentar entgegennehmen: "Unser Anwalt ist immer in Aktion, aber das ist normal bei einem Kindergarten." Amtlich gesehen, gehören auch die drei Kitas der Schmidts zu denen mit dem "entspannten Verhältnis zur Nachbarschaft". In den Schilderungen der Schwestern dagegen kommen Kindertagesstätten eher als schlafende Vulkane vor, die, über die Stadt verstreut liegend, bei der geringsten Missachtung von Auflagen zu Krisenherden mutieren. Schon bei der Eröffnung ihrer Kita in jener Winterhuder Stadtvilla im Jahr 2007 sei "der blanke Hass" über die Gartenzäune geschwappt, sagt Claudia Schmidt.

Es folgten aggressive Brüllereien mit den Nachbarn zur Rechten. Eine andere Partei klagte. Irgendwann verkaufte das ältere Ehepaar rechts wutentbrannt sein Haus und zog weg, mit der klagenden Nachbarin haben die Schwestern sich nach zwei Jahren verglichen, was zwar keinen Frieden, aber wenigstens einen von gelegentlichen Scharmützeln unterbrochenen Waffenstillstand gebracht hat. Seither herrscht in dieser an sich gediegenen Gegend Gaza-Streifen-Stimmung.

Gerade wieder hat sich die Nachbarin beim Bezirksamt beschwert, weil am Wochenende ein Erste-Hilfe-Kurs für Kinder im Haus durchgeführt wurde, erzählt Claudia Schmidt. "Jetzt frage ich Sie: Welche Lärmkulisse entsteht bei einem Erste-Hilfe-Kurs hinter geschlossenem Fenster?"

Das erläutert die Beschwerdeführerin, eine Dame mittleren Alters, der Reporterin bei einem Nachbarschaftsbesuch: "Wir leben Wand an Wand in Wohnhäusern, ich höre alles. Wenn nebenan die Kinderkrippe tobt, klirren meine Gläser im Schrank." Die Anwohnerin hat hier zwei Jahrzehnte lang in tiefem Frieden gewohnt, bis der fast unbelebte Firmensitz nebenan den munteren Horden des Kindergartens wich. Um Behörden und Richtern das Ausmaß ihrer Not zu belegen, hat die Dame über ein Jahr lang Lärmprotokolle angefertigt, worin sie an insgesamt 31 Tagen Störgeräusche minutiös dokumentiert hat. Am 19. Februar 2008 steht da: "9.30 bis 11 Uhr: Sechs größere Kinder und ein Betreuer spielen Fußball. 14.30 bis 17 Uhr: Zehn Kinder im Garten." 20. Februar 2008: "10 bis 12 Uhr, zehn Kinder und drei Betreuer im Garten – lautes Fußballspielen." Oder am 24. April: "10.30 bis 11.30 Uhr: Zehn Kleinstkinder (unter zwei Jahren) und ein Betreuer im Garten – lautes Schreien und Weinen."

Gerade das klägliche Schreien der Wickelkinder, sagt die Frau, fahre ihr mitten ins Herz. Dann sitze sie am Schreibtisch und könne sich nicht mehr konzentrieren. Sie habe selbst Kinder aufgezogen, deshalb werde ihr beim herüberwehenden Klang von so viel "Hilflosigkeit und Verlassenheit" ganz elend. "Ich möchte aufspringen und die Säuglinge an mich reißen", sagt sie. Stattdessen steht sie auf und schließt das Fenster.

Durch das Walten der Richter ist der Kita die Gartennutzung jetzt an den Nachmittagen untersagt, seiter kann die Nachbarin "einigermaßen" mit der Einrichtung leben – das Verhältnis indes ist zerrüttet. Sie tritt hinaus in ihren bloß zehn Meter breiten Garten, der auf einen Alsterkanal zuläuft. Direkt daneben liegt die Grünfläche der Kita – man kann einander tatsächlich in die Töpfe gucken. Will hier jemand mit einem Kindergarten friedlich koexistieren, muss er eine gewisse Bereitschaft haben, sich den Bedingungen des modernen Großstadtlebens anzupassen. Dieses Beispiel zeigt, wie der durch Stadtverdichtung und Baulückenschließung bundesweit stark angestiegene soziale Stress sich auf sensible Gemüter auswirkt.

Im Moment ist im Nachbargarten allerdings nichts los. "Warum sind denn keine Kinder da?", fragt sich die Nachbarin irritiert. Die ganze Kita steht verwaist. Dann entdeckt sie nebenan aufgeschüttete Erde: "Was wird denn da schon wieder gebaut?" Selbst der durch Auflagen gebändigte Kindergarten ist für sie eine unberechenbare Größe, ein steter Born unguter Überraschungen. Ihr eigener hübscher Garten macht ihr keine rechte Freude mehr, selbst in den Abendstunden meidet sie ihn meistens, denn nebenan könnten ja unvermutet die Kita-Chefinnen mit Freunden Platz nehmen. Die Schwestern Schmidt wiederum klagen, sie fühlten sich von ihrer "querulatorischen Nachbarin" auf Schritt und Tritt belauert und kontrolliert. Eine vernünftige Kommunikation aber findet nicht statt. Jede Partei fühlt sich im Würgegriff der anderen.

Das Haus auf der rechten Seite des Kindergartens hat vor zwei Jahren übrigens Dietmar Beiersdorfer, damals noch Sportdirektor des HSV, vom wutentbrannten Ehepaar erworben. Er wohnte mit seiner Familie dort, bis er im vergangenen November nach Österreich zu den Red Bulls wechselte. Seither ist das Haus vermietet. Durch die Kindergartenkinder, mailt Beiersdorfer aus Salzburg, "ist nie auch nur irgendeine Art von Belästigung aufgetreten". Nur über die Eltern, die gerne "dreist" vor seiner Garage parkten, habe er sich manchmal geärgert. Trotzdem haben weder er noch seine Mieter deshalb einen Anwalt bemüht.