Am Morgen des 29. April 2010 warten schon Reporter und Fotografen auf dem Flur des Hamburger Verwaltungsgerichts, denn hier tagt gleich die Kammer 9. Thema wird der heiß umstrittene Kindergarten sein, den SterniPark im September 2008 an der Reventlowstraße im noblen Stadtteil Othmarschen eröffnet hat. Inzwischen dürfte der Rechtsstreit um die Kita schon älter sein als manche ihrer kleinen Gäste. Das Problem ist: Der Kindergarten liegt in einem besonders geschützten Wohngebiet. Dort ist jegliches Gewerbe – sogar ein Tante-Emma-Laden – verboten, was auf eine baupolizeiliche Verordnung aus dem Jahre 1938 zurückgeht. Trotzdem ist SterniPark nach Othmarschen vorgestoßen, und seither füllt der Streit darüber, ob ein Kindergarten ein "Gewerbe" ist oder zum "Wohnen" gehört, die Akten. Es ist fraglich, ob eine Verordnung aus der NS-Zeit noch für eine menschenfreundliche Stadtplanung maßgeblich sein darf.

Weil für die Sozialbehörde eine Einrichtung mit 60 Kindern ein "kleiner Kindergarten" ist, genehmigte das Bezirksamt Altona dem Träger die Kita an der Reventlowstraße zuerst für 60 Kinder. Unter dem Druck von Nachbarn wurde sie jedoch bald nach der Eröffnung vorübergehend wieder geschlossen, danach schmolz die Kinderzahl bis auf zehn zusammen. Erst eine einstweilige Anordnung des Oberverwaltungsgerichts machte klar: Selbst in ein "besonders geschütztes Wohngebiet" gehört ein Kindergarten – aber er darf nicht mehr als 22 Kinder beherbergen. Im Fall der Reventlowstraße sah der Träger SterniPark keine andere Möglichkeit, als nun die Genehmigung ohne Gartennnutzung zu beantragen. Die Stadt Hamburg, die anfangs noch auf der Seite des Trägers gekämpft hatte, gab nun auf und zog ihre alte Genehmigung (60 Kinder plus Gartennutzung) zurück. Dagegen klagt an diesem 29. April der Verein SterniPark, der auf den Kosten für das Haus sitzen bleibt. Mit so wenigen Kindern, heißt es außerdem, komme keine Kita aus den roten Zahlen.

In Begleitung des SterniPark-Anwalts ist auch der Geschäftsführer Jürgen Moysich gekommen – ein Altlinker mit halblangen grauen Strähnen, aus denen ein Ohr herauslugt. Besonders streitlustig sieht er nicht aus. Mit dabei ist auch seine Tochter Leila, ebenfalls Mitglied der Geschäftsführung, eine schlanke, gut frisierte Erscheinung, die immer da ist, wenn es in der Öffentlichkeit – sei es auf Anhörungen, in den Medien oder vor Gericht – um SterniPark-Kitas geht. Ihr ist die Bereitschaft anzumerken, dem Beharrungsvermögen der Nachbarn mit noch größerem Beharrungsvermögen zu begegnen. Nach außen verstrahlt sie eine heitere Ungerührtheit, die manche ihrer Gegner zur Weißglut bringt.

Auch die Stadt ist vertreten, durch eine kühle Juristin aus dem Rechtsdezernat. Und ganz zuletzt – als endlich alle Fotografen sitzen – huscht noch ein Herr Ende vierzig herein und lässt sich rasch neben seinem Anwalt nieder: Es ist ein sogenannter Beigeladener. Der kämpferischste unter den Nachbarn. Vor der Eröffnung der Kita, als er die geplante Nutzungsänderung nebenan noch für "nicht genehmigungsfähig" hielt, hatte er dem Kindergartenträger vorsorglich ein paar Bedingungen gemailt, unter denen er immerhin bereit sei, mit sich reden zu lassen. Zu diesen gehörten unter anderem eine gigantische, drei Meter hohe und 47 Meter lange Lärmschutzmauer (beigelegter Kostenvoranschlag: 70.000 Euro) und die Übernahme seiner eigenen Anwaltskosten durch den Verein. Obendrein stellte er die Forderung auf, ihm seine Villa abzukaufen ("ein momentaner Verkaufspreis von 1,2 bis 1,4 Mio EUR ist realistisch") oder den Wertverlust, den sein Haus durch die Nachbarschaft eines Kindergartens erleide, finanziell auszugleichen. SterniPark ist damals auf keine der drei Forderungen eingegangen.

Nach einer Stunde ist klar, dass die Verwaltungsrichter den OVG-Beschluss auch im Hauptsacheverfahren nicht antasten. Vielleicht wird die Frage dereinst anders entschieden, wenn Hamburg noch mehr Alte und noch weniger Kinder hat – an diesem Tag jedoch verliert SterniPark den Prozess. Die umgeschwenkte Stadt und der Nachbar bekommen recht: 22 Kinder, dabei muss es bleiben. "Warum versuchen Sie auch dauernd, in besonders geschützte Wohngebiete hineinzugehen?", sagt einer der Richter kopfschüttelnd zu Moysich.

Allerdings könnte es sein, dass der Triumph des Nachbarn nicht von Dauer ist, der Bezirk Altona ist nämlich schon dabei, das ganze Gebiet an der Reventlowstraße neu zu überplanen und einen modernen Bebauungsplan aufzustellen. Mit der Beseitigung des besonderen Wohngebietsschutzes wäre auch der Rechtsprechung des Oberverwaltungsgerichts die Grundlage entzogen und damit die Frage, wie viele Kinder in der umstrittenen Sterni-Kita Platz haben, wieder offen.

Natürlich werden alle möglichen Bewohner der wohlhabenden Elbvororte auch gegen diese Neuerung rechtliche Schritte ergreifen. Im Juni 2009 hat es schon mal eine "Öffentliche Plandiskussion" gegeben, und erwartungsgemäß waren die Vermögenden und Betuchten wieder versammelt und kämpften auch dort gegen neue Kindergärten. Ihre Wortbeiträge waren von einer Art, dass der Leiter des Bezirksamts Altona, Jürgen Warmke-Rose, sich seiner Bürger schämen musste: "Da wurden Grenzen des Anstands überschritten", sagt er rückblickend.

An diesem 29. April 2010 aber tritt die vor Gericht unterlegene Leila Moysich mit dem Selbstbewusstsein der moralischen Siegerin vor den Verhandlungssaal, blickt, ohne mit der Wimper zu zucken, ins Blitzlichtgewitter der Lokalmedien und verkündet laut, heute sei "ein schwarzer Tag für Hamburgs Kinder".

Zurück bleibt der Nachbar. Obwohl er recht bekommen hat, scheut er die Fotografen und traut sich nicht durch die Tür. Später taucht er dann doch auf der Straße vor dem Gebäude auf, auf irgendeinem Umweg muss es ihm also gelungen sein, das Gericht ungesehen zu verlassen.