Das Ende des 19. Jahrhunderts war auch deshalb eine kulturell äußerst produktive Zeit, weil sich damals die Frauen erstmals in Massen organisierten. Die Männer bekamen es mit der Angst zu tun. Strindberg, Ibsen, Shaw oder Huymans entwerfen Protagonistinnen (oft sind sie Prostituierte), die wie sie gegen die bürgerliche Moral aufbegehren – aber so ganz geheuer ist ihnen die Sache nicht. Oscar Wilde spitzt das ambivalente Verhältnis der Künstler zum gar nicht mehr schwachen Geschlecht dramatisch zu: Seine Salomé ist zugleich Sinnbild sexueller Befreiung und Femme fatale.

Wie Wilde hatte auch der norwegische Künstler Edvard Munch ein nicht eben entspanntes Verhältnis zu Frauen. Seine Mutter starb, als er fünf war, er unterhielt zahlreiche Liebschaften und besuchte regelmäßig das Freudenhaus, geheiratet hat er nie. 1895 entsteht Madonna (Liebendes Weib), eine unerhörte Darstellung der Gottesmutter, die heute zu seinen bekanntesten Arbeiten zählt. Am 13. Juli wird diese Lithografie beim Londoner Auktionshaus Bonhams versteigert (Schätzpreis: 500.000 bis 700.000 Pfund).

Munch macht aus einer Heiligen- eine Sexikone, und er lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die sonst so keusche Madonna wirft sich hier in eine leidenschaftliche Pose, ein Arm ist lasziv hinter den Kopf gestreckt, die Augen lustvoll geschlossen, das Licht hebt ihre nackten Brüste hervor. Wo ein Heiligenschein sein sollte, sitzt eine rote Baskenmütze, wie sie die Pariser Prostituierten der Zeit trugen. Spermien schwimmen in einem roten Rahmen, und dort, wo der Bildraum an den Realraum trifft, müsste der Frauen- mit einem Männerkörper verschmelzen – vielleicht sind wir als Betrachter hier doch mehr als passive Voyeure.

Dem Fötus links unten gefällt gar nicht, was er sieht. Sein skelettartiges Wesen gibt der Empfängnisszene einen morbiden Unterton. "Die Hand des Todes berührt das Leben", schrieb Edvard Munch – dem Anfang wohnt das Ende schon inne. Irritierend auch die Farben, die Munch nachträglich auftrug, Rot und Gelb, Grün und Blau, und dagegen der elfenbeinfarbene Körper in einem Meer aus Schwarz: Ist diese Schönheit überhaupt noch am Leben, oder ergötzen wir uns an Nekrophilie?

Munch hat sich immer wieder mit der Madonna auseinandergesetzt, zunächst entstanden Gemälde, dann eine Serie von Lithografien. Der damals 32-Jährige ließ die Arbeit bei Lassally in Berlin drucken – jener Stadt, in der seine Arbeiten bereits zuvor einen handfesten Skandal ausgelöst hatten, der schließlich zur Abspaltung der Berliner Secession um Max Liebermann führen sollte. Das jetzt in London angebotene Werk stellt die vermutlich älteste, handbemalte Lithographie Munchs dar; eine ähnliche Arbeit kam zuletzt vor über 20 Jahren auf den Markt und erzielte schon damals einen sechsstelligen Pfund-Betrag.

"Ich habe immer meine Kunst vor alles andere gestellt. Oft fühlte ich, dass die Frau meiner Kunst im Wege stehen wollte", sagte Munch einmal. Ein Jahr nachdem sein Madonnen-Bild entsteht, verwendet Sigmund Freud erstmals das Wort Psychoanalyse.