Sprich über die Verbrechen

Jetzt, da man auch Deinen ältesten Sohn verhaftet hat, ist es an der Zeit, mit der Justiz zusammenzuarbeiten, Francesco Schiavone. In der Presse heißt Du nur noch Sandokan, bei den Leuten aus deiner Gegend Cicciò o’barbone, Cicciò der Bärtige, und Deine Anwälte präsentieren Dich als Schiavone Francesco di Nicola. Deinen Sohn hast Du Nicola genannt, nach Deinem Vater, und ihn in Deine Fußstapfen treten lassen. In die Fußstapfen eines Killers. Er wird beschuldigt, drei Deiner Männer umgebracht zu haben, die zum Familienclan der Bidognetti überwechseln wollten. In Deiner Familie fühlt sich niemand mehr sicher, Deine Gruppe bietet keinen Schutz mehr. Es bleibt Dir nichts anderes übrig, als auszusagen. So beginnt mein Brief an Dich, er kann nicht anders beginnen, nicht mit einem "Lieber". Du bist mir alles andere als lieb.

Du sitzt seit über zehn Jahren im Knast. Davor hast Du in Casal di Principe in einer Art unterirdischem Bunker gehaust, wo man Dich schließlich aufgespürt und festgenommen hat. Jetzt ist Dein Sohn in einem ähnlichen, wenn auch kleineren Bunker geschnappt worden: Der gleiche Ort, die gleiche Einrichtung, die gleichen hohlen Statussymbole – ein LCD-Fernseher –, die mit den Jahren noch gewöhnlicher geworden sind.

Sogar die gleiche Leidenschaft für die Malerei. Was hast Du gedacht, als man ihn hochgenommen hat, als Du gehört hast, dass der Mann, der die Blitzaktion geleitet hat, derselbe ist, der Dich damals genauso festgenommen hat, nämlich Guido Longo, ehemals Chef der neapolitanischen Anti-Mafia-Behörde DIA und heute Polizeichef von Caserta? Was hast Du gedacht, als Du gesehen hast, wie die DIA von Neapel ihren Kampf zahllosen Tiefschlägen zum Trotz unvermindert fortsetzt? Was ist das für ein Gefühl zu wissen, dass Nicolas Frau jetzt die gleichen Qualen durchlaufen wird wie Deine Frau? Deine Enkel werden wie Deine Kinder ohne Vater aufwachsen, von monatlichen Zahlungen durch einen Deiner Stellvertreter leben und zu Camorristi werden, weil alle es so wollen, weil Du es so willst. Hat es sich dafür gelohnt, an die Spitze zu kommen, all diese Mordbefehle zu erteilen, all Deine einstigen Verbündeten eigenhändig zu töten?

Jeder Freund ist Dir Feind geworden. Ihr verratet euch gegenseitig und wisst von vornherein, dass Euch das Gleiche blüht. Denn das ist Euer Leben: Eure engsten Freunde umbringen, die zerstören, mit denen Ihr groß geworden seid, um nicht selbst zerstört zu werden. Und eines Tages werdet Ihr von denen zerstört werden, die Euch heute nahestehen und Eure Geschäfte vorantreiben. Wie hast Du Dich gefühlt, Francesco Schiavone Sandokan, als Du in einem für Deine Anwälte verfassten Bericht angegeben hast, Du würdest Gespenster sehen, die Dich in Deiner Zelle heimsuchen? Wie fühlst Du Dich, wenn Du weinst, wenn Du kurz vorm Durchdrehen bist, wenn Du gar den Verrückten mimst, um dem Gefängnis zu entkommen? Auszusagen ist die einzige Chance, die Dir noch bleibt. Wozu noch die Maske des gefährlichen Tigers tragen, wo Du inzwischen nichts anderes bist als ein eingepferchter, kastrierter Kater?

Kastriert wie Francesco Bidognetti, Dein Verbündeter und Rivale zugleich, der nun kurz vorm Einknicken ist und dem nichts anderes übrig bleibt, als sich mit den Männern, die seine Getreuen und Angehörigen umgebracht haben, gut zu stellen. Der mit ansehen muss, wie seine Frauen ihn eine nach der anderen betrügen. Heute kann er seinen Clan kaum noch ernähren, die Beschlagnahmungen und Verhaftungen fressen ihn auf. Dennoch waren Deine Leute, die Dein Sohn umbringen sollte, drauf und dran, zu ihm überzulaufen, um bloß nicht unter der Fuchtel Deines Erben zu stehen. Du hast immer gewusst, welches Schicksal auf Dich wartet. Ihr setzt jährlich zig Milliarden Euro um, das Vermögen Deines Clans entspricht der Summe eines staatlichen Sparprogramms, und trotzdem endet Ihr nicht wie Menschen, sondern wie Verbrecher.

Noch immer hast Du zahlreiche Politiker in der Hand und ziehst bei Großaufträgen in ganz Italien die Fäden. Gerade weil Du hinter Gittern sitzt und das Gewicht Deiner Macht zu spüren bekommst, hältst Du Dich für etwas Besseres als die Unternehmer und Abgeordneten, mit denen Du gemeinsame Sache machst. Doch was hast Du von Deiner Überlegenheit? Sie sind draußen, und Du hockst im Loch. Wieso schützt Du sie noch immer mit Deinem Schweigen? Was kann Deine Verurteilung zu lebenslänglich und die fortschreitende Zerstörung Deiner Familie je aufwiegen?

Ich glaube, ich weiß, was Du denkst. Du denkst, die Geschäfte draußen laufen gerade gut. Die Wirtschaftskrise spielt Deinem Clan in die Hände und lässt Deine Haftstrafe in den Hintergrund rücken. Du denkst, auch die kürzlich erlassenen Gesetze kommen Euch zugute. Das neue Abhörgesetz wird von nun an Euer Schutzschild sein; hätte es dieses Gesetz schon früher gegeben, wäre Dein Sohn niemals verhaftet worden, und das Gesetz zur Prozessverkürzung könnte Euch ebenfalls nützlich werden. Ihr habt verbündete Politiker in Schlüsselpositionen, und sollte sich der Vorwurf der neapolitanischen DIA bestätigen, hat der Wirtschafts-Staatssekretär Nicola Cosentino einen direkten Draht zu Deiner Familie. Und das nicht, weil er mit Dir verwandt ist, sondern weil er mit Dir Geschäfte macht.

Früher oder später, denkst Du, wird irgendein befreundeter Politiker Deine Strafe schon mildern, und das Gefängnis verwandelt sich wieder in ein angenehmes Hotel, wie damals, als Du jung warst. Und solltest Du nicht mehr in den Genuss kommen, dann vielleicht Dein Sohn Nicola. Du durftest einen Boss der Cosa Nostra treffen, Giuseppe Graviano, Auftraggeber des Mordes an Don Puglisi und verantwortlich für den Tod von Falcone und Borsellino sowie für die Blutbäder in Florenz, Mailand und Rom im Jahr 1993. Wer weiß, was Ihr Euch alles zu erzählen hattet beim Hofgang im Gefängnis Opera, wo Ihr die Strafe des Artikel 41b abbrummt? Habt Ihr Bündnisse geschlossen? Neue Wege ersonnen, um Euch an denen zu rächen, die Euch bestraft haben? Davon geträumt, selbst vom Hof eines Hochsicherheitsgefängnisses aus das Geschick Italiens zu lenken? Glaubt Ihr, Euer Schweigen oder eine Silbe von Euch könnte der politischen Spitze dieses Landes die Legitimation entziehen? Ihr Angst machen? Merkst Du nicht, dass ihr, statt die Fäden in der Hand zu halten, längst selbst zu Marionetten geworden seid?

 

Regelmäßig unterstützt ihr Politiker, die Euch Versprechen machen, Euch benutzen, um ihre Ziele zu erreichen, und Euch dann schassen, sobald ihr ihnen nicht mehr dienlich seid und sich Alternativen auftun. Denn die Einzigen, die in diesem von der stets gleichen Handvoll üblicher Verdächtiger geführten Land früher oder später ersetzt und abserviert werden, seid Ihr.

Die Camorra ist mächtig, doch ihre Macht fußt auf dem ständigen Wechsel ihrer Mitglieder: Sie sind austauschbar. Die Friedhöfe sind voll von unersetzlichen Camorristi. Siehst Du nicht, dass Dein Clan gerade ausgelöscht wird? Und der von Bidognetti? Und die Gertreuen Iovine und Zagaria, die beiden Flüchtigen? Noch sind sie auf freiem Fuß. Frei, Geschäfte zu machen und zu leiten. Deine Regenten, die ganz selbstverständlich zu Herrschern geworden sind: Krönungen gibt es nicht, Entthronungen jedoch sehr wohl, und früher oder später werden sie mit Blut besiegelt, wenn nicht mit dem des gestürzten Herrschers, so mit dem seiner letzten Getreuen. Genau das erwartet Dich, und Du weißt es. Sie werden Dich verraten (wenn sie es nicht schon längst tun), so wie Du andere verraten hast.

Vor vier Jahren rief ich die Leute dazu auf, auf die Piazza von Casal di Principe zu kommen. Mein Aufruf richtete sich vor allem an die Jugend. Ich forderte sie auf, Euch aus unseren Dörfern zu jagen, Euch die Bürgerrechte abzuerkennen, Euren Familien den Gruß zu verweigern. "Michele Zagaria, Antonio Iovine, Francesco Schiavone, ihr seid einen Dreck wert", brüllte ich heraus, um zu beweisen, dass man Eure Namen auf diesem Platz laut aussprechen kann. Dass nichts passiert, wenn man es tut. Dass sie nicht unaussprechlich sind, selbst wenn man nicht einen, zwei oder fünf, sondern zig Menschen auffordert, euch anzuklagen und dazu zu bringen, aus Casal di Principe, San Cipriano d’Aversa und Casapesenna zu verschwinden. Von diesem Land abzulassen. Dein Vater hat mich eine arme Wurst genannt, und damit ist er nicht allein. Du selbst hast mir über Deine Anwälte schriftlich ausrichten lassen, dass ich Lügen erzähle. Auf den Hauswänden von Casal di Principe ist nie eine Schmähung gegen Dich aufgetaucht. Stattdessen finden sich Dutzende Beschimpfungen gegen mich, und kaum lässt jemand meinen Namen fallen, zieht die Jugend aus meiner Gegend über mich her. Und was tut sie, wenn sie Deine Kinder sieht? Was verkörpern sie, ohne Mutter, ohne Vater, dafür ständig im Visier der Polizei? Bist Du stolz darauf, ihnen so ein Leben zu bieten? Deine Frau in Haft, die Kinder zu Verwandten abgeschoben. Zollt man solch einem Menschen Ehre und Respekt?

Wer seine Familie so leben lässt, ist kein Mensch. Und im Grunde weißt Du das. Es gibt einen alten, ziemlich treffenden neapolitanischen Ausdruck für eine auf Bluff gebaute Macht: guappo di cartone, Papier-Camorrista. Ihr verwendet ihn für Leute, die das Maul aufreißen und dann die Hosen voll haben. Ich verwende ihn, um auszudrücken, wie feige Eure tödliche Macht, wie korrupt Eure Geschäfte sind und dass Euer Schweigen all die Angestellten, Unternehmer, Verleger, Steuerberater, Abgeordneten und Ingenieure schützt, die für Euch arbeiten und sich vormachen, für ein x-beliebiges Unternehmen tätig zu sein, über das sie lieber nichts Genaueres wissen wollen. Du bist ein Papier-Camorrista, weil Du wehrlose Menschen hinrichten und Unschuldigen in den Rücken schießen lässt. Weil Du jeden Schritt fürchtest, der Deinen Finanzen schaden könnte, und bereit bist, für einige Euro Dein Gesicht und Deine Würde zu verlieren. Weil Du Deine Landsleute, die in Deinen Unternehmen arbeiten wollen, zu einem auf Angst gegründeten Schweigen zwingst. Weil du kein Unternehmen groß werden lässt, das mit Dir oder den Deinen keine Geschäfte macht. Weil Du den Boden vergiftest, auf dem Deine Vorfahren Pfirsiche und Äpfel gepflanzt haben und der heute nichts als Krebs hervorbringt.

Es mag absurd für Dich klingen, aber da niemand Dich dazu auffordert, tue ich es noch einmal: Arbeite mit der Justiz zusammen. Bevor all Deine Söhne hinter Gittern landen oder ermordet worden sind. Bevor deine Töchter zu Zwangsehen verdonnert werden, um Dich besser dastehen zu lassen, bevor Deine Enkel in die Lokalwirtschaft einheiraten müssen, um sie ständig und überall zu kontrollieren. Dein Bruder Walter sollte das Gleiche tun. Außerhalb der Gefängnismauern hielt er sich für eine Figur aus Scarface. Es gab keinen Referenten, Bürgermeister, Parteisekretär oder Unternehmer, der nicht mit ihm gemeinsame Sache machen wollte. Und jetzt? Jetzt sitzt er von Krankheit zerfressen hinter Gittern, hat einen Sohn verloren und ist zu einem wandelnden Gerippe geworden, das die Richter um Gnade anfleht, er, der seinem Land und seinen Feinden gegenüber keine Gnade kannte. Wieso schweigst Du noch? Glaubst Du, diejenigen, die Du mit Deinem Schweigen schützt, respektieren Dich? Sie werden demjenigen folgen, der das Sagen hat. Gestern wart Ihr das, heute sind es andere und morgen wieder andere. Sie werden mit denen befreundet sein, die zählen. Ihr dagegen werdet hinter Gittern sterben.

Ich bin in Camorra-Land aufgewachsen und weiß, wie Du tickst. Für Dich ist jeder, der Angst vor dem Tod oder dem Gefängnis hat, ein Schlappschwanz. Du weißt, dass die absolute Macht über das Leben anderer seinen Preis hat. Du und Deine Freunde seid die Gewinner, weil Ihr im Gegensatz zu den Politikern und Unternehmern dieses Landes bereit seid, Euch selbst zu opfern. Wie oft habe ich meine Landsleute das sagen hören. Aber nicht alle teilen diese Meinung.

Früher oder später wird man Euch zerquetschen. Früher oder später werden Eure Geschäfte, Euer Zement, Eure Wahlstimmen, Eure giftigen Abfälle, wird all das ein Ende haben. Der Wille kann den Lauf des Schicksals nicht ändern, und Du bist nur ein winziges Glied in einer endlosen Kette. Doch vielleicht könntest Du Dich zu einer Geste, zu einem Schritt durchringen, der wenigstens zum Teil für Deine Taten aufkommt. Lass die Hosen herunter. Befreie Dich von Deiner Macht, vom Einfluss Deiner Geschäfte, von Staatssekretären, Bürgermeistern, Provinzpräsidenten, befreie Dich von den Giften, den Toten, den verfluchten Familien, die meinen, wie Herrscher über Dinge, Menschen und Tiere verfügen zu dürfen. Arbeite mit der Justiz zusammen, Schiavone. Fordere Antonio Iovine und Michele Zagaria auf, sich zu stellen. Mit dieser Geste würdest Du Dir und den Deinen die Menschenwürde zurückgeben.

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

© 2010 Roberto Saviano – Agentur R. Santachiara