Es gab mal einen Gesundheitsminister, der fuhr eine Nacht lang alleine mit einer Krankenschwester, Spezialgebiet Aids, durch die Straßen, von Todkranken zu Schwerkranken, um einmal wirklich zu erleben, welche Politik er da verantwortet. Der Minister legte Wert darauf, dass keine Kamera, kein Reporter dabei war, es sollte alles andere als eine Showveranstaltung sein. Die Krankenschwester war begeistert. Noch nie, sagte sie, habe sie einen derart idealistischen Politiker kennengelernt. Der Mann wolle wirklich etwas bewegen.

Der Gesundheitsminister hieß Horst Seehofer, es war das Jahr 1992, und er gehörte dem Kabinett Kohl an. Heute ist er wieder Teil einer schwarz-gelben Koalition, die Kanzlerin heißt Merkel. Seehofer ist Parteichef und Ministerpräsident, macht nebenbei dem aktuellen Gesundheitsminister das Leben zur Hölle und gilt als Inbegriff des populistischen Machtpolitikers: einer, der für seinen kleinen parteipolitischen Vorteil in Bayern maximalen Kollateralschaden am Gemeinwohl in Kauf nimmt. In diesem Bild ist nichts mehr übrig vom Idealisten, nur der Karrierist ist noch da.

Was ist passiert? Hat da einer eine Metamorphose zum "Anpassungsartisten" und "Demoskopisten" erlitten, jener unrühmlichen Politikerspezies, die schon der CDU-Veteran Rainer Barzel in seinem Buch Auf dem Drahtseil mit Abscheu beschrieben hat? Ist der harte politische Alltag schuld? Muss man eben ein Zyniker werden? Oder stimmt dieses Fazit gar nicht? Ist es der öffentliche Blick, der jeden Politiker irgendwann in ein Monster oder in eine Flasche verwandelt, in jedem Fall aber in eine Schublade steckt?

"Die ziehen das durch" statt "Wir sind das Volk"

Diese Woche wurde in Berlin der neue Bundespräsident gewählt, das Staatsoberhaupt. Eigentlich ein großer Moment in einer Demokratie. Doch wie "Berlin" zur Chiffre wird für die Abgehobenheit des politischen Betriebs, so ist die Wahl in den Augen eines großen Teils der Bevölkerung geradezu zum Gegenteil dessen geworden, was sie sein sollte: demokratisch legitimierter Volkswille. "Die ziehen das durch" statt "Wir sind das Volk" ist das Gefühl, das Wahlen inzwischen begleitet und diese ganz besonders. Die, das sind die Politiker.

"Wenn du vorangehst und oben stehst, blicken alle auf dich – wohlwollend oder feindlich oder einfach neugierig. Du gehörst nicht mehr dir allein. Einen unauflöslichen Pakt schließt die Menge mit dir – ohne Paragraphen, ohne Kleingedrucktes, ohne Hintertür; schweigend und unsichtbar. Du fühlst ihn." Das schrieb der spätere Bundestagspräsident Barzel 1978. Damals gingen bei Wahlen 90 Prozent der Deutschen abstimmen.

2010 haben der freiwillige Rückzug von Roland Koch, der überraschende Rücktritt von Horst Köhler, die Kandidatur von Joachim Gauck eine neue Mischung aus Politikverdruss und -sehnsucht hervorgebracht. Es liegt etwas in der Luft, das möglicherweise mehr ist als eine zufällige Häufung von persönlichen und systemischen Abnutzungserscheinungen. Der Pakt zwischen Politik und Bürgern, er funktioniert nicht mehr. Die Wähler wählen nicht mehr, und selbst die Politiker, so scheint es, halten die Politik nicht mehr aus. Koch, Köhler, Rüttgers, demnächst womöglich Ole von Beust in Hamburg: Sie gehen, hören auf, wollen nicht mehr. Ausgerechnet jetzt, wo es doch hieß, die Politik komme wieder! Ausgerechnet die Konservativen, die sich immer belustigt haben über die Toskana-Fraktion mit ihrer Aussteigermentalität.

Warum tue ich mir das eigentlich an? Das ist eine Frage, die man öfter als früher in der Politik hört. Es ist die Frage nach Lohn und Preis. Koch, Köhler, Rüttgers, sie alle sind an den Punkt gekommen, an dem der Verschleiß die Gestaltungskraft übersteigt. Ist die Politik härter geworden? Sind die Politiker weicher geworden? Machen die Medien ihnen das Leben schwer oder die Parteipolitik?