Er plant eine Predigt, keine Diashow. Wenn er vorne auf der Bühne steht, sollen sie ihm zuhören und nicht auf eine Leinwand glotzen. "Der Papst braucht auch kein Powerpoint, wenn er zu Ostern die frohe Botschaft verkündet!", ruft der grauhaarige Mittsechziger ins Publikum.

Niemand lacht. War ja auch nicht witzig.

Immerhin, sie sind jetzt wach, die Besucher der International Compliance Days. Gut 120 Mitarbeiter der Deutschen Telekom sind nach Wien gereist, aus zwei Dutzend Ländern. Und sie haben längst kapiert, dass ihnen der Mann da vorne keinen Segen spenden, sondern ins Gewissen reden will. Und ihnen anschließend eine neue Form der Buße präsentiert. Genau das ist sein Job: Manfred Balz ist im Vorstand der Telekom für Datenschutz und Recht verantwortlich – und für Compliance.

Compliance ist ein sperriges Wort. Es lässt sich mit Unterwürfigkeit übersetzen. Fügsamkeit passt auch, oder, noch besser, Lernfähigkeit. Balz ist eine Mischung aus Konzernsheriff und Schülerlotse. Er muss sicherstellen, dass weltweit rund 260.000 Telekom-Mitarbeiter die Spielregeln einhalten.

Nein, du darfst keine Kundendaten klauen und ins Ausland verhökern.

Nein, du darfst nicht lügen, um höhere Vertriebsprovisionen zu kassieren .

Und nein, du darfst auch keine Journalisten bespitzeln. Nicht mal ausnahmsweise.

Für Balz ist diese Zeit auch eine der persönlichen Bilanz. Er ist der große Gewinner der Spitzelaffäre, die vor gut zwei Jahren aufflog. Zuvor hatte die Telekom die Telefondaten einiger Dutzend Journalisten, Manager und Gewerkschafter überwachen lassen, um ein Informationsleck im Aufsichtsrat zu finden. Balz rückte nach dem Skandal in den Vorstand auf: als Aufräumer, der die Telekom wieder in ein rechtstreues Unternehmen verwandeln sollte. Ein Meister Proper für die Konzernhygiene. Aber wie weit ist er seitdem gekommen?

Vor zwei Wochen endete die Affäre unspektakulär. Die Staatsanwaltschaft klagt nur ein paar kleine Fische an, nicht aber Kai-Uwe Ricke und Klaus Zumwinkel, die früheren Chefs von Vorstand und Aufsichtsrat . Dabei wurde in den Medien lange gemutmaßt, die beiden hätten die Spitzeleien gekannt oder sogar angeordnet. Schluss. Aus. Vorbei. Verfahren eingestellt, mangels Tatverdacht.

Sind Sie nun enttäuscht, Herr Balz, dass man die Großen laufen lässt und die Kleinen hängt?

"So ist der Gang der Justiz, und ich vertraue auf den Rechtsstaat und seine Institutionen", sagt er, äußert aber auch Verständnis für die Opfer der Bespitzelung, die sich vom Staatsanwalt möglicherweise mehr erhofft hätten. Punkt.