Gibt es: Die Statistik ist falsch. Oder genauer: Sie führt in die Irre. Zwar arbeiten die Bundesbürger im Durchschnitt tatsächlich ziemlich wenig . Aber es ist eben nur ein Mittelwert. Früher war er ziemlich aussagekräftig. Damals arbeiteten fast alle Deutschen Vollzeit, und Vollzeit hieß 40 Stunden, jedenfalls ungefähr.

Heute ist das anders. Der Arbeitsmarkt hat sich geteilt. Auf der einen Seite gibt es Teilzeitarbeiter, geringfügig Beschäftigte und Minijobber, auf der anderen Viel- und Dauerarbeiter. So entsteht eine niedrige Durchschnittszahl, die nichts aussagt. Laut einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin arbeitet heute jeder zehnte Vollzeitbeschäftigte mehr als 60 Stunden in der Woche. Es sind Wochenendarbeiter, Überstundenklopper, Immer-Erreichbare. Es sind Leute, in deren Leben die Arbeit alles bestimmt .

Und manchmal tritt sie ihnen zu nahe.

Auf dem Papier hat der gelernte Bankkaufmann Carsten Becker keine besonders langen Arbeitszeiten. 39 Wochenstunden steht im Tarifvertrag. Auf der Visitenkarte, die Becker seinen Kunden gibt, aber heißt es: "Beratungszeit: 8–20 Uhr". Den Kunden ist es egal, wann er die 39 Stunden voll hat. Sie rufen auch am Wochenende auf Beckers Handy an. Geht er nicht ran, werden sie wütend. Manche hinterlassen ihm dann eine Drohung auf der Mailbox: "Wenn ich in den nächsten zehn Minuten keinen Rückruf kriege, können Sie den Vertrag vergessen."

Becker muss sich dann dafür entschuldigen, dass er nicht erreichbar war. Er darf keinen Kunden verlieren. Jede Woche berichtet er seinem Vorgesetzten, wie sich das Geschäft entwickelt. Stimmen die Zahlen nicht, bekommt er Druck, und sie stimmen nur noch selten. Im Zuge der Wirtschaftskrise ist das Leasinggeschäft eingebrochen. Die Bank baut Stellen ab. Ihr Geschäft nimmt ab, aber Beckers Belastung zu. Gemeinsam mit einem Kollegen ist er für 1100 Leasingverträge zuständig, jeden Tag schreibt er fünf, sechs Vertragsangebote. Ein Fehler kann Zehntausende, manchmal Hunderttausende Euro kosten.

Carsten Becker macht keine Fehler. Dafür sieht er seine Frau und seine zwei Kinder fast nicht mehr .

Als sein direkter Kollege in der Leasingabteilung für drei Wochen in den Urlaub fährt, muss Becker auch dessen Arbeit übernehmen. Das Pfeifen in seinem Kopf ist wieder da, er kann nicht mehr schlafen. Es gibt Leasingverträge aus dieser Zeit, die seine Unterschrift tragen, obwohl er schwören könnte, sie nie gesehen zu haben: "Ich bin nur noch wie ein Roboter ins Büro gegangen."

Kurz darauf erleidet der Roboter seinen vierten Hörsturz, ärgert sich über die Unterstellung des Arztes, er sei überlastet, und holt sich schließlich doch eine Überweisung für den Psychotherapeuten.

Carsten Becker geht jetzt nicht mehr ins Büro. Für sechs Wochen ist er in einer Klinik auf dem Land und überlegt, wie er es anstellen soll, künftig gesund zu bleiben.

Man kann sich einen durch Arbeit verursachten psychischen Kollaps wie einen Infarkt vorstellen. Nur dass es nicht das Herz ist, das das geforderte Tempo nicht mehr hält, sondern die Seele. Wie die Herzleiden haben sich die psychischen Gebrechen zu modernen Volkskrankheiten entwickelt. "In beiden Fällen ist es falsch, nach der einen entscheidenden Ursache zu suchen", sagt der Psychiater Hans-Peter Unger, Chefarzt der Asklepios Klinik in Hamburg-Harburg. "Es gibt jedoch Risikofaktoren, die eine Erkrankung wahrscheinlicher machen."

Beim Herzinfarkt sind das: Rauchen, schlechte Ernährung, Bewegungsmangel. Auch beim Burn-out, dieser Erschöpfungsdepression, oder dem Nervenzusammenbruch, erhöhen naheliegende Dinge die Gefahr: ein diktatorischer Chef zum Beispiel, intrigante Kollegen oder ein Hang zum Perfektionismus. Phänomene also, die es schon immer gab, die nie verschwinden werden.

Darüber hinaus aber spiegelt die steigende Zahl seelischer Erkrankungen auch Veränderungen in der Arbeitswelt wider, nicht nur in Deutschland, sondern rund um die Welt. "Auch in Frankreich, Amerika und Japan nehmen die psychischen Erkrankungen von Erwerbstätigen zu, genauso wie in den aufstrebenden Wirtschaftsnationen Brasilien und China", sagt der Düsseldorfer Medizinsoziologe Johannes Siegrist.

So wie die Nadel eines Barometers auf steigenden Luftdruck anspricht, so scheint die Krankenstatistik auf wachsenden Wettbewerbsdruck zu reagieren.

Kurz vor Weihnachten fährt Michael Kampmann* mit seiner Frau in den Skiurlaub. Ischgl in Tirol, endlich ein paar Tage frei. Kampmann, 60 Jahre alt, studierter Elektroingenieur, ist Vertriebsleiter bei einem norddeutschen Unternehmen für Gebäudetechnik. Ein schlanker, sportlicher Mann, der korrekt und verbindlich auftritt, der sagt, sein Chef soll sich auf ihn verlassen können.