Es geschah am Hamburger Flughafen vor ein paar Wochen. Vor der letzten Phase ihres Kampfes um die Schulreform wollte sich Christa Goetsch ein paar Tage in Rom gönnen. Es war der erste Urlaub nach langer Zeit. Vor dem Abflug schlenderte sie durch den Duty-free-Shop, als sich plötzlich ein Mann vor ihr aufbaute. "Sie sind die meistgehasste Frau Hamburgs", brach es aus dem Fremden heraus. Dann spuckte er auf den Boden. Der Mann war offenbar ein Hamburger Vater. Sein Kind stand an seiner Seite.

Eine Frau spaltet eine Stadt. Seit der schwarz-grüne Senat beschlossen hat, die Grundschule um zwei Jahre zu verlängern, geht ein Riss durch Hamburg. Der Streit entzweit Lehrerkollegien und Parteien, Familien und Zeitungsredaktionen. Am übernächsten Sonntag soll ein Volksentscheid die Mehrheitsverhältnisse in der Frage klären. Das Ergebnis ist völlig offen. Für Schulsenatorin Christa Goetsch ist es der wichtigste Tag in ihrem politischen Leben. Nicht nur die Zukunft der ersten schwarz-grünen Koalition auf Landesebene steht auf dem Spiel, sondern auch die der deutschen Schulpolitik insgesamt.

Gewinnt Goetsch, wird sie die erste Schulpolitikerin seit Jahrzehnten sein, die das gemeinsame längere Lernen für alle Kinder in einem Bundesland durchgesetzt hat. Verliert sie, hat sie gezeigt, dass große Strukturreformen hierzulande nicht durchsetzbar sind. Schon heute jedoch hat Christa Goetsch bewiesen, dass kein anderes Thema bei den Bürgern heftigere Emotionen freisetzt als die Zukunft der Schule. Dass ausgerechnet sie diesen Beweis erbringt, ist kein Zufall. Kaum eine andere Bildungspolitikerin verfügt derzeit über eine ähnliche schulpolitische Expertise und biografische Glaubwürdigkeit wie Goetsch. Gleichzeitig macht ihre Fachkunde die Grüne anfällig für Überheblichkeiten und politische Fehleinschätzungen.

Wer Goetsch kurz vor der Abstimmung trifft, begegnet einer Frau, die mehr denn je glüht für ihre Idee – und bis heute nicht recht verstehen kann, warum sich die große Mehrheit der Stadt ihrer Begeisterung nicht angeschlossen hat. Denn was sind schon zwei Gymnasialjahre, die wegfallen, wenn dadurch das ganze Schulsystem gerechter wird? Was wiegen die Sorgen einer Handvoll humanistischer Oberschulen um ihren Latein- und Griechischunterricht gegen die Chance für Zehntausende Migrantenkinder, in einer längeren Grundschulzeit ihre Deutschdefizite auszugleichen? Und warum soll hierzulande unmöglich sein, was fast in der ganzen Welt üblich ist?

Bis zur Erschöpfung hat die Frau mit dem dunklen Lockenkopf, den stets weit ausholenden Gesten und der fast erdrückenden Begeisterungsfähigkeit in den vergangenen zwei Jahren für ihre Position geworben. Ob katholische Lehrerschaft, der vornehme Übersee-Club oder die Seniorenvereinigung der CDU: Goetsch scheute kein Publikum. "Man hat das Gefühl, dass sie die Auseinandersetzung geradezu braucht", sagt einer aus ihrem Umfeld. Am liebsten würde sie jeden Zweifler persönlich in eine der Vorzeigeschulen mitnehmen, die das gemeinsame Lernen schon heute erfolgreich vormachen. So wie sie es mit dem Ersten Bürgermeister Ole von Beust gemacht hat oder dem Präsidenten der Handelskammer. "Die Gegner der Reform haben Angst, dass man ihnen etwas wegnimmt. Sie sehen nicht, dass die Primarschule der ganzen Stadt etwas geben wird", sagt sie.

Es ist Samstag früh. Noch ist kein Café offen, Christa Goetsch hat zu Kaffee und Brötchen nach Hause geladen. Bücherregale reihen sich hoch bis zu den Stuckleisten, auf den glänzenden Holzdielen stapeln sich pädagogische Zeitschriften. Rechts von dem Haus schlägt an vier Tagen in der Woche ein Ökomarkt seine Stände auf, links strömen mehrmals täglich Gläubige in eine Moschee. Seit mehr als 25 Jahren wohnt Christa Goetsch in Hamburg-Altona, dem alternativ-bürgerlichen Zentrum der Stadt. Hier hat sie Anfang der achtziger Jahre den ersten deutsch-türkischen Kindergarten Hamburgs gegründet. Hier unterrichtete sie 22 Jahre lang als Lehrerin an einer Brennpunktschule. Wer wissen will, woher die heute 57-Jährige ihre Überzeugungskraft nimmt, hier wird er fündig.

Bevor Goetsch nach Hamburg kam, ist sie dagegen eher unpolitisch gewesen. Aufgewachsen in einer streng katholischen Familie – der Vater ist Biologieprofessor, die Mutter Zahnarzthelferin –, zieht die gebürtige Bonnerin dem zeitüblichen Protestieren das Lernen vor: erst auf einem katholischen Mädchengymnasium in München, später im Lehramtsstudium der Biologie und Chemie in Frankfurt. "In manchem Seminar war ich die einzige Nichtmarxistin", erinnert sie sich. Bürgerlich, das war für Goetsch noch niemals Schimpfwort: Oft sieht man sie in der Oper oder im Ballett, im Winter fährt sie Ski, sommers geht sie Segeln. Einmal kreuzte sie durch die Ägäis bis nach Sizilien und las parallel Homers Odyssee.