Er sagt: "Kommen Sie, das will ich Ihnen zeigen." Hinter der Theke des Empfangs holt er einen Karton hervor, öffnet ihn und wickelt die Luftpolsterfolie auf. Man braucht noch keinen gesehen zu haben, um zu wissen, dass das einer sein muss: zu klein für einen Menschen, aber zu menschlich für ein Äffchen. Zudem haben Äffchen keine Frisur.

Daniel Studer leitet das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen. Den umständlichen Namen hat es seit einer Fusion 2004. Doch seit einigen Wochen kennt man es auch jenseits der Stadt. "Wir haben schon lange Schrumpfköpfe gezeigt, nicht erst seit unserem Ankauf im April. Das war nie ein Thema." Jetzt ist es eines. Und jetzt bekommt das Museum sogar ungefragt neue Exemplare; meist Erbstücke, mit denen die Eigentümer nichts anfangen können. Andere wollen wissen, ob ihre echt sind. "Dieser ist ziemlich sicher falsch. Hier, nehmen Sie."

Das doch lieber nicht. Und was heißt hier falsch? Studer zeigt auf das Ohr mit dem seltsam verkringelten Rand – kaum menschlich. Die Jivaro oder Shuar, wie sie auch heißen, Ureinwohner im Amazonas-Tiefland Ecuadors, wurden im 19. Jahrhundert bis nach Europa dafür bekannt, ihren Feinden den Kopf abzuschlagen und ihn in der Größe einer Orange zu konservieren. Sie waren ausgesprochen kriegerisch, aber nicht kriegerisch genug, um die internationale Nachfrage nach solchen Souvenirs zu decken. Darum besorgten sich südamerikanische Präparatoren in Spitälern Leichenteile oder modellierten die Attrappen aus Ziegenhaut. Dem Köpfchen aus dem Karton sieht man die Ziege noch an: Haare auf der Nasenwurzel, wo Menschen keine haben.

Echte Schrumpfköpfe sind rar. Das war ein Grund, warum sich das Museum im April für das Angebot eines Thurgauer Präparators entschied. Hanspeter Greb, der bei den Indios am Amazonas gelebt hat, verkaufte sechs Exemplare im Auftrag einer Erbengemeinschaft. "Die Herkunftspapiere sind einwandfrei", sagt Studer. "Zudem sind die Köpfe gegen zweihundert Jahre alt. Auch das ist selten."

Für die Jivaro waren sie eine Versicherung gegen die Rache ihrer Feinde: gegen die Seelen, die aus dem Mund der Getöteten austreten und die Gestalt bissiger Schlangen oder umstürzender Bäume annehmen konnten. Deshalb nähten sie ihnen Mund und Augen zu. Und deshalb entfernten sie den Schädelknochen durch einen Schnitt am Hinterkopf und trockneten den Hautbeutel: Die Schrumpfung zähmte die Seele und machte sie dienstbar.

Keiner aus der Medienhauptstadt Zürich war in der Ausstellung 

Das alles erfährt man im ersten Stock, bei den echten Schrumpfköpfen, wo man zudem Blasrohre, Federschmuck und Maskengewänder zu sehen bekommt; lauter Dinge, die direkt in die mythischen Vorstellungswelten der Indianer führen. Das meint Studer, wenn er vom Kontext spricht: "Wir sind eines der wenigen Museen Europas, die eine Amazonas-Sammlung haben und die Köpfe in ihrem kulturellen Kontext zeigen können."

Den Satz sagt er nicht zum ersten Mal. Genützt hat es wenig. Die Köpfe waren eine Woche in der Vitrine, dann wurden sie auch in den Zürcher Medien zum Thema. Und seither ist diese Ausstellung bloß noch eine moralische Frage. "Darf man heute noch Schrumpfköpfe zeigen?", fragte die WOZ und suchte noch halbwegs kontrovers nach einer Antwort. Für die NZZ war der Fall dann schon klar: Das Museum mache Kasse mit "Schrecken und Grusel". Und: "Das Vorgehen kontrastiert mit der gewachsenen Sensibilität für die Menschenwürde sogenannter Ureinwohner." Darum forderte die Zeitung, die Köpfe "zurückzugeben". Ohne zu wissen, wem oder warum denn genau.