Schon bevor am 13. Juli der Prozess vor dem Landgericht München beginnt, hat die Öffentlichkeit ihr Urteil gefällt: Der damals 18-jährige Markus S. und sein Mitangeklagter Sebastian L., zur Tatzeit 17, sind die "S-Bahn-Mörder von Solln" . Am 12. September des vergangenen Jahres sollen sie den 50 Jahre alten Dominik Brunner am S-Bahnhof München-Solln (rechts ein Foto vom Tatort) vor den Augen tatenloser Passanten zu Tode geprügelt haben. Brunner hatte zuvor versucht, vier Kindern zu helfen, die von den beiden Schlägern bedroht worden waren.

Über Wochen debattierte die Republik damals über Zivilcourage . 70.000 Menschen ehrten Brunner in der Münchner Allianz-Arena mit einer Schweigeminute. Der damalige Bundespräsident Horst Köhler verlieh Brunner posthum das Bundesverdienstkreuz . Der Prozess findet nun unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt: Alle Zuhörer müssen sich einer Leibesvisitation unterziehen.

Laut Anklageschrift hatte Brunner, Geschäftsführer eines Ziegelherstellers, an jenem Septembertag in der S-Bahn beobachtet, wie Markus S. und Sebastian L. die Kinder drangsalierten. Brunner ging dazwischen, rief noch aus dem Zug die Polizei und stieg mit den Kindern am Bahnhof Solln aus – die Täter folgten. Auf dem Bahnsteig schlugen sie auf Brunner ein, der ging zu Boden. Sie traten ihn weiter mit Füßen, auch gegen den Kopf. Die Polizei hat die Minute, in der Brunner das Bewusstsein verlor, mitgeschnitten – sie war noch mit seinem Handy verbunden. "Fuck, fuck, fuck!", rief einer der jungen Männer wie von Sinnen. Brunner starb im Krankenhaus, die Polizei fasste die mutmaßlichen Mörder in einem Gebüsch am S-Bahnhof.

Neun Verhandlungstage sind jetzt angesetzt, 50 Zeugen und Sachverständige geladen. Wozu braucht es dieses aufwendige Verfahren? Weil unter anderem geklärt werden muss, was in den Minuten vor der Eskalation geschah. Im Februar waren irritierende Details publik geworden: So soll es Brunner gewesen sein, der auf dem Bahnsteig den ersten Schlag gesetzt hat. Zuvor habe er Jacke und Rucksack abgelegt und sei in Kampfstellung gegangen. Beides hätten Augenzeugen der Polizei berichtet, heißt es. Die Staatsanwaltschaft äußert sich dazu nicht, ihre Anklage ist eindeutig: hier das Opfer, dort die Mörder. "Das Gericht muss sowohl dem Opfer als auch den Angeklagten gerecht werden", sagt die Justizsprecherin jetzt. Und fügt an: "Um Denkmäler geht es für uns nicht." Christian Denso