ZEITmagazin: Lieber Herr Schmidt, hätten Sie es jemals für möglich gehalten, dass ein Ministerpräsident von einem Tag auf den anderen mit der Begründung zurücktritt, es gebe in seinem Leben Wichtigeres als Politik? Oder dass ein Bundespräsident hinschmeißt, nur ein Jahr nach seiner Wiederwahl?

Helmut Schmidt: Beide Schritte sind wirklich ungewöhnlich.

ZEITmagazin: Was ist daran besonders?

Schmidt: Dass ein Ministerpräsident, sei es aus privaten Gründen oder weil er genug hat von der Politik, von sich aus den Entschluss fasst auszuscheiden, ist in meinen Augen in Ordnung. Allerdings sollte man das – wie Koch – mindestens Wochen, wenn nicht gar Monate vorher ankündigen, damit Mitarbeiter und Bürger, aber auch die Opposition sich darauf einstellen können.

ZEITmagazin: Gilt das auch für Horst Köhler?

Schmidt: Bundespräsident Köhlers völlig überraschender Rücktritt hätte die Leute weniger verstört, wenn sie vorher von Auseinandersetzungen zwischen ihm und der Bundesregierung oder anderen Kräften Kenntnis gehabt hätten. Ob es solche Auseinandersetzungen gegeben hat, weiß ich nicht. Ich möchte mich jedoch nicht in den Chor derjenigen einreihen, die Herrn Köhler seines Rücktritts wegen angegriffen haben. Er ist ein ordentlicher Mann, dem ich voll vertraue. Er gehört nicht zu meiner Partei, aber ich kenne ihn seit etwa 20 Jahren.

ZEITmagazin: Bei Ihrer ersten Begegnung sollen Sie sich allerdings gestritten haben.

Schmidt: Das stimmt. Ich war längst schon Privatmann, während er ein tüchtiger Staatssekretär bei Theo Waigel im Bundesfinanzministerium war. Es ging um den bevorstehenden Beschluss, eine gemeinsame europäische Währung zu schaffen. Das war eine Materie, mit der ich damals seit mehr als zehn Jahren auf das Engste vertraut war, ich war damals auf diesem Felde noch ein genauso guter Fachmann wie Köhler. Worüber wir uns im Einzelnen gestritten haben, weiß ich nicht mehr. Aber ich habe bei dieser Gelegenheit begriffen: Dieser Mann taugt was.

ZEITmagazin: Hatten Sie später noch mit ihm zu tun?

Schmidt: Ich habe einen gewissen Anteil an seiner Berufung zum Chef des Internationalen Währungsfonds gehabt, das war im Jahr 2000. Bundeskanzler Schröder wollte, dass es endlich einmal ein Deutscher wird. Er schlug Caio Koch-Weser vor, aber den wollten die Amerikaner nicht. Daraufhin fragte mich Schröder um Rat. Ich sagte: Du musst jemanden nehmen, den die Amerikaner nicht ablehnen können, weil er öffentliches Ansehen in der Welt hat: Horst Köhler! Er war damals Chef der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London. Schröder entgegnete: Aber das ist doch ein CDU-Mann! Ich sagte: Ja, aber einer, den die USA nicht ablehnen können.

ZEITmagazin: Ohne diesen Karrieresprung wäre er später wahrscheinlich gar nicht Bundespräsident geworden.

Schmidt: Kann sein. Die Vorgeschichte weiß Angela Merkel wahrscheinlich nicht, aber Horst Köhler kennt sie.

ZEITmagazin: Wie erklären Sie sich denn Köhlers Rücktritt? Er selbst hat in seiner kurzen Abschiedsrede gesagt, die Kritik an seinen Äußerungen zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr lasse den notwendigen Respekt für sein Amt vermissen.

Schmidt: Das war wohl auch so. Trotzdem ist es für mich schwer vorstellbar, dass dies der alleinige Rücktrittsgrund gewesen ist.