Nicolae Ceauşescu, der Diktator aus den Karpaten, bleibt ein Wiedergänger. Einst hatte die westliche Welt dem Rumänen gehuldigt, weil er aus Moskaus Ostblock ausscherte und mit der Bundesrepublik diplomatische Beziehungen aufnahm. Deutsche Minister und selbst die Bundespräsidenten Heinemann und Carstens warteten dem conducător ("Führer") auf; ich hatte ihn in den siebziger Jahren ein halbes Dutzend Mal zu interviewen. Als es im Wendejahr 1989 zum blutigen Aufstand gegen ihn kam, beauftragte mich die Redaktion, Gorbatschows Generäle in Moskau zu befragen, ob sie der rumänischen Volkserhebung notfalls beistehen würden. Kaum hatten sie ausweichend geantwortet, wurde der Diktator gestürzt und am 25. Dezember hingerichtet.

Später fand ich sein Grab auf Bukarests Ghencea-Fiedhof. "Unbekannter" stand auf dem Holzkreuz. Doch davor war ein Steinkreuz gesetzt worden mit einem kleinem Bild Ceauşescus. Zum ersten Mal schimmerte die alsbald aufblühende Nostalgie der alten Elite und der Armen für den Diktator durch. Zehn Jahre nach seiner Hinrichtung führte ich ein ZEIT- Gespräch mit Oberst Ionel Boeru. Als Fallschirmjäger-Hauptmann hatte er das Ehepaar Ceauşescu nach dem abgekarteten Prozess am 1.Weihnachtstag 1989 exekutieren müssen. Nachbarn beschimpften seine Frau nur wenig später.

Nicolae Ceauşescu hat heute einen guten Ruf. Besonders die gleichnamigen Törtchen mit Zuckerguss für umgerechnet 2,50 Euro. Der Süßwaren-Kleinproduzent, der so heißt wie der einstige Parteichef, ist jedenfalls der Meinung: "Der Nachfrage tut dieser Name gut." Den Produkten anderer Branchen offensichtlich auch, vom Ceauşescu-Wodka bis zur Ceauşescu-Schokolade. Am geschmacklosesten war jedoch der Werbespot, der vor Jahren im Fernsehen lief: "Was wäre aus dem Land geworden, wenn Ceauşescus Vater ein Verhütungsmittel benutzt hätte…" Heute schmückt der Name des einst verhassten "Karpatengenies" – wie ihn seine Hofdichter nannten – so manches Lokal.

Doch was den Kneipen erlaubt ist, darf die Kunst noch lange nicht. Das bekam das Bukarester Odeon-Theater im Dezember 2009 zu spüren. Dort probten 16 rumänische Schauspieler mit dem deutschen Dramaturgen und Produzenten Jens Dietrich das von Milo Rau verfasste Stück "Die letzten Tage der Ceauşescus". Es zeigt das Schnellverfahren gegen Elena und Nicolae Ceauşescu. Alle Dialoge halten sich streng an die damalige Video-Dokumentation des Militärgerichts. Sechs Monologe aus heutigen Interviews mit den Hauptbeteiligten von einst leiten diese geschichtliche Re-Inszenierung ein.

Drei Tage vor der Premiere platzte ein Mann in die Proben, der protestierend mit Papieren wedelte: Er habe die Rechte am Namen Ceauşescu gekauft, und da er nicht gefragt worden sei, dürfe das Stück nicht aufgeführt werden. Der bühnenreife Einspruch kam von Mircea Oprean, dem Witwer der 2006 verstorbenen Ceauşescu-Tochter Zoe. Die Papiere bestätigten ihm, dass er gemeinsam mit dem Sohn des Diktators, Valentin, im Jahre 2008 die Bezeichnung "Ceauşescu" als Markennamen hatte schützen lassen. Für umgerechnet 200 Euro betrifft dieser Schutz 45 verschiedene Produkte und Serviceleistungen wie Kosmetika, Getränke, Lebensmittel, Weihnachtsschmuck, Schmierstoffe, Sportveranstaltungen.

Dem Rufer an der Rampe hielt Dramaturg Dietrich entgegen: "Wir werden spielen! Die Rechte an einer historischen Figur können nicht käuflich sein. Eine Demokratie muss die Vorgeschichte ihrer Diktatur aufarbeiten." Oprean gab zurück: "Sie sind der Diktator, weil Sie mein Recht nicht respektieren." Dem Lamento folgte die Klage auf Schadensersatz, der Klage die diffuse Angst des Theaters. Nach zwei Aufführungen setzte die Intendanz das Stück wieder ab – so viel zu Mut und Freiheit der Kunst in diesem EU-Land. Inzwischen ist die Gerichtsverhandlung für Anfang September anberaumt. So spinnt sich die Causa Ceauşescu fort als Prozess gegen den Prozess auf dem Theater. Kafka grüßt die Karpaten.