Der Weg in die Arena erinnert an einen Geburtskanal. Er beginnt mit einer Stahltür in einem Erdwall, etwa fünfzig Meter rechts der Bühne zwischen Bäumen und Büschen. Ein langer Gang, knapp zwei Meter Deckenhöhe, führt zum Hauptraum hinter dem schwarzen Vorhang. Roher Beton, Rohre, Kabel, Neonröhren. Für Künstler aus dem Ausland wirkt dieser Ort bisweilen klaustrophobisch. Er wird nicht schöner durch den Gedanken, wer hier seit der Eröffnung im Jahr 1936 durchgegangen ist. Doch selbst Barbra Streisand , die sich lange weigerte, überhaupt in Deutschland aufzutreten, hat diesen Weg genommen. Wer dann hinter dem Vorhang hervorschaut, erblickt ein überwältigendes Bild: eine Wand von Menschen, gut fünfzig Meter steigen die Ränge an, bis an den oberen Rand der Murellenschlucht. Der Weg auf die Berliner Waldbühne schleudert einen aus dem Dunkel der Erde direkt vor das Publikum. Auf wen hier an einem ausverkauften Abend 22.000 Menschen warten, wer das Brausen und Raunen aus dem Halbrund hört, dem schlägt der Puls schon etwas höher.

Prince Rogers Nelson weiß bereits vor Beginn seines einzigen Deutschlandkonzerts am Montagabend, dass dieses Bild nicht ganz vollständig sein wird. Am Wochenende hatte es Meldungen gegeben, die von 10.000 unverkauften Tickets sprachen. Ganze Blöcke schienen leer zu bleiben, besonders jene, für die eine Karte um 160 Euro kostete. Prince hat Vorkehrungen getroffen. "Where are the dancers?", ruft er ins Mikrofon. Er lässt zunächst einige Dutzend Zuschauer aus den ersten Reihen auf die Bühne holen. Dann stürmen Tausende herab von den oberen, billigen Plätzen, auf die teuren nahe der Bühne. Ein solcher Run kann zu Tumulten führen. Die muskulösen Ordner in den engen roten T-Shirts scheinen zu kapitulieren, doch sie sind vorher informiert worden. Was aussieht wie eine spontane Aktion, ist wohlorganisiert. Den Privilegierten, die sich gerade bequem eingerichtet haben, steht das tanzende Partyvolk vor der Nase. Und so müssen auch sie sich erheben und werden die nächsten Stunden tanzen. Ein Prince-Konzert im Sitzen? Undenkbar.

17.500, so die offizielle Zahl, sind es am Ende. Sie erleben an diesem perfekten Sommerabend das perfekte Konzert eines der besten Livemusiker der Planeten. Eines, der mit kleinen Gesten einen ganzen Show-Organismus steuert. "Macht mal die Scheinwerfer aus!", fordert er Richtung Lichtregie. Oder: "Macht die Snare-Drum leiser. Ich will die Leute hören, wie sie singen."

Prince – das ist hier und jetzt. Er wird den Leuten geben, was sie wollen: nicht seine Experimental-Jazz-Phase, sondern seine Hits. Konsequent eröffnet er mit drei schnellen Nummern: Let’s Go Crazy, Delirious und 1999. Auf dem großen, ovalen LED-Screen über der Bühne sieht man einen kaum gealterten 52-Jährigen. Sind das ein paar Falten um die Augen, oder liegt es an der Kameraauflösung oder der in lila Licht getauchten Bühne? Er hat sich die Haare hochondulieren lassen, mit einem Fassonschnitt. Keine Minipli-Pudelfrisur, keine Rüschenhemden mehr. Nur noch dieser Strich von einem Oberlippenbart. Er trägt keine Plateauschuhe mehr unter dem weiten Schlag seiner Hosen. Prince steht zu seiner Körpergröße und zu seinem Alter. Alles Androgyne und sexuell Anzügliche ist gewichen. Es bleibt ein Musiker, der Songs spielt, die für die meisten Menschen über 40 zu ihrer kulturellen DNA gehören, und wenn er seine Fender Telecaster in die Hand nimmt, beginnt das große Gitarrenkino.