Auch das noch, die Schlesier möchten sie jetzt sehen. Hannelore Kraft steht im Garten der nordrhein-westfälischen Landesvertretung und weiß nicht, was sie tun soll. Um sie herum tobt das "Fest des Westens", die große Sommerparty, mit der sich Rheinländer und Westfalen in Berlin einmal im Jahr selbst feiern. Ist es nicht anmaßend, sich schon mal als Ministerpräsidentin in Augenschein nehmen zu lassen, während der Amtsinhaber gerade seine Leichenbittermiene zum Reibekuchenstand schleppt? Kraft macht an diesem Montagabend, was sie zuletzt auch in Düsseldorf gemacht hat: Sie zögert – und geht dann doch.

Sylvia Löhrmann isst eine Currywurst. Die grüne NRW-Frontfrau war mal Mitglied der Parteiströmung "Genuss und Vernunft", da kommt man mit beidem klar, dem Essen und dem Reden. Sie spricht über die Chancen einer Minderheitsregierung. Über die Risiken redet jeder, über die Chancen niemand so leidenschaftlich wie Löhrmann. Nicht abwägen, tun; nicht zögern, springen. Löhrmann will loslegen, die Spielregeln der Demokratie erweitern, Neuland betreten. "Rot-Grün mit eigener Mehrheit", so sagt sie, "wäre nur die Neuauflage des Bekannten. Dass wir nun in eine Minderheitsregierung müssen, gibt dem einen besonderen Kick."

Am Mittwoch kommender Woche startet ein Experiment, das es so in Deutschland noch nicht gegeben hat. Ohne eigene Mehrheit und ohne festes Tolerierungsbündnis wollen Sozialdemokraten und Grüne ein Bundesland regieren. Nicht irgendeins, das größte. Mut oder Übermut? Von Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann, der sozialdemokratischen Regierungschefin in spe und ihrer grünen Stellvertreterin, wird abhängen, was daraus wird: der Beginn einer Renaissance von Rot-Grün, einer vielleicht zu früh verblassten Farbkombination. Ein gelungener Versuch, die Verhaltensmuster der Parteiendemokratie aufzubrechen – oder ein leichtfertig eingegangenes Abenteuer, das früh scheitert. Die "Koalition der Einladung", so die rot-grüne Selbstbeschreibung, wird darauf angewiesen sein, dass andere sich nicht dauerhaft verweigern. Und auch darauf, dass die neue Frauenfreundschaft an der Spitze hält. "Das doppelte Löhrchen" aus Hannelore und Löhrmann darf jedenfalls nicht gleich in seine Bestandteile zerfallen, wenn sich nicht alles als so harmonisch erweist, wie es nun scheint.

Die 49-jährige Unternehmensberaterin Kraft und die 53-jährige Lehrerin Löhrmann haben vieles gemeinsam. Beide stammen aus dem Ruhrpott, die eine aus Mülheim, die andere aus Essen; sie sind bodenständig-pragmatisch, unideologisch und pusten den Windmachern des politischen Betriebes schon mal ein "Lass ma stecken" ins Gesicht. Ihr gänzlich glamour- und oberarmtattoofreies Auftreten veranlasst so manchen, als "mutti-" oder "tantenhaft" zu beschreiben, was nur unspektakulär daherkommt. Jede Überhöhung von Rot-Grün ins Emotionale, gar Projekthafte weisen beide lapidar zurück. Rot-Grün ist ihnen Kopfsache, nicht Herzensangelegenheit. Beide, Kraft wie Löhrmann, gelten als Vertreterinnen jenes Politikertyps, der integrieren, der andere einbinden will. Nicht jede ihrer Einschätzungen kommt so aus der Debatte heraus, wie sie hineingegangen ist. Typisch weiblich? "Vielleicht ist es das", sagt einer, der den rot-grünen Koalitionsvertrag mitverhandelt hat. "Jedenfalls ist es die einzige Methode, die für eine Minderheitsregierung Erfolg verspricht."

"Nicht mehr Koch und Kellner", "auf Augenhöhe". Kein Gespräch über die Unterschiede von Rot-Grün 2010 zur Originalfassung 1995 kommt ohne diese Klischeebeschreibung aus. Rot-Grün ist wieder da, aber doch komplett neu. Kraft gehört jener Generation von Sozialdemokraten an, die, nun am Ruder, ganz anders auf die Grünen schauen als ihre Vorgänger. Die Grünen als Fleisch vom Fleische der SPD – und ihr ewiger Juniorpartner: Was den Clements und Steinbrücks einst historische Gewissheit und zugleich Anlass für chronische Herablassung war, ist für Kraft & Co. der Irrtum von gestern. Hinzu kommt, wie Löhrmann es sieht, dass die Grünen nun mit ihrer Regierungsbeteiligung nicht, wie 1995, der SPD etwas wegnähmen. "Wir holen uns heute gemeinsam von der CDU etwas zurück." Aus der veränderten Perspektive und der gemeinsamen Rückholaktion erwächst eine Partnerschaft der Gleichberechtigung. Auf dieser Ebene begegnen sich fortan Kraft und Löhrmann. Als Duzfreunde – aber nicht als Freundinnen.

Kraft und Löhrmann sind sich seit dem Moment per Du, da die Sozialdemokratin der Grünen mitteilte, sich nun doch auf eine Minderheitsregierung einzulassen. "Ich heiße übrigens Hannelore." Den anschließenden Guido-Horst-Moment ließen sie bewusst verstreichen. Einander, wie einst Westerwelle und Seehofer, öffentlich auf die Schultern klopfen, um umgehend wettzueifern, wer nun die größere Keule vor der Höhle hat – nicht ihr Ding.

Kraft und Löhrmann kennen sich, seit die Sozialdemokratin 2000 als Neuling in den Landtag kam, während die Grüne in ihrer Fraktion den Vorsitz übernahm. Seit 2005, als Kraft Löhrmanns Widerpart wurde, stimmten sich die beiden zuweilen ab. Mehr nicht. Persönlich wurde es erst, als Rot-Grün im Wahlkampf überraschend zur Machtoption wurde. Ein gemeinsamer Auftritt in Berlin, der Coup bei der Nominierung des Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck – plötzlich erschienen Rote und Grüne wieder als Rot-Grün, und plötzlich merkten Kraft und Löhrmann, wie gut sie miteinander können. Über den Verhandlungsmarathon der Sondierungs- und Koalitionsgespräche ist das weiter gewachsen. Trotzdem ziehen beide ihre Grenze. Kraft, weil sie ohnehin länger braucht, um Vertrauen zu fassen. Und Löhrmann, weil sie nicht will, dass als Einheit erscheint, was eigenständig bleiben soll.