Der Schriftsteller Thomas Hettche hat sich unlängst darüber beklagt (oder gefreut?), dass das Internet keine eigentliche Literatur hervorgebracht habe. Wer den Roman Sogar Papageien überleben uns von Olga Martynova liest, möchte da widersprechen. Der erste Roman der russischen, in Frankfurt am Main lebenden Lyrikerin und Literaturkritikerin – den sie auf Deutsch verfasst hat – hat mit dem Internet nichts zu tun, macht es sich aber in jeder Beziehung zunutze. An die achtzig kurze Texte präsentieren sich jeweils unter Daten auflistenden Bannern, die sich nur dadurch unterscheiden, dass jeweils eine andere Jahreszahl fett gedruckt ist. Darüber hinaus sind die Kapitel, auch formal, weiter unterteilt – Prosaabschnitte, Zitate, Gedichtsprengsel, Dialogfetzen, Aphorismen, Anekdotenhaftes. Mit anderen Worten, dieser Text ist ein Blog zwischen zwei Deckeln. Alles führt per mentalem Klick weiter.

Worum geht es in Sogar Papageien überleben uns? Die Slawistin Marina, Petersburgerin, nimmt in Berlin an einem Daniil-Charms-Kongress teil. Sie, die ihren Vornamen mit der Ehefrau des Ober-Oberiuten (und natürlich auch mit Marina Zwetajewa) teilt, räsonniert bei dieser Gelegenheit über so ziemlich alles, über Zeitflussweiber, Bergvogelfrauen, elektrische Zahnbürsten, Terroranschläge, Nabokov und natürlich Daniil Charms. Da ist auch Andreas, ein Deutscher, mit dem Marina vor Jahren eine Liebschaft hatte, als alles anders war: Russland noch die Sowjetunion, Petersburg Leningrad und der Deutsche auf literarischem Besuch in Marinas Land.

Man verliert sich ein bisschen in der Struktur, aber auch der Poesie dieses Romanes. Trotz der Orientierungshilfe, welche die fett gedruckten Daten darstellen, weiß man nie so genau, wo man wann ist. Das spielt aber keine Rolle: Die Texte sind poetische Schrapnelle, abgefeuert, um sich im Hirn festzukrallen. Schließlich hat sich dieses knappe Buch Großes vorgenommen: nicht weniger als das vergangene russisch-sowjetische 20. Jahrhundert, kein einfaches also, und dessen osmotisches Durchdringen der Gegenwart.

Dass die Vergangenheit nicht wirklich vergangen ist, wie es William Faulkner auf den Punkt gebracht hat, ist eines der großen Themen der Literatur. Hier ist es gekoppelt mit dem Versuch, auf knappem Raum alles zu erzählen. Das gelingt natürlich nur, wenn man weiß, wie ein Assoziationsfeld zu bedienen ist. Und Olga Martynova ist dies beeindruckend gelungen. Es kann sein, dass sie das Internet gar nicht im Sinn hatte, als sie diesen Roman komponierte. In dieser Hinsicht erinnert er an eine der innovativsten Assoziationsspielwiesen des 20. Jahrhunderts, an Nabokovs Buch Fahles Feuer, das ein solches Feuerwerk an mentalen Links veranstaltet hat, dass man meinen könnte, er habe das Internet vorwegnehmen wollen.