Es ist noch kein Jahr her, da überzog die CDU das Land mit spektakulären Wahlplakaten. Darauf zu sehen war eine strahlende Angela Merkel in froschgrün leuchtendem Leinen vor tiefschwarzem Hintergrund. Fast etwas Magisches ging von diesen Porträts einer hochgradig präsent wirkenden Politikerin aus, die zugleich etwas Entrücktes, den Niederungen des politischen Alltags Entzogenes hatte. Quer über die volle Breite des Plakats stand das Wort "Kanzlerin" geschrieben. Dass allein diese Frau in dieser Zeit das Land regieren könne, das war die visuelle Botschaft.

Schaut man heute auf die Fotos von damals, ist ihre suggestive Wirkung verflogen. Sie gehören in eine andere Zeit. Sie markieren jetzt eher den eklatanten Widerspruch zur aktuellen Lage. Sicher, Angela Merkel ist Kanzlerin. Doch vor der ersten Sommerpause ihrer neuen Regierung wachsen die Zweifel, ob sie ihre junge Koalition überhaupt noch einmal in einen halbwegs arbeitsfähigen Zustand bringen wird. Infrage steht nach acht Monaten Schwarz-Gelb, ob so wenig Führung ausreicht, die führende Position im politischen System der Republik zu beanspruchen. Infrage steht Angela Merkels Autorität.

Es sind nicht mehr nur anonyme Stimmen aus der Koalition, die solche Zweifel streuen. Die gibt es immer. Doch was sich vergangene Woche während der Bundesversammlung ereignete, hat eine andere Qualität. In einer ohnehin schon dramatischen Lage der Koalition nutzten über 40 Wahlleute ihr Votum, um ihr Misstrauen zu bekunden. Und während die Vertrauten Merkels sich mühten, den Dissens als Summe höchst unterschiedlicher Motive zu entschärfen, zerschnitt Wolfgang Schäuble den Schleier: Die Gegenstimmen aus der eigenen Fraktion hätten weder etwas mit Christian Wulff noch mit Joachim Gauck, sondern mit Angela Merkel zu tun, vertraute der Finanzminister dem Berliner Tagesspiegel an.

Schäubles offensive Interpretation erschien am vergangenen Wochenende, das von wohlmeinenden Koalitionspolitikern wieder einmal als geeigneter Zeitpunkt zur Beruhigung der Lage ausgegeben worden war. Überraschung: Es klappte auch diesmal nicht. Auf der Dauerbaustelle Gesundheitsreform holte die CSU zum letzten Schlag gegen Philipp Rösler aus, und in der Atomfrage demonstrierten die Fraktionsspitzen von Union und FDP erneut ihre Entschlossenheit, den moderaten Ausstiegskurs des eigenen Umweltministers zu sabotieren. Und dann fühlte sich auch noch Edmund Stoiber zu personellen Ratschlägen berufen: Roland Koch, (der zum Rückzug entschlossene langjährige Antipode Merkels), müsse unbedingt in der Politik gehalten werden. Nie, so scheint es, war er so wertvoll, wie heute. Zuvor, in der Fraktionssitzung während der Bundesversammlung, war es Roland Koch, nicht die Vorsitzende gewesen, der mit einer offenbar brillanten Ansprache die emotional stark unterzuckerte Versammlung vor dem entscheidenden Wahlgang in Begeisterung versetzt hatte. Schöner Stoff für Parteimythen.

Zu Beginn der Koalition half Angela Merkel noch der Umstand, dass nicht sie selbst, sondern ihre lauten Partner, die Westerwelles und Seehofers, sich als Hauptakteure des Koalitionschaos betätigten. Selbstverständlich beteiligte sich die Kanzlerin nicht an den Umtrieben. Vielmehr signalisierte sie auf ihre andeutende, geduldige Art immer wieder ihr Interesse an geregelten Abläufen und zivilen Umgangsformen in der Koalition. Doch weil es der Kanzlerin gelungen war, selbst mit den Sozialdemokraten, also den natürlichen Gegnern ihrer Partei, eine halbwegs vernünftige Regierung zustande zu bringen, wurde das schwarz-gelbe Drama, das der Großen Koalition folgte, nicht gleich der Chefin in Rechnung gestellt. Ganz offenkundig litt ja nicht nur die deutsche Öffentlichkeit, sondern auch die Kanzlerin an ihrer Regierung.

Ist dies die schlechteste Koalition seit Gründung der Bundesrepublik?

Doch einige Neustartversuche später ist die Krise von Schwarz-Gelb zu Angela Merkels Krise geworden. Die schwere Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen bedeutete eine Zäsur. Seither ist das Gefahrenpotenzial offensichtlich, das Merkels Regierung auch für den künftigen Erfolg der Gesamtpartei bereithält. Seit das Urteil die Runde macht, es handele sich bei der Koalition um die schlechteste seit Gründung der Bundesrepublik, ist die Frage nach den Ursachen der politischen Dauerkrise von der Frage nach der Autorität der Kanzlerin nicht mehr zu trennen.

"Der Spielführer ist der Spielführer", und das müsse "im Spiel auch sichtbar werden". Diese Parallele zwischen Fußball und Politik hat gerade Innenminister de Maizière, ein loyaler Vertrauter Merkels, gezogen. Doch in der Analogie steckt das Problem: Die Kanzlerin ist die Kanzlerin. Und doch reicht ihre Autorität offenbar nicht aus, die Koalition nach ihren Vorstellungen zu prägen. In diesem Widerspruch steckt der Keim des Scheiterns. 

Dass sich Merkels zweite Regierung – neben der kommunikativ arg verunglückten Griechenlandhilfe und dem Euro-Schutzschirm – bislang nur auf wenig verständigt hat, ist für sich genommen schon ein Problem. Doch bedrohlicher für die Autorität der Kanzlerin ist der Umstand, dass ihre Koalition gerade den Anspruch zerstört, den man gemeinhin mit Angela Merkel verbindet. Rationales, nüchternes, ergebnisorientiertes Regieren. Merkel, der die Überhöhung ihrer Politik so wenig liegt wie deren grundsätzliche Begründung, hat sich den Deutschen bislang vor allem als unaufgeregte pragmatische Problemmanagerin empfohlen. Darauf beruht ihr Ansehen. Nun aber steht sie einer Regierung vor, die monatelang mit der Phantomdebatte um Steuersenkungen zubringt, die öffentlichkeitswirksam Klientelinteressen bedient oder hysterische Debatten über Dekadenzerscheinungen im Hartz-IV-Milieu austrägt. Damit schwindet nicht nur die Zustimmung zur Regierung, es erodiert zugleich ein wichtiger Baustein Merkelscher Legitimation: ihre von keinem überbordenden Ego verstellte Verpflichtung auf nüchterne Seriosität. Gerade weil sie es mit den Sozialdemokraten geschafft hatte, das Land durch die Finanzkrise zu steuern, erkennt man sie in ihrem neuen Umfeld kaum wieder. Plötzlich erleben wir nicht nur die Kanzlerin in der Krise, sondern die Krise des Modells ihrer Kanzlerschaft.