Die Thüringer sind vielleicht ein bisschen genervt, dass man sie so oft mit ihrer Bratwurst in Verbindung bringt. Erst recht für das Kunstmuseum der Landeshauptstadt muss ein solcher Vergleich respektlos wirken. Doch wie mit der Wurst, liebe Thüringer, ist das auch mit der Kunst. Die Wurst ist nicht der ätherische Hummerschaum, an dem man schüchtern mit dem Silberlöffel schabt, sondern der herzhafte Bissen, der zu Herzen und in den Magen geht. Es gibt die Tizians und Caravaggios, die uns den Atem rauben, aber auch auf Abstand halten. Und es gibt andere, deren Werk uns viel näher ist, weil es nicht hinter einem Namen zurücktritt, sondern nur den reinen Geschmack bietet. Zwar sind auch ein paar Berühmtheiten im Erfurter Angermuseum, C.D. Friedrich, Spitzweg, Feuerbach, Beckmann. Aber um die geht es hier nicht.

In einem langen Korridor hängen sie über- und nebeneinander, Petersburger Hängung nennt man das. Die unterscheidet sich von der gewohnten Anordnung der Bilder, der der Aura des Werks und den idealerweise weiten Gedanken des Betrachters Raum geben soll. Das heute verpönte Stapeln der Bilder bis unter die Decke diente seinerzeit dagegen weniger der Kunst als dem besitzerstolzen Wunsch, zu zeigen, was man alles hat. Und Erfurt hat – großartige Bilder und wenig Platz.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Dass hier aber kein neureicher Angeber seine Schätze auf Kante an die Wand genagelt hat, sondern ein umsichtiger Kurator zu Werke ging, erschließt sich schon beim ersten Bildpaar nach dem Eingang. Ein Porträt der weinrot gewandeten Schauspielerin Sonja Kehler, aus DDR-Zeiten von Heinz Zander, hängt dort unter einem düster-roten Künstlerselbstbildnis in Rembrandt-Manier von Antoine Pesne aus dem 18. Jahrhundert. Sozialistischer Staatskünstler unter preußischem Hofkünstler. Spöttische Brecht-Chanteuse unter genialischem Königsmaler. Zweimal Hochmut, zwei untergegangene Ideologien, ein Bildschema. Wäre man nicht in einem Kunstmuseum, man wollte politisch werden.

Vorbei an den zwei ganz Großen der DDR-Kunst, Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer, auf der gegenüberliegenden Schauwand spitz beäugt von weiß gepuderten Rokokodamen, kommt man zu einer Kreuzung zweier mit rötlich verwitterten Steinfliesen gedeckter Flure, die den Saal in vier Kabinette unterteilen. Hier die Stillleben, da das sozialistische Informel, dort die Landschaften des 19. Jahrhunderts. Damals und auch zu Mauerzeiten waren diese Alpenstücke und Italienpanoramen Sehnsuchtsfenster in eine Welt, die den meisten verwehrt blieb. Wegen ihrer Unerreichbarkeit schien sie so viel begehrenswerter als das sanfte Thüringer Land, an dem sich der aus New York herbeigereiste Lyonel Feininger Jahrzehnte später nicht satt malen konnte.

Im von easyJet und Google erschlossenen Thüringen des 21. Jahrhunderts dagegen nährt ein herrliches Bild wie das rotglühende Bergmassiv von Oswald Achenbach, das über schütteren Kiefern aus dem Nebel ragt, nicht mehr die Sehnsucht nach dem Ort, sondern die Sehnsucht nach dem sehnsuchtsvollen Blick auf diesen – und demonstriert damit erneut, dass man immer das am schönsten findet, was man nicht bekommen kann.

Die Geschichte des Angermuseums ist selbst eine von Verlust und Verlangen. Einst barg sie eine der größten Sammlungen des deutschen Expressionismus. Alfred Hess, ein jüdischer Schuhfabrikant, überließ sie dem Museum, bis sie seine Witwe auf der Flucht vor den Nazis wieder an sich nahm. Was aus der Zeit blieb, ist ein von Erich Heckel komplett mit dem Wandgemälde Lebensstufen ausgestatteter Raum von 1923 und sein nachträglich erworbenes Porträt von Hess. Das Haus stand da wie zu Zeiten seiner Gründung 1886, als das preußische Erfurt, bis dato museumslos, neidisch auf die Kunstschätze der benachbarten Residenzstädte Weimar und Gotha schielte. Der Nachlass des zu seiner Zeit berühmten Erfurter Malers Friedrich Nerly bildete damals den Grundstock des Bestandes, den man um einige prachtvolle Stücke aus dem Mittelalter und später auch um kunsthandwerkliche Dinge erweiterte.

Besagter Nerly hatte sich ganz auf Stadtansichten von Venedig spezialisiert, vorzugsweise als Nachtstücke. Sein Hauptwerk, die unheimliche Piazzetta bei Mondschein, weckt ein wohliges Gruseln. Der mächtige graublaue Block des Dogenpalasts durchschneidet den Mond wie ein Skalpell glatt in der Mitte. Die Wolken scheinen vor dem kalten Himmelsleuchten zu fliehen, wie die Schiffe und die vermummten Gestalten, die in Grüppchen über den Markusplatz laufen. Alles ist erfüllt von eisiger Schönheit und nächtlichem Spuk. Nur ein kleiner Hund hebt witternd die Schnauze. Hungrig bellt er in die Nacht der schimmernden Lagune. Ach, Venedig, die Königin der Städte und der Künste, sie ist prächtig, aber kalt; Bratwürste gibt es dort nicht.