Hüttl: Damit haben wir doch längst begonnen. Die Agrarfakultäten von Rostock , Berlin und Halle kooperieren, so wie die verschiedensten Disziplinen in München und Hohenheim. Auch wir Bodenkundler aus rund 50 Forschungseinrichtungen wollen jetzt gemeinsam herausfinden, ob Deutschlands Böden CO₂ emittieren oder speichern.

Niggli: Aber es muss sich viel mehr ändern! Noch immer ist die Züchtungsforschung auf Pflanzen ausgerichtet, die auf besten Böden bei üppiger Düngung hohe Erträge erzielen sollen. Dabei müssen Nahrungspflanzen künftig mit weniger Stickstoff, Phosphor, Kali und Wasser auskommen und abwechselnd auf Nässe- und Trockenheitsstress reagieren. Die Umweltwissenschaftler beschreiben solche Zukunftsszenarien, doch nur die wenigen ökologischen Züchtungsinitiativen reagieren.

ZEIT: Geht es etwas konkreter?

Niggli: Nehmen Sie die pfluglose Bodenbereitung, die gerade weltweit vorangetrieben wird. Sie funktioniert nur mit mehr Stickstoffdünger, mit einem Totalherbizid gegen Unkräuter und mit gentechnisch veränderten Soja- oder Maispflanzen , die gegen das Herbizid resistent sind. In diese Felder, die nie geöffnet werden, können wir die Nährstoffe aus der Tierhaltung nicht zurückbringen. Sie überdüngen die Wiesen und am Ende die Meere.

Hüttl: Man kann einfach nicht mehr sagen, dass solche Fragen nicht bearbeitet werden. Klimaschutz, die Wasserhaltefähigkeit der Böden, für all das gibt es Forschungsvorhaben, und auch der Bioökonomierat greift das Thema Tierhaltung auf. Hinter die Paradigmen der Nachhaltigkeit fällt niemand zurück.

Niggli: Aber wir arbeiten nicht nachhaltig! Und die Forschung entwickelt häufig gentechnikbasierte Lösungen, die Ökosysteme schwächen. So wird sie sogar kontraproduktiv.

ZEIT: Bei der Gentechnik sind die Fronten nach wie vor verhärtet, dabei ist die Entwicklung vorangeschritten. Etwa bei einer Kartoffel, die gentechnisch gegen Phytophthora, den Erreger der Kartoffelfäule, resistent gemacht wurde. Das Gen stammt aus einer Wildkartoffel, der Bauer muss nicht mehr spritzen – was, Herr Niggli, ist daran verwerflich?

Niggli: Krankheitsresistente Sorten gibt es dank traditioneller Züchtung schon seit 30 Jahren, bei Kartoffeln, Reben, Äpfeln. Nur hat der Handel an solchen Eigenschaften kein Interesse, und die Verbraucher sind nicht informiert. Immerhin: In der Schweiz ist ein Drittel aller Bioäpfel auf dem Markt schorfresistent. Warum also auf die Versprechungen der Gentechnik warten?

ZEIT: Sie können also auch anders – aber was spricht gegen Gentechnik?

Niggli: Sie ist ja nicht nur kontrovers, weil Forscher und Umweltfundamentalisten einen ideologischen Krieg gegeneinander führen. Auch innerhalb der Wissenschaft wird intensiv diskutiert, und solange diese Debatte nicht zu befriedi-genden Kompromissen führt, gehe ich kein Risiko ein. Dabei bin ich selbst kein militanter Kritiker der Gentechnik, und Erkenntnisse der Molekularbiologie fließen im Biolandbau ständig ein. Es gibt so viele "smarte" Anwendungen der neuesten Forschung, dass ich keineswegs den Notstand sehe, wir müssten mit der Gentechnik sofort auf den Acker.

Hüttl: Für uns gibt es keinen Notstand – anderswo in der Welt aber schon! Eine Milliarde Menschen hungern, zwei Milliarden sind mangelernährt. Nachhaltigkeit hat auch eine ethische Komponente, wir müssen Verantwortung übernehmen. Natürlich ist die Güterabwägung bei der Gentechnik notwendig, da stimme ich Ihnen zu. Im Gutachten des Bioökonomierates spielt sie mit fünf Prozent der Empfehlungen keine zentrale Rolle. Aber im globalen Maßstab sollten wir uns mit dieser Technologie auseinandersetzen.

ZEIT: Das mahnte der Bioökonomierat bereits in seinen ersten Empfehlungen an, und nahezu wortgleich fordern die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina und die Deutsche Forschungsgemeinschaft mehr Offenheit gegenüber der Gentechnik. Scheinbar ist das aus wissenschaftspolitischer Sicht doch ein großes Thema.

Hüttl: Im Bioökonomierat keineswegs. Groß ist eher die öffentliche Diskussion. Ich kann damit leben, für Teilpositionen auch einmal in der Schublade zu landen. Gott sei Dank hat die Wissenschaft einen langen Atem. Dass wir als technikwissenschaftliche Akademie stärker Themen wie die Biotechnologie beleuchten, ist doch nur konsequent. Deutschland ist ein Hightech-Standort. Wir müssen gegen Länder wie Frankreich, die Niederlande oder die USA bestehen.

ZEIT: Ein Grund für die Kritik am Bioökonomierat ist, dass neben Wissenschaftlern auch Chemie- und Pflanzenschutzunternehmen starken Einfluss haben. Ein gentechnikkritisches Blog polemisierte, die Bundesregierung finanziere mit zwei Millionen Euro ihre eigene Industrie- und Gentechniklobby.