Hüttl: Nicht die Regierung hat den Bioökonomierat eingesetzt, sondern die acatech , die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften...

ZEIT: ...die von der Bundesregierung als Ratgeber eingesetzt und finanziell unterstützt wird.

Hüttl: Nur zu einem Drittel. Ein Drittel kommt aus Spenden, ein weiteres Drittel ist projektfinanziert. Als – zur Zeit der Gründung – einzige nationale Akademie in Deutschland wollten wir größtmögliche Unabhängigkeit haben. Und die Vertreter von BASF oder RWE sind nicht als Lobby ihrer Firmen eingeladen, sondern ad personam als Forscher. Außerdem: Technik ohne Wirtschaft zu entwickeln – das macht keinen Sinn. Die Unternehmen betreiben zwei Drittel der Forschung in Deutschland. Gewiss, ihr Ziel ist der Profit. Aber methodisch arbeiten sie nicht anders als wir.

ZEIT: Im Bioökonomierat fehlten jedoch Biobauern, Fischer, Förster, Naturschützer, Entwicklungsexperten, Verbraucher, sagen die Kritiker. Und die Erfahrung mit Kernenergie oder Gentechnik zeigt: Erst treiben Wissenschaftler Technologien voran, dann folgen jahrzehntelange quälende Akzeptanzdebatten. Warum nicht gleich andere Teile der Gesellschaft einbeziehen?

Hüttl: Ich glaube, dass es acatech gelungen ist, die bioökonomierelevanten Bereiche repräsentativ im Rat abzudecken. Der Ökolandbau bringt in der landwirtschaftlichen Wertschöpfung in Deutschland einen einstelligen Prozentsatz und macht bei Lebensmitteln weniger als fünf Prozent aus. Mit Folkhard Isermeyer, einem Vater der Förderprogramme für den Ökolandbau, hat auch dieses Thema Sitz und Stimme. Außerdem kooperieren wir mit dem Ethikrat , dem Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen , dem Sachverständigenrat für Umweltfragen und dem Nachhaltigkeitsrat. Im Herbst stellen wir unser Programm vor, dann geht die Diskussion weiter. Wir wollen ein lernendes Programm.

Niggli: Trotzdem: Der ganze Bioökonomie-Ansatz zielt nur darauf, Technologien in neue Produkte zu verpacken, die unsere Industrie wettbewerbsfähiger machen. Ich investiere lieber in die Köpfe von Landwirten, die nachhaltig wirtschaften.

Hüttl: Technologiebasierte Innovationen könnten auch die Produktionsmethoden des Ökolandbaus verbessern, etwa durch Substitute für die heute üblichen Kupferspritzmittel. Neue Technologien können vor allem jenen helfen, die vom Wettbewerb ausgeschlossen sind, den Kleinbauern in Asien und Afrika.

Niggli: Den Welthunger bekämpft man auf andere Weise ebenso erfolgreich. Wo Kleinbauern hungern, führt der Ökolandbau mit Leguminosen, Kompost, biologischem Pflanzenschutz und lokalem Saatgut zu gewaltigen Ertragssteigerungen. Warum sollen sie dann teures Saatgut von Syngenta oder Monsanto kaufen? Wir brauchen eine viel größere Vielfalt der Lösungsansätze.

Hüttl: Da widerspricht doch niemand. Eine Vielfalt der Lösungen ist geradezu unser Hauptansatz.

ZEIT: Herr Niggli, Sie haben den Ökolandbau als "Innovationsmotor" bezeichnet. Das klingt in vielen Ohren paradox.

Niggli: Das ist die Krux der Wahrnehmung: Gentechnik gilt als Innovation – Ökolandbau nicht. Mich erinnert das an die Medizin: Wir wissen, dass Vorsorge am wichtigsten wäre, aber die ist nicht sexy. Auch in der Landwirtschaft muss die Prävention stärker erforscht werden: Wie machen wir Anbau- und Tierhaltungssysteme robust und reaktionsfähig? Wie werden sie produktiv, ohne andere Ökosystemleistungen zu verbrauchen? Der Agrarwissenschaftler der Zukunft muss sagen: Ich vermehre die Erträge, aber nicht auf Kosten der Bodenfruchtbarkeit, der Arten- und Sortenvielfalt oder der Qualität der Landschaft, sondern indem ich das alles mit verbessere. Dann müssten wir uns keine Sorgen mehr um die Bienen als Bestäuber machen. Der Ökolandbau definiert Produktivität nicht nur als Ertrag, sondern auch als Output an Ökosystemdienstleistungen. Das ist innovativ! Wir brauchen nicht nur das Essen für unser Überleben, sondern auch funktionierende Ökosysteme.

ZEIT: Aber der Ökolandbau verbraucht mehr Fläche als die konventionelle Landwirtschaft.

Niggli: Es sind noch beträchtliche Ertragssteigerungen möglich. Beispielsweise wissen wir aus der Zusammenarbeit mit dem Saatzuchtunternehmen KWS: Wenn wir Sorten für den Ökolandbau auf konventionellen Standorten mit hohem Düngerniveau auslesen, dann verlieren wir oft erfolgreiche Eigenschaften. Wählen wir die Sorten unter Ökobedingungen aus, dann haben wir eine raschere Steigerung der Erträge.

Hüttl: Auch der Bioökonomierat befasst sich mit der Funktion der Ressourcen, ihren komplexen Regelungsmechanismen und den Grenzen, an denen Schädigungen einsetzen. Aber genau dazu noch einmal mein Einwand als Wissenschaftler, und den meine ich sehr ernst: Sie legen nahe, wir wüssten bereits, was die Nachhaltigkeit von Ökosystemen ist und wie wir sie dauerhaft erhalten können. Ich aber glaube, dass wir davon weit entfernt sind und dass wir dynamischer denken müssen. Es gibt so viele offene Fragen an Systeme wie den Boden oder den Klimawandel. Die lassen sich nur mit akribischer wissenschaftlicher Arbeit beantworten, nicht mit Philosophie oder Ideologie. Deshalb sollten wir alle Technologien weiterentwickeln. Wir müssen flexibel bleiben.

ZEIT: Monokulturen wie in den USA, auf die Hightech wegen der hohen Kosten meist hinausläuft, sind alles andere als flexibel.

Hüttl: Die wollen wir auch nicht mehr. Wir plädieren für eine höhere Ertr agssicherheit durch unterschiedliche Produkte auf einer Fläche. Da machen wir auch Anleihen in den Entwicklungsländern und beim Ökolandbau. Wir wollen die Gesamtbilanz von Systemen mit geringem Einsatz wan Agrarchemie untersuchen.

Niggli: Jetzt usurpieren Sie ja meine Themen! Aber gesagt ist noch nicht getan...

Hüttl: Wir müssen in alle Richtungen offen bleiben. Wenn ich mich als Wissenschaftler mit einer Idee so gemeinmache, dass ich mich trotz anderer Faktenlage nicht mehr davon lösen kann, dann bin ich kein Wissenschaftler mehr. Wir Forscher können auch nicht zugleich die Anwender sein. Die Verantwortung dafür tragen die Entscheider.

Das Gespräch führten Christiane Grefe und Andreas Sentker