Tot oder lebendig? Die hohle Rotbuche steht am Weg wie ein kleines, rundes Zimmer. Drei, vier Meter hoch ragt ihre abgestorbene Schale auf. Ein großer Ast ist irgendwann so abgebrochen, dass er die Baumruine wie ein Strebepfeiler stützt. Wo er das Erdreich berührt, hat er sich neu verwurzelt und treibt frisches Grün. Ein paar Schritte weiter schmiegt sich ein Stamm an den Boden, als wäre er eine Riesenschlange, die sich parallel zur Uferböschung zum Meer hin windet. Viele schlafende Urwesen liegen so herum, Baum-Dinosaurier, totes Holz, von jungem Blattwerk umklammert. "Das hier ist werdender Urwald", sagt Lebrecht Jeschke.

Wir stehen in einem der ältesten und unberührtesten Wälder Deutschlands auf der kleinen Insel Vilm, zehn Bootsminuten von Rügens Südküste entfernt. Jeschke, 77 Jahre alt, ist Biologe und war einer der bekanntesten Naturschützer der DDR. Er zeigt mir den Ort, der drei Jahrzehnte lang von der Welt abgeschottet war. "Ich kenne die Insel vielleicht am besten von allen Lebenden", sagt er mit einem kleinen Lächeln. Das klingt nach einer Beziehung mit langen Wurzeln.

Wer Vilm unwissend betritt, ahnt nichts von der immensen Artenvielfalt des Gebiets, das seit 1936 unter Naturschutz steht. Walddickicht und sandige Küsten erscheinen zunächst unspektakulär. Ähnlich fanden jene Einsiedler die Landschaft vor, die sich im 14. Jahrhundert hierhin zurückzogen. Damals allerdings war "der Vilm" – so der alte Name, der Ulmenhain bedeutet – noch nicht vornehmlich von Rotbuchen, Eichen und Ahorn bewachsen. Viel später erst, im 19. Jahrhundert, entdeckten die Maler die Insel. Carl Gustav Carus und Caspar David Friedrich schufen hier herrliche Bilder. Dann pachtete eine Försterfamilie das Land. Vieh durfte durch den Wald laufen. 1886 wurde ein Logierhaus gebaut, in dem sich vor allem Maler einmieteten und im verwunschenen Wald Perspektiven zwischen Wildapfel und Wildbirne suchten. "So viel Wildnis wie jetzt war damals aber noch nicht", betont Jeschke.

Würde man heute von oben auf Vilm schauen, sähe man keine Lichtung. Wie eine dicht mit Wald bewachsene Kaulquappe – zweieinhalb Kilometer lang, 94 Hektar groß – liegt die Insel im Greifswalder Bodden, mit dickem Kopf, schmalem Körper und einer schönen Schwanzflosse. Nur der Kopf, der "große Vilm", ist auf einem Rundweg begehbar.

Er beginnt auf einer Wiese, wo locker verstreut knapp 20 einheitlich hellgelb getünchte, strohgedeckte Häuser mit blauen Fensterläden und großen Veranden stehen: die 1960 erbaute ehemalige Feriensiedlung des DDR-Ministerrats. Ein verbotener Ort, der bei den Bürgern wildeste Fantasien auslöste. Wie luxuriös, wie gigantisch, vielleicht von unterirdischen Gängen durchzogen, musste das Gelände wohl sein, auf dem sich die regierenden Herren eingerichtet hatten? Wie einfach die Unterkünfte der Bonzen wirklich waren, sahen die Rügener erst, als sie Vilm nach der Wende wieder betreten konnten.

Die DDR ist sehr nah an diesem Morgen. Lebrecht Jeschke erzählt von einem Tag im Jahr 1957. Er war gerade eingestellt worden als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Landschaftsforschung und Naturschutz, Zweigstelle Greifswald, als Besuch in seine Wohnung kam und ihn für die Mitarbeit bei der Stasi zu gewinnen versuchte. Ob er sich schon mal einen Decknamen überlegen könne? "Dann war die Bedenkzeit um, und – wissen Sie, welchen Decknamen ich mir überlegt hatte?" Lebrecht Jeschke schaut über die Wiese, nachdenklich. "Genau, das war Vilm." Sie war ihm nah an diesem Morgen, die Insel. Sie fiel in den Zuständigkeitsbereich seines Instituts, und er war abgeordnet, ihren Zustand zu begutachten. "Ich saß im Hafen von Lauterbach auf Rügen und zählte die Leute, die rüberfuhren – 800, 1000 täglich, das hörte nicht mehr auf. Auf Vilm picknickten sie im Wald, hinterließen Müll aller Art – die Insel war dabei, vor die Hunde zu gehen."