Papageien sind mit jeder Feder ihres Wesens darauf ausgerichtet, sich ihrer Umgebung anzupassen, weshalb Rudi häufig Schlager aus den fünfziger Jahren pfeift und mehr Kaffeesahne trinkt, als ihm guttut. Rudi, 17, lebt in der Lobby des Elisabeth-Seniorenzentrums in Prenzlauer Berg, dem jugendlichsten, kinderreichsten Bezirk Europas. Das Haus, bunt wie eine riesige Kita, liegt gegenüber dem Weinbergspark, mitten im Leben, zwischen Hostels und Oma-Cafés von der Sorte, in die sich nie eine echte Oma verirren würde. Und umgekehrt: Gäbe es den Lockvogel nicht, käme wohl keiner der jungen Leute von draußen auf die Idee, das Heim zu betreten.

Meistens sitzt er einfach nur im Käfig und guckt einen aus seinen Knopfaugen seltsam klug an oder legt, wenn er zuhört, auf eine empathische Art sein Köpfchen schief. Unmöglich, das nicht süß zu finden. Deshalb bekommt er viel Besuch von Kindern und Prenzlauer-Berg-Bewohnern mit Turnschuhen und Sonnenbrillen, die sich überwinden und eine Welt betreten, die das Gegenteil von süß ist. Das Elisabeth-Heim ist ein Pflegeheim. Die Menschen, die hier leben, sind nicht nur sehr alt, sondern im Allgemeinen auch hilflos und krank, außerdem gibt es 14 Wachkomapatienten, die oft nach Fahrradunfällen hier landen. (Wenn man sich ein bisschen auf sie einstelle, erzählt der sehr nette Pförtner, erkenne man, dass sie sehr viel mehr von ihrer Umwelt mitbekämen, als man so glaube.)

Rudi jedenfalls kam vor etwa sieben Jahren, und seine Besitzerin ist inzwischen zu schwach, um ihr Bett zu verlassen. Dafür kümmern sich alle, die es noch bis zur Lobby schaffen, um Rudi, vielleicht zu sehr. Stecken ihm Dosenmilch durchs Gitter, weil es so reizend aussieht, wie er sorgfältig das Alu vom Döschen zieht, um es dann mit der anderen Kralle zum Schnabel zu führen, oder sie pfeifen ihm etwas vor, was den Pförtner ärgert. Redet lieber mit ihm, sagt er den Leuten, aber die Leute, die hierherkommen, können das oft selbst nicht mehr. (Auf den ersten Blick seien sie gut in Schuss, hat der Pförtner beobachtet, aber wenn man sich öfter mit ihnen unterhalte, merke man oft, dass sie immer dieselben drei Sätze sagen oder sich an nichts mehr erinnern, außer an den Krieg.)

Rudi erinnert sich auch noch an seine Kindheit in einer Berliner Kneipe. Deshalb kommt aus seiner Ecke manchmal das Geräusch einer zischenden Bierflasche, oder er sagt Sätze wie "Püppi, noch ’n Kurzen" und "Lass ma die Rechnung rüberwachsen". Auch schön: "Guten Morgen, du Arschloch!"

Papageienforscher behaupten, dass Papageien sinnvoll sprechen können. Ein besonders intelligenter Artgenosse konnte dank Förderung an der amerikanischen Brandeis-Universität sogar Farben erkennen, Additionen durchführen, auf Fragen antworten. Als er im Sterben lag, verabschiedete er sich angeblich von seiner Trainerin mit den Worten: " You be good. I love you. "

Auch Rudis Worte, glaubt der Pförtner, passen oft in die Situation, das merke jeder, der sich ein bisschen auf ihn eingeschwungen habe. Sicher ist, dass Rudi gefallen will. Also ist er jedem Besucher das, was der in ihm sehen will: ein freundlicher Zuhörer, ein reizendes Wesen an einem Ort, an dem man nicht mit Niedlichkeit rechnet, ein Beispiel für Kommunikation jenseits der Worte und ein Vorbild für lebenslanges Lernen.