Selbst Israelis, die sich einen Besuch in Deutschland früher nicht vorstellen konnten, haben Berlin entdeckt. Der Filmemacher Addie Reiss zum Beispiel. Die Arbeit führte den 34-Jährigen vor drei Jahren nach Deutschland. Seine Großmutter stamme aus Polen, und alle ihre Geschwister seien von Deutschen ermordet worden, sie habe immer nur von "den verdammten Deutschen" gesprochen. "Damit wuchs ich auf", sagt Addie Reiss. Sein Filmprojekt in Berlin sei eine heilsame Erfahrung gewesen. "Was ich fand, war eine großartige Stadt." Mittlerweile war er vier Mal da. Im vergangenen Jahr nahm er am Talent Campus der Berlinale teil und knüpfte berufliche Kontakte. Die Filmbranche verbindet Tel Aviv und Berlin, das Geschehene wird nicht ignoriert. "Wenn man an manchen Orten die Augen zusammenkneift und die Geräusche ausblendet, zum Beispiel an kleinen Bahnhöfen oder in einer bewaldeten Winterlandschaft, dann kann man dort noch immer Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg entdecken."

Das Interesse junger Israelis an Deutschland bedeutet also auch eine neue Annäherung an die Vergangenheit ihrer Vorfahren. Statt die Schrecken der Naziherrschaft zu verdrängen, suchen die Nachfahren der Holocaust-Überlebenden die Auseinandersetzung.

Eldar Farbers Weg der Vergangenheitsbewältigung führte über seine Malerei. Die Eltern des 40-Jährigen stammen aus Polen und haben den Holocaust als Kinder überlebt. Vor fünf Jahren wagte Eldar Farber sich zum ersten Mal nach Berlin. "Ich hatte immer Angst vor Deutschland", sagt er, "ich sah es nur in Schwarz-Weiß, in den ruckelnden Bildern einer alten Kameraaufnahme." Deutsch erschien ihm als eine Sprache, die man nur schreien kann. Dann landete er in Tegel: Die Sonne schien, er sah die Landschaft zum ersten Mal in Farbe, traf Menschen, mit denen er sich gut verstand. "Das alles war sehr verwirrend, ein einziger Widerspruch."

Nachdem er das Konzentrationslager Ravensbrück besucht hatte, eine der Stationen seines Vaters auf seinem Leidensweg durch deutsche Vernichtungslager, beschloss er, Deutschland zu malen. Sechs Mal war er in den vergangenen fünf Jahren in Berlin, insgesamt zwei Jahre. Kürzlich endete seine Ausstellung in einer Galerie auf dem Tel Aviver Rothschild-Boulevard. Sie war ein großer Erfolg, alle Bilder wurden verkauft.

German Landscapes , "Deutsche Landschaften", hieß die Schau. Seine in Öl gemalten Bilder zeigen tiefe Wälder, Seen, in denen sich das satte Grün von Bäumen spiegelt, den Berliner Tiergarten und den Mauerpark. Die leidvollen Erfahrungen seiner Eltern sind in den Bildern nicht zu sehen; es ist, als hätte er die alten Deutschlandbilder, mit denen er gekommen war, durch neue, schöne, friedliche ersetzt. Durch seine Malerei habe er verstanden, dass er nach Berlin gegangen sei, um den inneren Frieden zu finden, sagt Eldar Farber. "Und ich hatte Erfolg. Jetzt fühle ich mich leichter." Es scheint, dass vor allem Berlin und sein Ruf die Wahrnehmung Deutschlands in Israel verändern. Doch es gibt auch andere Anzeichen dafür, dass jenseits aller Austauschprogramme, Stipendien und politischen Initiativen ein zartes Pflänzchen wächst, wo zuvor nur verbrannte Erde war.

Die Plakate der Werbekampagne von Birkenstock zeigen zwei Füße in bunten Schlappen und den Slogan "Made in Germany" – früher ein guter Grund, die Marke zu meiden. Heute scheint die Herkunft Qualität zu signalisieren. Und auch während der Fußballweltmeisterschaft lässt sich beobachten, was lange Zeit undenkbar war: Israelis feuern die deutsche Mannschaft an. Nicht alle, gewiss. Und auch der jeweilige Gegner entscheidet über die Vergabe der Sympathien. Doch seit der Weltmeisterschaft 2006 bringt die deutsche Mannschaft so manchen Israeli in einen Zwiespalt. "Wenn wir die Nationalität auf dem Bildschirm ignorieren, dann sehen wir eine Mannschaft, die großartig spielt", erklärt Matan-Paul Shetrit aus Jerusalem. "Gleichzeitig denkt man: Das ist aber doch Deutschland!" Der 24-jährige Student der Mathematik würde diesem Land den Titel gönnen. "Ich will schönen Fußball sehen", sagt er. Früher habe die Elf mechanisch gespielt, "jetzt ist da Magie".