Im Mai war es wieder einmal so weit. Da preschte Christoph Leitl erneut mit einer Forderung vor. Diesmal verlangte er einen nationalen Alleingang bei der Einführung einer Finanztransaktionssteuer. Finanzminister und ÖVP-Obmann Josef Pröll war angesichts des Sololaufs des Wirtschaftskammer-Präsidenten wenig erfreut.

Kurz darauf sprang Leitl Wissenschaftsministerin Beatrix Karl bei, die sich für ein "Gymnasium für alle" ausgesprochen hatte. In der eigenen Partei war sie von den Reformverweigerern dafür harsch abgemahnt worden. Leitl sah das anders: "Karl ist eine mutige Ministerin." Gleichzeitig machte er sich für eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen stark. Anfang Juni geriet dann der Oberösterreicher selbst in tiefes Wasser, als er – in seiner Funktion als Obmann der Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft (SVA) – nicht verhindern konnte, dass mangels Einigung mit der Ärztekammer die Beitragszahler mehrere Tage ohne Vertrag dastanden. Hat das ÖVP-Schwergewicht den von ihm so oft beschworenen Weg des Konsenses verlassen? Gefällt sich da einer in der Rolle eines Unbequemen, der es sich kraft seiner Ämter erlauben darf anzuecken?

Gewiss ist nur eines: Christoph Leitl sind Parteidogmen leidlich egal. Stattdessen denkt er über den Tellerrand hinaus, will das Moderne, das andere und schwächt so die Phalanx der konservativen Betonierer. Das macht ihn innerhalb der ÖVP zu einer raren Spezies. Dennoch regiert in der Republik niemand an ihm vorbei.

"Wenn’s schön ist, gartl ich den ganzen Tag", sagt Leitl und knipst sein markantes Lachen an. Es gebe genau null Probleme, soll dies besagen. Vor allem hier nicht, im Schatten seines Bauernhauses in der oberösterreichischen Provinz. Vor 30 Jahren übernahm er in Neumarkt im Mühlkreis, einem Dorf nördlich von Linz, von seiner Tante ein am Ortsrand gelegenes Häuschen. Seitdem zieht sich der Vater zweier erwachsener Kinder nahezu jeden Sonntag mit Ehefrau Erni hierher zurück.

Der gnadenlose Optimist musste zahlreiche Tiefschläge einstecken

Weinreben ranken sich an der liebevoll renovierten Fassade empor, davor ist ein kleiner Gemüsegarten abgezäunt. Stolz zeigt er auf einige Setzlinge. Seinen "Knofi", die "Erdäpfl". Die eigene Scholle zu hegen, etwas heranwachsen zu sehen – das gefällt ihm. Ähnlich verfährt der 61-Jährige in der Politik, in der Christoph Leitl von jeher den ewigen Gärtner gibt. "Politik ist für mich ein Mitarbeiten am Bewusstsein", sagt er blumig und lehnt sich auf der knarrenden Gartenbank zurück. Und nein, der selbst für seine Verhältnisse auffällige Aktivitätsschub habe nichts mit parteiinternem Revoluzzertum zu tun. "Ich lasse mir kein Denk- und Redeverbot auferlegen", wischt er Nachfragen weg – um kalmierend nachzusetzen: "Ich schätze die Vielfalt und Individualität in meiner Partei." Beigelegt sei auch der Zwist mit der Ärztekammer. Man einigte sich nach Mitternacht beim Heurigen. Tags darauf prangerten die Zeitungen den Deal als Rückfall in die Figlsche Wirtshauskumpanei an. "Wenn eine Situation verkrampft ist, muss man sie lockern", sagt Leitl.

Da ist er wieder, jener Konsenspolitiker, der das Gemeinsame über alles stellt. Seit zehn Jahren steht der studierte Wirtschaftswissenschafter an der Spitze der Wirtschaftskammer, vor Kurzem wurde er für weitere fünf Jahre bestätigt. Außerdem ist er Präsident des ÖVP-Wirtschaftsbundes, SVA-Obmann, Mitglied des Bundesvorstands der Volkspartei. Zusätzliche Vorsitzposten füllen ein DIN-A4-Blatt. Das Familienunternehmen, die Leitl-Werke in Eferding, erwirtschafteten 2009 58 Millionen Euro Umsatz. Unlängst übergab er die letzten Anteile an dem Wohnbau-Komplettanbieter an Sohn Stefan. Den Sitz im Aufsichtsrat der Isoroc AG, eines im Osten engagierten Baustoffherstellers, behielt der Senior vorläufig. "Wenn’s der Wirtschaft gut geht, geht’s uns allen gut", ließ der Multifunktionär einst neben seinem Konterfei plakatieren. Seitdem ist der Spruch seine Trademark. Weitere Markenzeichen: gnadenloser Optimismus, mediale Omnipräsenz, das breite Kampflächeln.

Letzteres wusste der Linzer stets gekonnt einzusetzen. 1990 etwa, als ihn der damalige Landeshauptmann Josef Ratzenböck zum Wirtschaftslandesrat im hoch verschuldeten Oberösterreich machte. Leitl reformierte Strukturen, vereinfachte Behördenwege. Zehn Jahre später war das Land saniert. Mentor Ratzenböck dankte es ihm wenig und installierte 1995 den volksnahen Josef Pühringer als seinen Nachfolger. Leitl schwieg artig, "doch das hat ihn damals unheimlich geschmerzt", weiß ein Kenner der Landespolitik. Kurz darauf folgte der nächste Tiefschlag: Obwohl er sich als Thronfolger von ÖVP-Obmann Erhard Busek fühlte, machte schließlich der Überraschungskandidat Wolfgang Schüssel das Rennen. Fünf weitere Jahre blieb der Landesrat "mit dem Hang zur Selbstinszenierung" (Oberösterreichs Grünen-Chef Rudi Anschober) in Linz; schließlich wechselte er 2000 als Präsident der Wirtschaftskammer doch in die Hauptstadt. Am vergleichsweise glatten Wiener Parkett fasste der Neuankömmling nur schwer Tritt. Sein leutseliges Wesen machte ihn bei den slicken Grasser-Typen, die damals die Szene beherrschten, zum Ziel von Spott. Doch Leitl war das "blunznwurscht". Wohl auch, weil er erlebt hatte, dass es Wichtigeres gibt als politische Eitelkeit.