In strenger Hierarchie, beginnend beim Papst bis hin zum kleinen Dorfpfarrer, steht die katholische Kirche für die eine und allein gültige Interpretation des Christentums. So will es die streng gegliederte Fassade. Doch hinter dem barocken Pomp der Außenansicht hat sich in Österreich eine Vielfalt etabliert, die jener des Protestantismus in nichts nachsteht. Wer auch immer katholisch sein will, kann sich aus der Palette der Angebote seine persönliche Interpretation des Katholizismus aussuchen. Und die ist erstaunlich reichhaltig. Man muss nur die bunten Farbtupfer finden.

So wird etwa in einigen der insgesamt 3000 österreichischen Pfarrgemeinden – entgegen der offiziellen Doktrin – geschiedenen Wiederverheirateten die Teilnahme an den Sakramenten gestattet. Nur laut reden darf man nicht darüber. Wie auch nicht über jene Frauen, die de facto Pfarren leiten, oder über jene Priester, die mit einer Frau in fester Partnerschaft zusammenleben – nur offiziell verheiratet sein, das geht nicht.

Gesellschaftskritische Befreiungstheologen und basisdemokratische katholische Gemeinden? Auch sie gibt es. Keineswegs handelt es sich dabei nur um das Werk einiger irregeleiteter Schäfchen. Das vor zwei Wochen präsentierte Ergebnis einer Befragung von katholischen Priestern bestätigte nur den Ist-Zustand: 80 Prozent der Pfarrer sind für die Abschaffung des Pflichtzölibats. Über zwei Drittel gaben an, dass die Gläubigen in wichtigen Fragen anders denken als die Kirchenführung. Dennoch gibt es auch die andere Vielfalt: dogmatische Kleriker und fundamentalistische Zirkel, in denen alles Übel der Aufklärung, dem Feminismus oder der Demokratie zugeschrieben wird. Klösterliche Gemeinschaften, in denen noch immer Teufelsaustreibungen im Schwange sind, reaktionäre Hardliner, für die das Zweite Vatikanische Konzil das Ende der Amtskirche eingeleitet hat.

Das alles ist der real existierende Katholizismus in Österreich. Ein kirchlicher Pluralismus, der die Wahrung des Scheins voraussetzt – man könnte auch sagen: der Verlogenheit. Dazu gehört, dass die offizielle Lehre nicht öffentlich infrage gestellt wird – wie etwa das einzige aus dem 20. Jahrhundert stammende Dogma von der leiblichen Aufnahme der Jungfrau Maria in den Himmel. Mit Körper und Seele sei Marien aufgefahren, wurde 1950 von Pius XII. im Munificentissimus Deus verkündet. Der Glaubenssatz mag – vorsichtig ausgedrückt – wenig plausibel klingen, offener Zweifel an der Botschaft ist verpönt. Wie auch an der Macht des Absenders.