Als das Angebot kam, auf Quentin Tarantinos Party zu spielen, saß Tobias Jundt gerade beim Frühstück und dachte: Nicht schon wieder. Es war spät geworden, wie fast jede Nacht in den letzten Wochen, einen Moment lang verspürte er einen für ihn untypischen Energieabfall, dem er durch Essenszufuhr zu begegnen gedachte. Dann allerdings fiel ihm diese eine Tänzerin ein, und weil sie dummerweise an dem Abend eine Probe hatte, überredete er sie, die Probe auf offener Bühne abzuhalten. So kam Tobias Jundt zu einem weiteren Bandmitglied – und Quentin Tarantino doch noch zu seinem Premierenpartyspektakel.

Denkwürdig der Abend in der Bar 25, jenem Open-Air-Club an der Spree, dessen Ruf weit über die Grenzen Berlins hinausgedrungen ist und der auch seinerzeit schon das Volk anzog, für das er berühmt ist: Feierwütige, EasyJet-Touristen, Prominenz und Semiprominenz auf der Suche nach Amüsemang. Jundt legt Wert auf die Feststellung, dass die aufgekratzte Stimmung nicht wegen, sondern trotz Tarantino zustande kam, der betrunken durch die Szenerie tappte – "Freunde sind wir nicht geworden, falls das der Boulevard-Aspekt der Frage gewesen sein sollte". Und doch wurde an diesem schönen Sommerabend eines der erstaunlichsten Projekte im Pop der letzten Jahre geboren: Bonaparte.

Menschen, die auf offener Bühne Proben abhalten – so ließe es sich in seine allgemeinste Beschreibungsform bringen. Vorgegeben ist nur die Musik, alles andere ergibt sich spontan aus den Interaktionen des Kollektivs, dem Jundt als eine Art gnädiger künstlerischer Leiter vorsteht. Ein Mummenschanz erster Güte: Theatralik, Drama, Performance! Punk plus Funk plus Electroclash! Kostüme vom Flohmarkt, die die Akteure sich unterm Jubel des Publikums vom Leib reißen! Bonaparte-Konzerte sind Miniorgien, bei denen Schweiß und Kunstblut in Strömen fließen, mittendrin Jundt selbst als rockender Partykaiser im Puschelkostüm. Zusammengehalten wird das Ganze nur von viel Wohlwollen für den individuellen Ausdruck und einem ausgeprägten Sinn für die Möglichkeiten des Augenblicks. "Nichts ist geplant", sagt Jundt, "alles passiert einfach."

Bonaparte ist wie eine Mitfahrzentrale – wer etwas zu bieten hat, darf mit

Es ist eine Freakshow, die Tobias Jundt im Lauf der letzten vier Jahre mehr zugestoßen ist, als dass er sie bewusst konzipiert hätte. Irgendwann waren sie einfach da, Mad Kate, die Tänzerin, die ihre Kollegin Clea Cutthroat mitbrachte, Lulu, die strippende Bockwurst, Entfesselungskünstler, lebende Fackeln, eine boxende Ziege mit Identitätsstörungen, tollkühne Männer mit Discokugelhelmen und andere, teils wieder verschwundene Hobbyexhibitionisten, sie alle sprangen einfach unterwegs an Bord, genau wie in jenem Bonaparte-Video, in dem der Spaßkaiser in seinem feuerroten Spielmobil durch die Lande fährt und zum Zusteigen einlädt. Bonaparte ist eine wandelnde Mitfahrzentrale: Wer etwas zu bieten hat, ist mit von der Partie – zumindest solange der Chef es will, denn irgendeiner muss in dem Durcheinander ja die Richtung im Auge behalten.

Stetig gewachsen ist aber nicht nur die Band, sondern auch das Publikum. Die Bar 25, in der wir uns unter denselben schattigen Bäumen, unter denen das Projekt aus der Taufe gehoben wurde, zum Gespräch verabredet haben, ist nur noch eine von vielen Spielstätten, in denen der Wanderzirkus Station macht, Bonaparte füllen längst große Hallen bis auf den letzten Platz, wenn sie nicht gerade die Sommerfestivals von Roskilde bis Rock am Ring bespielen. Manchmal kriegt Jundt einen leichten Schreck, wenn er aus der Kulisse einen Blick auf das Gedränge am Einlass wirft, man hört Stimmen aus Spanien, Italien, und selbst Lena Meyer-Landrut hat sich kürzlich als Bonaparte-Fan geoutet. "Schon krass" findet er den Rummel um seine Truppe, "irgendwann ist das Ding einfach explodiert". Ganz aus dem Nichts kommt der Erfolg freilich nicht.

Zum einen haben Bonaparte sich ihr Publikum auf eine durchaus altmodisch zu nennende Weise erspielt. Wenn es eine Konstante in dem ganzen Kommen und Gehen gibt, so lautet sie: Spielen, spielen, spielen! Jundt und seine Mitstreiter sagen selten Nein, wenn Anfragen hereinkommen. Sie haben sogar schon zwei Shows pro Abend gegeben, einfach weil sie so drauf waren, weil das Bonaparte ausmacht: immer am Anschlag zu sein, an der Grenze zur völligen physischen Erschöpfung. So etwas spricht sich herum, man bekommt neue Anfragen, es ist, als hätte sich ein Kreis geschlossen hin zu den Anfangstagen des Rock ’n’ Roll, als das Live-Ereignis noch wichtiger war als die Aufnahme davon. "Ich meine, die Beatles haben anfangs auch jeden fucking Tag gespielt", sagt Jundt, "am Mittag eine Lunch-Show und am Abend dann eine Dinner-Show."

Natürlich hat das Dauertouren viel mit dem desolaten Zustand der Musikindustrie zu tun: Wenn der Verkauf von Schallplatten nichts mehr einbringt, sind Auftritte die einzige Möglichkeit, sich und die Band über die Runden zu bringen. Und doch ist da in den letzten Jahren mehr entstanden als eine bloße Zwangslage, es gibt unter den Zwanzig- und Dreißigjährigen ein Bedürfnis nach Schweiß, Opulenz, Verausgabung, das er am eigenen Leib verspürt, wenn er Bonaparte unterwegs vom Computer aus managt. Jundt nennt es "Dringlichkeit", den Wunsch, ganz unvirtuell "was zu spüren", und wo ließe er sich umittelbarer erfüllen als im Kontakt mit der tobenden Menge? "Der Live-Moment ist heute das Direkteste und Ehrlichste, was wir haben", sagt Jundt, ein drahtiger Endzwanziger, der auch jenseits der Bühne die Aura eines hyperaktiven Kinds mit sich herumträgt.