"Schwule müssten eigentlich entmündigt werden." Ob das witzig gemeint war? Oder einfach nur diffamierend sein sollte? Bernd S. weiß es bis heute nicht. Es spielt auch keine Rolle – verletzend war der Spruch auf jeden Fall, der in seiner Firma über ihn kursiert haben soll. "Das hat mich bis ins Mark getroffen", sagt der 37-Jährige, der bis vor einem Jahr für einen großen deutschen Finanzdienstleister arbeitete. Seine Homosexualität hatte er nie besonders thematisiert, aber auch keinen Hehl daraus gemacht. So war bei Festen und Reisen sein Lebenspartner dabei – bis Bernd S. erfuhr, dass es nicht nur einen Spruch über seine Homosexualität gegeben hatte und dass Sprüche nicht nur von einem Mitarbeiter kamen. Er kündigte : "Mir war sofort klar, so kann ich nicht weiterarbeiten." Heute ist Bernd S. wieder in seinem ursprünglichen Beruf als Pilot bei der Lufthansa beschäftigt. "Hier gibt es ›bekennende‹ schwule Piloten", sagt Bernd S. Es gebe keinen Grund, sich zu verstecken. In seinem Beruf, der so sehr für Männlichkeit steht, gingen Führungskräfte und Piloten sehr offen mit dem Thema um.

Der Völklinger Kreis, die Interessenvertretung von rund 800 organisierten schwulen Führungskräften und Selbstständigen , beobachtet so auch immer weniger offene Diskriminierung. "Verdeckte Diskriminierung findet allerdings immer noch statt, gerade in ländlichen Gegenden und durch sehr konservative Vorgesetzte", sagt Albert Kehrer von der Initiative. Die heute offen Frauen liebende Psychologin Claudia Bender stellt fest: "Das läuft in der Regel über unterschwellige, aggressiv-feindselige Äußerungen ab, die nicht fassbar sind und die die Betroffenen oft erst gar nicht wahrnehmen."

Der Fall von Carina M., 44, die seit Kurzem als selbstständige Finanzberaterin arbeitet, zeigt solche Mechanismen auf. M. hatte in beachtlichem Tempo die Karriereleiter einer großen Bank erklommen. Dann bekam ein Kollege ein Telefonat mit, aus dem er heraushörte, dass Carina M. lesbisch ist. Kurz vor Weihnachten ließ er einen Spruch fallen: "Wenn du ein Geschenk suchst, ich kann dir sagen, was Frauen mögen." Carina M. beschlich ein ungutes Gefühl: Sie war plötzlich angreifbar geworden. "Die Atmosphäre war sehr homophob, es wurden viele Schwulenwitze gerissen." Immer wenn die Kollegen Privates erzählten, hatte sie sich auf Fachliches beschränkt. Sie wusste: Wenn sie sich outete, würde sie vieles aushalten müssen. Die seelische Belastung wurde schließlich so groß, dass Carina M. krank wurde und danach in die Selbstständigkeit wechselte. Hilfe fand sie auch bei den Wirtschaftsweibern, dem lesbischen Pendant zum Völklinger Kreis, mit 190 Mitgliedern in ganz Deutschland. "Aber selbst da hat es lange gedauert, bis ich darüber reden, bis ich wieder authentisch sein konnte."

Zwei bis vier Millionen Menschen in Deutschland sind homosexuell, schätzt der Schwulen- und Lesbenverband Deutschland. Am Arbeitsplatz behält rund die Hälfte ihr Schwul- oder Lesbischsein für sich, drei Viertel der Schwulen und Lesben wurden dort schon mal diskriminiert, ein Zehntel war sogar körperlicher Aggression ausgesetzt, wie 2007 eine Untersuchung der Uni Köln mit 2230 Befragten zeigte. Da werde man "zufällig" angerempelt oder falle die Tür so zu, dass sie einen trifft.

Alle zwei Jahre vergibt der Völklinger Kreis daher den Max-Spohr-Preis für "Diversity Management". Der Preis ist nach einem Leipziger Verleger benannt, der sich Ende des 19. Jahrhunderts für die Emanzipation sexueller Minderheiten einsetzte – er gab allein 120 Bücher zum Thema Homosexualität heraus, was ihm eine Verurteilung wegen "Verbreitung unzüchtiger Schriften" einbrachte. Mit dem Preis werden Unternehmen ausgezeichnet, die sich besonders für Vielfalt innerhalb ihrer Belegschaft einsetzen. Neben der Förderung von Frauen oder Migranten geht es dabei auch darum, die soziale Diskriminierung von religiösen und ethnischen Minderheiten und anderen Randgruppen zu verhindern. 2008 ging der Preis an SAP, davor an die Volkswagen Bank, die Deutsche Bahn, die Deutsche Bank und die Ford Werke.