DIE ZEIT: Bis zum Jahr 2013 sollen deutschlandweit 273.000 neue Krippenplätze für Kinder unter drei Jahren geschaffen werden. Im Auftrag der Bosch-Stiftung hat das Deutsche Jugendinstitut nun erstmals ausgerechnet, wie groß der Personalbedarf sein wird, der dadurch entsteht. Bisher wurden von vielen Seiten wahre Schreckensszenarien über den drohenden Erziehernotstand gezeichnet. Spiegelt die Studie diese Aufregung wider?

Ingrid Hamm: Von einem flächendeckenden Personalnotstand kann man in Deutschland nicht sprechen. Der Bedarf variiert je nach Bundesland. Die Studie geht von drei Szenarien aus und versucht Prognosen über den Personalbedarf in den Jahren 2013, 2015 und 2017 abzugeben. Im Westen Deutschlands ist der Personalbedarf zunächst noch überschaubar, aber die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage wird bis 2017 immer tiefer. In Ostdeutschland ist die Situation insgesamt relativ entspannt.

ZEIT: Was heißt das konkret: Wie viele zusätzliche Erzieherinnen und Erzieher werden durch den geplanten Krippenausbau benötigt?

Hamm: Im Westen Deutschlands werden bis 2015 zusätzlich 25000 Fachkräfte benötigt, 2017 sind es dann bereits 32.500. In Ostdeutschland dagegen gibt es, außer in Sachsen, keinen zusätzlichen Personalbedarf. Hier wird es 2017 rund 3000 Erzieherinnen und Erzieher geben, die nicht gebraucht werden. Besonders hohen Handlungsbedarf gibt es dagegen in Ländern wie Niedersachsen, Hessen, dem Saarland, Bremen und Schleswig-Holstein.

ZEIT: Wie schwierig ist es, solche Prognosen zu treffen? Niemand kann wirklich voraussagen, wie sich die Geburtenrate in den nächsten Jahren entwickeln wird, wie sich Eltern verhalten werden.

Hamm: Die Autoren der Studie sind von bestimmten Annahmen ausgegangen, zum Beispiel, dass die Nachfrage das Angebot übertreffen wird. So wird geschätzt, dass bis 2015 42 Prozent der Eltern von Krippenkindern in Westdeutschland und 55 Prozent in Ostdeutschland nach Betreuungsplätzen fragen werden. Andererseits haben wir durch die demografische Entwicklung einen Rückgang der Kinderzahlen. Damit gibt es immer weniger Menschen, die Eltern sein werden. Das Fazit aus dieser Studie lautet, dass der zu erwartende Personalnotstand durchaus bewältigt werden kann. Obwohl es sein kann, dass er insgesamt höher ausfallen wird, als diese Studie annimmt.

ZEIT: Warum?

Hamm: Man muss nur in die wirtschaftlichen Ballungszentren schauen: Die Stadt Stuttgart zum Beispiel hat inzwischen einem Versorgungsgrad mit Krippenplätzen von rund 30 Prozent, im Jahr 2000 lag er noch bei 8 Prozent. Trotzdem ist der spürbare Effekt für die Eltern überhaupt nicht gegeben. Sie haben immer noch das Gefühl, es gibt nicht genügend Krippenplätze. Die Nachfrage wird in Stuttgart bald sehr weit über den 35 Prozent liegen, die die Politik mit dem Krippenausbauprogramm bundesweit als Benchmark ausgegeben hat.

ZEIT: Das heißt, je mehr Eltern ihre Kinder in Krippen gehen, desto mehr Mütter und Väter machen es ihnen nach?

Hamm: Ja, der Trend lässt sich nicht mehr aufhalten. Der Zeitgeist wandelt sich. Viel zu lange hat man in Deutschland geglaubt, dass Kinder unter drei Jahren allein von der Mutter betreut werden sollten und dass es ein kleines Verbrechen ist , sie in die Hände fremder Menschen zu geben. Deshalb hängen wir in Deutschland so hinterher mit der Betreuung der Null- bis Dreijährigen. Wir haben uns weder über die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher Gedanken gemacht noch über die Qualität der Betreuung.