Peking/Shanghai

Fährt man aus der Pekinger Innenstadt in Richtung Flughafen, dann muss man nach ungefähr zehn Kilometern links abbiegen. Man passiert eine Mauer, Sicherheitsleute prüfen, wer im Wagen sitzt, dann geben sie den Weg frei. Man biegt in eine Gasse und fühlt sich plötzlich wie im alten Peking. Die grauen Hofhäuser der Kaiserzeit, die im Stadtzentrum abgerissen wurden, hier sind sie nachgebaut worden. Ein Potemkinsches Dorf von 200 Häusern. Hinter den falschen Fassaden versteckt sich Chinas neuer Reichtum. Ausländische Manager residieren hier, aber auch hohe Offiziere der Volksbefreiungsarmee. Manch ertragreiches Privatgeschäft hat sie reich werden lassen. Vor den Häusern parkt der eine oder andere Porsche Cayenne.

Jörg Wuttke hat hier gerade sein neues Haus bezogen. Seit Langem leitet er die Niederlassung eines großen deutschen Konzerns, in den vergangenen Jahren war er Präsident der EU-Handelskammer in Peking. Wuttke ist einer der besten Kenner des heutigen Chinas. Er hat den Boom der zurückliegenden Jahre miterlebt. Aber was wir bisher gesehen haben, meint er, war nur der Anfang: "China wird erst in den nächsten zehn Jahren richtig durchstarten."

Einen Boom ohne Ende gibt es nicht. Jede Party hört einmal auf. Nur in China nicht? Wie kann es sein, dass gerade in dieser kommunistischen Einparteiendiktatur die Wirtschaft blüht, in einem Land ohne demokratisch gewähltes Parlament, ohne unabhängige Justiz, ohne freie Presse?

Man fragt sich dies, wenn man China besucht, jedes Mal aufs Neue. In dieser Woche besucht die Bundeskanzlerin China, da wird man sich die Fragen wieder stellen. Irgendwann müssen die Widersprüche des Landes das Wachstum doch stoppen, es zumindest verlangsamen. All die unterdrückte Wut: Irgendwann muss sie doch explodieren! Einmal ist das geschehen, 1989. Als der friedliche Protest auf dem Platz des Himmlischen Friedens blutig niedergeschlagen worden war, erstarrte das Land in Angst und Schmerz. Dann raste der Zug weiter. Er könnte jederzeit aus den Schienen springen. Bisher aber ist er nicht entgleist.

China, so muss man es heute sagen, funktioniert. Es zahlt dafür einen hohen demokratischen, sozialen und ökologischen Preis. Aber es funktioniert. Anders als der graue Sowjetsozialismus, der an seiner Schwäche zerbrach.

Grau ist China nicht, schon lange nicht mehr. Das "chinesische Modell", die Verbindung von Kapitalismus und autoritärer Herrschaft, wird für den Westen vielmehr zu einer politischen und intellektuellen Herausforderung. Zu einer wirtschaftlichen sowieso. Für Europäer und Amerikaner waren Demokratie und Marktwirtschaft immer zwei Seiten einer Medaille. Für den Westen stand eigentlich immer fest: Mit dem Wohlstand werde auch in China die Freiheit wachsen. Und natürlich sei der Westen Chinas Vorbild. Vielleicht war das ein Irrtum. Vielleicht ist Chinas Vorbild: China.

Man sitzt in einem Hörsaal der ehrwürdigen Tongji-Universität in Shanghai, die Konrad-Adenauer-Stiftung hat zu einer Diskussion über "Chinas neues Selbstbewusstsein" geladen. Gerade hat man für eine freie Berichterstattung aus Tibet plädiert, da antwortet der ehemalige chinesische Botschafter in Deutschland: "Lassen Sie doch die Chinesen entscheiden, was für China gut ist." Und die Studenten im Raum applaudieren begeistert. Mit der Partei haben sie, scheint es, nicht viel am Hut. Aber dass einer sich jeden guten Ratschlag aus dem Ausland verbittet, das gefällt ihnen.

Den Westen schrumpfen lassen – ist es das, was China will?

Gibt es ein Gegenmodell zum Westen? Bisweilen ist heute vom "Peking-Konsens" die Rede, als einer Art Alternative zum "Washington-Konsens", der den freien Markt, den freien Handel, vor allem aber die freie Gesellschaft hochhält. Stefan Halper, ein amerikanischer Autor, hat ein Buch mit diesem Titel vorgelegt: The Beijing Consensus; er versucht darin nachzuweisen, "wie Chinas autoritäres Modell das 21. Jahrhundert beherrschen wird". Halper argumentiert: So wie die Globalisierung die Welt schrumpfen lässt, so lässt China den Westen schrumpfen – indem es still und leise die Ausbreitung westlicher Werte begrenzt.

Den Westen schrumpfen lassen! Ist es das, was China will? Oder wird Chinas wirtschaftlicher Aufstieg damit auf unzulässige Weise politisch aufgeladen? Eines ist nicht zu übersehen: Aus der Weltfinanzkrise ist die Volksrepublik gestärkt hervorgegangen. Hingegen hat die Krise aus chinesischer Sicht "die Autorität des Westens untergraben", wie der Economist bemerkt.