Vier Feinde hat die Deutsche Bahn: Frühling, Sommer, Herbst und Winter!" Jetzt kursiert er wieder, der Uralt-Witz der Unbilden gewohnten Gemeinde der Bahnfahrer. Kein Wunder: Die bisher heißesten Tage des Jahres in Deutschland, Spitzenwerte von 38,8 Grad, die Menschen fliehen in die Bäder – nur in Zügen der Deutschen Bahn saunieren sie bei Celsiuswerten bis 50 Grad. Ein völlig unfreiwilliger Service: Die Klimaanlagen setzten aus . Manche teilweise, manche ganz. In etlichen Fernzügen, vor allem aber in ICE, in denen sich kein Fenster öffnen lässt, spielten sich dramatische Szenen ab: Geschäftsleute, die stachlige Waden entblößten. Dehydrierte Wochenendausflügler, die ihr letztes Wasser dem Baby in der Abteilecke spendeten. Ärzte, die ihre Mitfahrer beschworen, sich nasse T-Shirts auf den Kopf zu legen, solange es in den Zugtoiletten noch Wasser gebe. Es klingt fast so, als könne man von Glück reden, dass es keine Toten gab. Dass in einem ICE aus Berlin, der am vergangenen Samstag in Bielefeld von Sanitätern evakuiert wurde – vorher waren Menschen reihenweise umgekippt – "nur" vierzig Reisende ärztlich versorgt werden mussten.

Über die Ursache der Klimaanlagen-Ausfälle wird noch gestritten. Aber zwischendurch, nach den ersten Meldungen, ließ die Bahn schon einmal verlauten, bei dieser Hitze und bei so vielen Reisenden stoße selbst die Kühltechnik irgendwann an ihre Belastungsgrenzen. Schicksal also. Höhere Gewalt.

Man kennt solche Ausflüchte noch aus Mehdorn-Zeiten. Die anderen sind schuld, respektive: das Wetter. Im Winter ist es das Eis , das die Strecken lahm legt, oder auch tückischer "Flugschnee" (welcher Schnee fliegt nicht?), der sensible ICE-Motoren stoppt. Im Herbst ist es das Laub, das einen Schmierfilm bildet, zu rutschig für filigrane Zugräder. Und im Sommer eben, für regelmäßige Bahnfahrer ist das nicht neu, wird es den Klimaanlagen zu heiß. Nur bei einer ICE-Tür , die sich im Frühling aus ihren Verankerungen löste und wie ein Geschoss in einem anderen ICE einschlug – geschehen im April beim ICE 105 von Amsterdam nach Basel –, lag die Schuld klar bei einer losen Stellmutter. Oder? Was sagt nun auch Rüdiger Grube, hoffnungsvoll angetretener neuer Bahnchef? "Moderne Züge sind anfällig, das ist Hightech."

Nein, wir wollen nicht ungerecht gegen Herrn Grube sein. Seinen Vorgänger Mehdorn hätte man wohl nicht mal unter Androhung von Gewalt dazu gebracht, noch am selben Wochenende, an dem die Züge überhitzten, persönlich bei Lehrern anzurufen, deren Schutzbefohlene im Zug zusammengebrochen sind. Grube tat es. Er schickte auch einen Bevollmächtigten los, um mit Eltern und Schülern zu reden und Hilfe anzubieten. Und den Schülern will er noch einen Brief schreiben.

Man kann also nicht behaupten, dass Rüdiger Grube sich nicht unheimlich kümmern würde. Die Frage ist nur, ob das reicht. Oder ob Bahnchef Grube nicht im System Mehdorn stecken bleibt. Das fundamental anders ist als das, was die allermeisten Bahnkunden gerne hätten. Die wünschen sich nämlich, dass die Deutsche Bahn, AG hin oder her, als Quasi-Monopolist doch einen öffentlichen Auftrag erfüllen möge: Menschen, auch wenn es noch so heiß, noch so kalt, noch so rutschig ist, auf Schienen von einem Ort in Deutschland zum anderen zu bringen – umweltfreundlicher, sicherer und entspannter als das Auto.

Mehdorn wünschte sich die DB als weltweit agierenden, effizienten, profitmaximierenden Logistikkonzern. Und teilweise hat er sie auch schon dazu gemacht. Das neue Management geht diesen Weg weiter. Und dem Bund als alleinigem Aktieneigner ist das auch sehr recht.

Die Unterschiede zwischen beiden Visionen der Bahn (oder, aus Kundensicht: zwischen Wunsch und Wirklichkeit) treten regelmäßig in Extremfällen zutage. Und für die Bahn von heute ist ein solcher Extremfall schon eine Folge von heißen Tagen.

So wäre es theoretisch möglich, dass der Bahnkonzern tatsächlich zu schwache Klimaanlagen in seinen Zügen installiert hat, wie Hartmut Buyten vom Fahrgastverband Pro Bahn vermutet. Denn es gibt ja in unseren Breiten nicht viele Tage mit Temperaturen über 30 Grad, weswegen es sich vielleicht nicht rechnet, alle ICE mit leistungsfähigerer Klimatechnik auszurüsten.