Der Reporter hatte sich in den Kopf gesetzt, an diesem Samstagmorgen im Zürichsee zu baden, auch deshalb, weil die Sommerwärme über Deutschland brütete und dieser See ja bekanntermaßen einer der schönsten in ganz Europa ist. Wie reist der Mensch von Berlin nach Zürich, wenn es sich um keine Geschäftsreise, keinen Urlaub, sondern so etwas Altmodisches wie eine Lustreise handelte.

Richtig, die denkbar abwegige, aus der Zeit gefallene, der Lustreise daher angemessene Form des Reisens ist natürlich der Schlafwagen. Klar auch, dass der Reporter allen nur denkbaren Komfort und Luxus, also die Erste Klasse der Deutschen Bahn buchte, weil nur dort so etwas wie die Reiselust des 19. Jahrhunderts aufkommen konnte – jene Idee, dass Reisen ein Vergnügen sein kann, eine Erholung, Bildung des Herzens und des Verstands. Natürlich machte auch die Vorstellung Freude, dass in der Ersten Klasse der Herr mit dem Geldkoffer saß, der am Vormittag einen Termin bei einer der diskreten Adressen am Zürcher Paradeplatz hatte.

Mythos Schlafwagen. An die zehn Hollywood-Klassiker fallen einem auf Anhieb ein, die ohne den Schlafwagen andere Filme wären (Sternbergs Shanghai Express, Wilders Some Like it Hot, die Schlussszene in Hitchcocks Der unsichtbare Dritte, in der Cary Grant seine Partnerin zu sich nach oben in seine Schlafkoje zieht). Einige Vorteile des Schlafwagens sind zeitlos: Man reist im Schlaf und kommt im Zentrum der Stadt an. Einige Vorteile haben in den letzten Jahren noch an Brisanz gewonnen: Die lästigen Wartezeiten an Flughäfen und lächerliche Sicherheitschecks (Flüssigkeiten bitte in Plastiktüten einpacken), die für den denkenden Menschen eine Qual darstellen, fallen weg. Seit rund zwanzig Jahren setzt die Deutsche Bahn, im Unterschied zum Flugverkehr, auf Komfort, ästhetisch erträgliche Sesselbezüge und Sterneköche im Bord-Restaurant und weniger auf Pünktlichkeit und bezahlbare Preise. Seit 2007 heißt der deutsche Nachtzug City Night Liner (CNL) und transportiert den modernsten Schlafwagen Europas (Eigenwerbung der Bahn). Denkt der moderne Reisende vielleicht zu oft an Flugzeug und Auto und zu selten an den Schlafwagen?

Es gingen dann, leider wie so oft bei der Bahn, noch vor der Abfahrt die Probleme los. Der Schlafwagen Berlin–Zürich war ausgebucht, die Strecken von Hamburg, Hannover und Leipzig ebenso. Also reservierte ich, plötzlich wie versessen darauf, meine Freitagnacht im Schlafwagen zu verbringen, einen Platz von Köln nach Zürich, die Strecke Berlin–Köln fuhr ich ebenfalls mit dem Zug.

Eine Viertelstunde lang hatte der hier berichtende Schlafwagentester das Preissystem der Bahn, die Spartarife, Superspartarife, Wochenendtarife, sonstige Tarife studiert. Er hat es nicht verstanden. Der Reporter kann nicht sagen, was der Reisende für eine Schlafwagenfahrt mit der Deutschen Bahn bezahlen muss. Er kann nur sagen, was eine Fahrt mit der Ersten Klasse im CNL 40410 Pegasus Pollux (Dusche, WC, Bettplatz) von Köln nach Zürich – Abfahrt 23.46 Uhr, Ankunft 8.20 Uhr – kostet: 257,40 Euro.

Um 23.30 Uhr zeigt die Informationstafel am Kölner Hauptbahnhof eine Verspätung von 45 Minuten an, fünf Minuten später sind es schon 60 Minuten. Am Gleis lagert bald das übliche Deutsche-Bahn-Volk: junge Menschen mit Rucksäcken; die älteren mit Kniebundhosen und Wanderschuhen. Beide, jung und alt, haben Fahrräder dabei. Der Deutschen liebste Lustreise, so lernte der Wartende auf dem Bahngleis, ist Fahrradwandern, also eine Tour mit dem neonbunten Trekkingfahrrad, an dem neonbunte Satteltaschen hängen. Da sitzt auch ein Herr, unauffällig gekleidet, einen weißen Hartplastikkoffer vor sich. Ist das schon der Gentleman mit dem Schwarzgeld?

Ankunft des City Night Liner 40410. Gegen 1.15 Uhr legt der Reporter seinen Hut auf die weiß bezogene Bettdecke im Abteil Nummer 8. Da liegen auf dem Bett schon zwei Kleiderbügel bereit – ein rührendes Signal der Deutschen Bahn, das Hotelgefühle vermitteln soll. Stoffrollos. Metallleiter zur Gepäckablage. Ein ausziehbarer Stuhl. Guckloch in der Tür. Der silberne Klingelknopf für den Steward. Das Surren der Klimaanlage. Stille. Sofort sehr angenehme Gefühle. Inspektion der Nasskabine: eine kindliche Freude darüber, wie viel Badezimmer auf einen Quadratmeter passt. Der Wasserhahn lässt sich zwischen Dusche und Waschbecken hin und her schwenken. Das Zahnputzwasser kommt aus Bechern mit Aluverschluss. Schon beim Betreten der Erste-Klasse-Kabine hat der Reisende verstanden: Was bei der Bahn unter Luxus rangiert, das ist das Minimum an Komfort, das der Mensch für eine erträgliche Nacht braucht.