Als die Hamburger Künstlerin und Grafikerin Wiebke Hansen begann, sich mit dem Frauenbild in den Medien zu beschäftigen, wühlte sie sich erst mal durch YouTube-Videos. Irgendwann fiel ihr auf, dass es Gesichtsausdrücke und Gesten gab, die sich wiederholten. Luftbisse, Hand im Haar, Orgasmusblicke, Gesichter, die verführen wollten. Sie war "extrem überrascht", sagt sie, "ich dachte, wir sind weiter". Die meisten dieser Bilder stammen aus den letzten Jahren. Es sind Musikvideos, private Aufnahmen, Werbespots. Selbst in den Werbespot eines soliden Autoherstellers aus Ingolstadt hat sich ein laszives Lippenlecken eingeschlichen.

Sehen wir wirklich so aus?

Ja. Wir können nicht anders. Selbst Frauen, die sich nicht für ein williges "Sex-Kitten" halten, benutzen offenbar Gesichtsausdrücke, die man spontan in den fünfziger Jahren einordnen würde, sagt der amerikanische Ethnologe und Mimikexperte David Givens. Dabei sind sie noch ein paar hunderttausend Jahre älter, Stichwort Evolution.

Zum Beispiel der Griff ins Haar: Das Fell, sagt Givens, wird bei allen Säugetieren und in allen Kulturen vorgezeigt, außer natürlich da, wo Frauen verschleiert sind und wo man sich eher Blicke zuwirft. Sogar das Lutschen an Gegenständen, eine Geste, die man höchstens noch auf dem Christopher Street Day vermuten würde, ist offenbar nicht aus der Frau herauszukriegen. Dabei ist es gar nicht so offensichtlich sexuell, wie es den Anschein hat: Leute, sagt der Gestenforscher, berühren ihre Lippen, wenn sie sich von einer anderen Emotion ablenken wollen. Eine Frau, die sich etwas an den Mund führt, drücke deshalb nur aus, dass ihr Gegenüber sie emotional berührt (im Zweifelsfall auch negativ).

Entwickelt sich unsere Körpersprache denn gar nicht weiter? Doch. Der raubkatzenhafte Luftbiss etwa ist eine Pose, die sich so nur auf dem Roten Teppich und bei Modeshootings mit Nebelmaschinen findet; er stammt aus den achtziger Jahren und sagt gar nichts, außer dass es nach wie vor Schauspielerinnen gibt, die immer noch denken, dass dies die vorteilhafteste Art und Weise sei, ihre Lippen zu zeigen. Wenn die Evolution diese Schauspielerinnen aussterben lässt, könnte es sein, dass der Luftbiss wieder aus der Geschichte unserer Spezies verschwindet.

Neu ist auch das Scheibenwischerchen. Es hat sich aus Amerika in die ganze Welt fortgepflanzt: ein kleines Winken aus dem Handgelenk heraus, das dabei relativ niedrig gehalten wird. Dazu gehört ein piepsiges "Byeee!". Amerikanische Collegestudentinnen haben es von Dreijährigen abgeschaut. Das hat aber wiederum evolutionäre Gründe, denn Frauen, die flirten, tun immer etwas kindlich. Vor einigen Jahren steckten sich dann Europäerinnen und sogar der ein oder andere Mann damit an. (Anfällig ist jeder, der auch Anführungszeichen in die Luft malt.)

Für den nächsten Frühling wünschen wir uns eine Flirtsprache, die kompetent und trotzdem weiblich ist. Schließlich gibt es heute Frauen wie Hillary Clinton und Angela Merkel. Wenn Merkel sich öffentlich von Männern begeistert zeigen will, zum Beispiel von Fußballern, kann sie schlecht den Luftbiss machen. Bis auf Weiteres bleibt ihr nur die Regression in der Rolle einer Dreijährigen, die aufgeregt in die Hände patscht.

Wiebke Hansen: "Halt doch mal an! Geschlossener Ruf der wilden Gesellschaft", Sternschanze 1, 20357 Hamburg. Vernissage: 16. Juli ab 18.30 Uhr Ausstellungsdauer: bis 24. Juli täglich. 15.30–19.30 Uhr. Infos auch unter www.wiebkehansen.de

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