In den zwanziger Jahren, so erzählt mir ein Isländer, hätten drei seiner Landsleute in Weimar in einem Gasthof gesessen und sich unterhalten. Der Wirt sei zu ihnen getreten und habe sich erkundigt, woher sie kämen, er habe diese Sprache noch nie gehört. "Aus Island", antwortete man ihm. "Island", entgegnete wiederum der Wirt, "wo liegt denn das?" Die Gäste baten ihn, sich den Globus vorzustellen. Oben im Nordmeer zwischen Europa und Amerika liege eine Insel, und das sei Island. "Ach", sagte darauf der Wirt mit erschöpfter Melancholie, "überall gibt es Menschen."

In der Tat, auch wenn man diese Insel erkundet, begleitet einen bis heute ein Erstaunen darüber, dass Menschen auf ihr leben. Der Vegetation aus Moos und Gebüsch traut man allenfalls zu, Seemöwen zu ernähren. Es fühlt sich an, als wäre man nicht nur in einem fernen Land, sondern auf einem anderen Planeten gelandet. Jeder Reisende, der kein ganz kaltes Herz hat, glaubt bei diesem Anblick ein bisschen mehr als vorher an die Existenz von Elfen und Trollen . Dabei ist Island im Grunde sehr irdisch – nur mehr, als wir es gewohnt sind. Die Isländer drücken das aus, indem sie sagen: "Wir leben mitten in der Schöpfung." Das Land sieht aus wie ein aufgeschlagenes geologisches Lehrbuch. Erdbeben, Vulkane, Gletscher und Geysire zeigen hier auf engstem Raum die Werkzeuge der Evolution.

Bisher kannte ich dieses Land nur aus Büchern – und aus historischen Epen, die schon Jahrhunderte in Umlauf waren, als der Buchdruck erfunden wurde. Die altisländischen Sagas gehören zu den ältesten und großartigsten Werken der germanischen Literaturen. Sie erzählen von der Ära der sogenannten "Landnama", der Zeit zwischen 930 und 1050, als die Wikinger, von Norwegen kommend, die unbewohnte Insel besiedelten. Aufgeschrieben wurden sie 200 Jahre später von unbekannter Hand. Dieser Tage werden sie neu und erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt. Bis zur Frankfurter Buchmesse 2011 mit ihrem Island-Schwerpunkt soll die Edition vollendet sein.

Ich bin hier, um die epische Landschaft kennenzulernen, in der diese Werke entstanden. So etwas ist in Island möglich, selbst mit dem Abstand von einem Jahrtausend. Das Landesinnere ist ja noch immer dünn besiedelt. Die meisten Ortschaften finden sich entlang der Ringstraße, die dem Verlauf der Küste folgt, 1300 Kilometer rund um die Insel. Auf ihr bin ich jetzt unterwegs, von Reykjavík an der Südwestspitze bis nach Vík ganz im Süden.

Eine Ahnung von der Bedeutung der Sagas bekam ich schon am Flughafen Keflavík. Die erste Klasse der Icelandair heißt nicht etwa First Class, sondern Saga Class. Der Duty-free-Shop heißt Saga Shop. Die Sagas sind Teil der isländischen Corporate Identity.

Entzückt winke ich den Schafen zu. Ihr Fleisch soll köstlich schmecken

Schon bald liefert mir die Natur auch das passende Setting. Kurz hinter Reykjavík tauche ich in eine fantastische Mondlandschaft ein. Steine ragen wie Salzsäulen daraus empor, die Erde speit aus unendlich vielen Spalten schnaufend Schwaden von Rauch. Dann überquert die Ringstraße einen Fluss, und bald mischt sich Grün ins Grau. Auf beiden Seiten weiden die treuesten Begleiter jedes Island-Reisenden: Schafe und Islandpferde .

Die Pferde sehen herrlich aus – selbst wenn man kein Pferdenarr ist. Ungestüm wild, wie sie in der Weite vor sich hin trotten, grasen, dann plötzlich in Galopp fallen und sich kleine Rennen liefern. Die Schafe haben gerade Lämmlein geworfen, die wie flauschige Wattebällchen die nun saftigen Wiesen sprenkeln. Entzückt winke ich ihnen zu. Isländisches Lammfleisch soll köstlich schmecken.