Amos Oz erzählt in einer kleinen, aber bedeutsamen Szene seines Jahrhundertbuchs Eine Geschichte von Liebe und Finsternis von seinem literarischen Erweckungserlebnis: als ihm, dem zwanzigjährigen Kibbuznik, die hebräische Ausgabe von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio in die Hände fiel. Bis dahin hatte sich Oz brennend für Literatur interessiert, eigenes Schreiben aber für unmöglich gehalten: Die Welten von Hamsun, Hemingway und Remarque voller Stierkämpfer, Fallschirmjäger und düsterer Bars lagen seinem Kibbuz-Leben so fern wie nur irgendetwas. Doch dann – Winesburg, Ohio. Ein schmales Bändchen, schon damals vierzig Jahre alt: "Eine ganze Sommernacht, bis morgens um halb vier Uhr, wanderte ich auf den Wegen des Kibbuz auf und ab, in fiebriger Aufregung, berauscht, sprach laut mit mir selbst, zitterte wie ein Verliebter, sang und sprang und weinte vor Furcht und Freude und Überschwang: Das ist es."

Denn Andersons Geniestreich aus dem Jahr 1919 holte mit Wucht den Durchschnittsmenschen ins Zentrum der Literatur, der "bedeutenden Ereignissen" ebenso fernsteht wie ein fleißiger Kibbuznik, der vor sich hin lebt mit seinen kleinen Sorgen, der Kinder bekommt, altert und stirbt. Solche Dutzendschicksale fesselnd, luzide und transzendent auf das Allgemeingültige hin zu erzählen macht bis heute die Größe dieses Buches aus.

So wie Oz sind Generationen von Schriftstellern Sherwood Anderson gefolgt. Niemand würde sich mehr sorgen, einen kleinen Angestellten, eine durchschnittliche Ehefrau zum Protagonisten von Literatur zu machen. Eher sind es die Löwenbändiger, die inzwischen unser Misstrauen erregen.

Doch in einem anderen Punkt ist Winesburg, Ohio seltsam wirkungslos geblieben. Winesburg ist ein Roman in Erzählungen, ein Mosaik aus Splittern, die nur durch den immer wieder auftauchenden jungen Journalisten George Willard und den fiktiven Ort im Mittelwesten verbunden sind. Im englischsprachigen Raum unterscheidet man in der Literatur zwischen plot-driven und character-drivenWinesburg ist der Prototyp des Letzteren und damit als Modell für Nachahmer ungefähr so empfehlenswert, wie für die Karriere eines europäischen Autors die Ankündigung wäre, ausschließlich Erzählungen, niemals Romane schreiben zu wollen.

Von Sherwood Anderson trennen uns der Zweite Weltkrieg und der Holocaust, das Atomzeitalter und das Internet. Das ändert nichts an der gleichbleibenden Tatsache: Die Welt verwirrt uns, und daher soll wenigstens der Roman eine Illusion von Geschlossenheit vermitteln. Deswegen schreiben auch deutsche Autoren nur selten Erzählungen, und wenn, kleben manche trotzdem lieber das sichere Etikett "Roman" darauf.

Doch nun hat im vergangenen Jahr ein "Roman" den Pulitzerpreis gewonnen, der noch einmal diesen Aufbruch in die andere Richtung versucht, ja der sich liest, als habe sich die Autorin, eine gewisse Elizabeth Strout, nichts Geringeres vorgenommen, als das Winesburg, Ohio des 21. Jahrhunderts zu schreiben, genau 89 Jahre später. Olive Kitteridge heißt dieses Buch im (2008 erschienenen) englischen Original nach seiner Hauptfigur, und schon über diese kleine Verschiebung vom Ort hin zur Figur könnte man lange sinnieren. Das Winesburg hier heißt "Crosby, Maine", ein Ort an der nördlichsten US-Ostküste, und deshalb wohl gab man dem Roman in der deutschen Übersetzung den leicht verwaschenen Titel Mit Blick aufs Meer. Auch mit dem nichtssagenden, kitschig-pastelligen Coverbild zielt Luchterhand überdeutlich auf das Frauenzeitschriftenpublikum – das diesen Roman gewiss (auch) lieben wird. Trotzdem ist das eine fast ärgerliche Irreführung.

Ein Lebensgefühl, süß wie Obstkuchen

Elizabeth Strout ist hierzulande völlig unbekannt und hat, obwohl Jahrgang 1956 und laut eigener Website seit ihrem sechzehnten Lebensjahr intensiv schreibend, davor erst zwei Bücher veröffentlicht. Dieser Autorin ist nun ein Streich gelungen wie dem tapferen Schneiderlein. Mit Blick aufs Meer kann unglaublich vieles zugleich: Es amalgamiert das Genre Roman mit dem der Erzählung und gibt so ein hin- und herflirrendes Bild vom zusammenhangslosen Zusammenhang der Welt. Es leuchtet, in einer kunstvollen Mischung aus Humor und Tragik, aus Scharfstellen und Auslassung, alle Formen menschlichen Verhaltens dicht und erfahrungssatt aus: Niedertracht und Launen, versäumte Gelegenheiten, Herzensträgheit und Kommunikationsverweigerung, aber auch die kleinen, unerwarteten, kostbaren Glücksmomente. Auf dieses Buch passt perfekt die Formulierung, die John Updike einst für Winesburg gefunden hat: vom "obstkuchensüßen Lebensgefühl, wie es sich in Amerikas einsamen, verstreuten Haushalten ereignet. Inmitten der sanften Verzweiflung ruht eine quälende Schönheit..."