Crosby, Maine, und seine Menschen: Als lockerer Knoten dieser Geschichten fungieren Henry und Olive Kitteridge, der Apotheker und die Mathe-Lehrerin. Olive ist eine Kratzbürste, eine zu große, zu dicke Matrone, die ihre Launen ungebremst am bis zur Blödheit gutmütigen Ehemann und am verklemmten Sohn Christopher auslässt. So der erste, massive Eindruck, der aber bald Risse bekommt. Denn diese Olive ist eine vielschichtige Figur, sehr komisch in ihrer gnadenlosen Ehrlichkeit, mit der sie die höflichen Spießer ringsum brüskiert, unerwartet warmherzig und hilfsbereit und furchtbar tragisch in ihrem kleinen Unglück, als sie sich in mittleren Jahren heftig in einen anderen Mann verliebt. Und der sich in sie. Trotzdem passiert nichts weiter, "sie hatten sich nie geküsst, sich nicht einmal berührt, sie schoben sich nur eng aneinander vorbei, wenn sie in sein Büro gingen". Und dann fährt der Mann gegen einen Baum, und Olive geht fast zugrunde, weil sie nicht einmal Trauer zeigen darf.

Olive Kitteridge ist eine sehr dezente Hauptfigur, auch wenn wir am Ende, wie bei einem "richtigen" Roman, ihre Geschichte als Ganzes vor uns liegen haben. Sie ist das Rückgrat des Buches, die Zeitachse, die die Autorin fast unmerklich einbettet. Wie die Zeit vergeht, erfahren wir nur durch Seitenblicke auf sie: Ah, Christopher ist schon erwachsen. Und jetzt heiratet er. Und dann ist er plötzlich geschieden. Und Olive in Rente.

Dazwischen mäandert Strout, in erzählungshaft abgeschlossenen Kapiteln, weit von diesen Hauptfiguren weg, zu einer Barpianistin mit Alkoholproblemen, zu einem suizidalen Exschüler von Olive, zu einer magersüchtigen jungen Fremden, der die Trennung von ihrem Freund den Rest gibt. Zu alten Ehepaaren, die plötzlich alte Affären ausgraben, zu Frauen, die ihren Männern eines Tages verkünden, mit dem Sex "einfach durch" zu sein. Und zu unbeeinflussbaren Katastrophen wie Verbrechen, Krankheit und Tod.

Nein, hier wird uns nichts erspart. Wenn man nur ein bisschen verengt daraufschaut, geht es im Leben doch, sobald die Jugend vorbei ist, nur noch bergab. Mit Blick aufs Meer ist auch ein Buch des Abschieds, von Jugend und Freiheit, von den eigenen Kindern, die sich einem, einmal erwachsen, entfremden, und schließlich vom Leben selbst. Das große Wunder beim Lesen besteht darin, dass man sich mit dieser eigentlich unerträglichen Wahrheit plötzlich abfinden kann und sogar heiter und getröstet ist, weil man den einzelnen, verwirrt hin und her krabbelnden Menschen als Teil eines gleichbleibenden Ganzen begreift. So findet Strout, genau wie damals Sherwood Anderson, gerade über die Zersplitterung wieder zur Ganzheit zurück.

Man wird diesem Buch, jedenfalls hierzulande, wahrscheinlich vorwerfen, dass es sich zu leicht liest. Dass es sprachlich nicht genug auf den Putz haut. Dass es zu wenig verrätselt oder apokalyptisch oder halluzinierend-furios (David Foster Wallace!) daherkommt. Nun, das hatten die Amerikaner uns immer schon voraus: einen unverschämt geraden Zugriff. Aber wer im Roman nicht nur die Kunst sucht, sondern auch ein Abbild des Lebens, wird in diesem Buch klassisches Leseglück finden.