In einer berühmten Vorlesungsreihe prägte der New Yorker Literaturkritiker Lionel Trilling 1970 zwei diametral entgegensetzte kulturelle Leitbegriffe, die er mit den englischen Worten Sincerity (Aufrichtigkeit) und authenticity (Authentizität) umschrieb. Sincerity hieß für Trilling die Bemühung des Einzelnen, das äußere soziale und das innere private Leben ohne Selbstverstellung möglichst in Einklang zu bringen. Authenticity dagegen sei von der Suche nach Selbstbefreiung und -offenbarung geprägt. Sincerity impliziere ein gewisses Verständnis für die Erfordernisse des Gesellschaftlichen, für Tradition und für die Notwendigkeit des redlichen Rollenspiels. Authenticity dulde im Gegenteil ungern das Konventionelle; sie verlange das ungebundene Ausleben des Ichs. In der Kulturgeschichte Westeuropas über die letzten 500 Jahre erkannte Trilling ein stetes Oszillieren zwischen diesen zwei ethischen Orientierungen. Spätestens seit der Romantik sei die westliche Moderne jedoch durch einen Siegeszug der Authentizität auf Kosten der alten Aufrichtigkeit gekennzeichnet gewesen.

Luise von Preußen lebte zwar in der Epoche der anbrechenden Romantik, blieb jedoch eindeutig und lebenslang dem Ethos der Aufrichtigkeit verpflichtet. Das Erste, was ihr an ihrem zukünftigen Mann, Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, positiv auffiel, war die schlichte Redlichkeit seines Wesens. "Der Prinz ist ausserordentlich gut und gerade", schrieb sie an ihre Schwester Therese, nach der ersten Begegnung mit dem preußischen Thronfolger. "Kein unnötiger Schwarm von Worten begleiten seine Reden, sondern er ist erstaunend wahr."

Mit der Suche nach Selbstverwirklichung hatte diese Vorliebe für Aufrichtigkeit nichts zu tun. Weder als Kronprinzessin (von 1793 an) noch als preußische Königin (von 1797 an) stellte Luise die ihr zugedachte Rolle jemals infrage. Das innere Empfinden wurde der öffentlichen Person konsequent untergeordnet. Sie war, wie der Berliner Historiker Daniel Schönpflug in seiner eleganten, intelligenten Biografie der Königin darlegt, eine Schauspielerin auf der Bühne der Macht. Sie spielte eine Hauptrolle in jenem "täglich neu inszenierten Stück namens Monarchie". Vom Morgen bis tief in die Nacht durch das ganze Jahre hindurch musste sie sich dem Rhythmus des Hofes restlos anpassen. "Mach Dich darauf gefasst zu erfahren, dass ich bald sterben werde", schrieb sie an ihre Schwester Therese im Februar 1794, "denn seitdem ich mit diesem Brief begann, habe ich immer nur getanzt […] Morgen ist Ball bei der Königinwitwe, übermorgen große Gesellschaft bei mir, Freitag Ball bei dem Grafen Alvensleben, für Sonnabend ist Gottseidank noch nichts festgelegt […] Da kann man wirklich seine Seele verlieren und sein Testament machen."

Bei den Festen, Bällen und Diners des höfischen Alltags handelte es sich um bis ins Detail choreografierte Rituale der politischen Macht. Hier waren Gefühlswallungen, persönliche Sorgen oder gar politische Meinungen fehl am Platz. Auch wenn ihre Gedanken wegen schlechter Nachrichten manchmal "ganz schwarz und zornig" seien, schrieb Luise an ihren Mann, wage sie nicht, "zu irgendjemandem darüber zu sprechen"; sie dürfe in dieser Umgebung "keinen Wechsel der Stimmung merken" lassen.

Indem Daniel Schönpflug die Rhythmen, Regeln und Räume des alten Hoflebens minutiös, aber lebendig vor Augen führt, lässt er die Andersartigkeit dieser Königin zum Vorschein treten, ihr Gefangensein in einer uns fremden Zeit. Luise war nicht eine von uns, sie lässt sich nicht leicht für die Gegenwart vereinnahmen. Von einer "Bürgerkönigin", die die Grenzen des ständischen Denkens und Verhaltens gesprengt hätte, kann jedenfalls keine Rede sein: Luises soziale Vorstellungen blieben immer der alten ständischen Gesellschaftsordnung verpflichtet. Sie "erlebte schon früh", schreibt Schönpflug, "dass die Untertanen dazu lebten, die Fürstenfamilie zu bedienen und zu unterhalten".

Die soziale Distanz zwischen Untertan und Herrscher wurde also durch Luises Selbstinszenierungen nicht geschmälert. Allerdings hat sie doch durch die Natürlichkeit ihres Wesens eine gewisse Charismatisierung des Königtums bewirkt. In einem denkwürdigen Bruch mit der Tradition begleitete sie den König bei seiner Antrittsreise durch die preußischen Lande, um den Treueid von den Landständen in Empfang zu nehmen. Während der endlosen Begegnungen mit örtlichen Würdenträgern beeindruckte die neue Königin die Untertanen mit ihrer Wärme und ihrem Charme. Und das war gerade bei diesem König notwendig. Friedrich Wilhelm III. war wortkarg, schüchtern und liebte große Anlässe bei Hofe und Vivat-Rufe nicht. Er ging gerne ins Theater, weil er es genoss, in Gesellschaft von Menschen zu sein, ohne gleichzeitig im Mittelpunkt zu stehen. Hier ergab sich für Luise die Gelegenheit, ein Image-Defizit der damaligen Monarchie auszugleichen: "Ich werde alles anwenden", schrieb sie an ihren Bruder Georg, "um ohne Zwang die Liebe der Untertanen durch Höflichkeit, zuvorkommendes Wesen, Dankbarkeit […] zu gewinnen und zu verdienen, und so, glaube ich, werde ich mit Nutzen reisen."

Die öffentliche Wirkung und Wahrnehmung dieser Königin bedeuteten schließlich auch die Rückkehr des weiblichen Elements in das dynastische Leben des preußischen Königreiches nach fast einem Jahrhundert, in dem die Frauen der Hohenzollern an den Rand gedrängt worden waren. Luises öffentliche Rolle war allerdings nicht mehr, wie noch im siebzehnten Jahrhundert, die einer weiblichen Herrscherin mit eigenem Hof und politischen Ambitionen, sondern die einer Ehefrau und helfenden Hand.

 

Ihr Charme und ihre Klugheit standen ganz im Dienst ihres Gatten. Diese Unterordnung war für das öffentliche Ansehen der Königsfamilie entscheidend und erklärt, weshalb Luises feminine Eigenschaften – Schönheit, Anmut, mütterliche Liebenswürdigkeit und weibliche Tugend – so wesentliche Elemente des Kultes waren, der später um sie betrieben wurde. Denn Luise machte die zurückgezogene "Privatsphäre" der königlichen Familie für das wachsende Publikum der Mittelschicht sichtbar und verständlich. Dank ihrer Resonanz wurde Friedrich Wilhelm III. nicht nur als König, sondern als Ehemann gefeiert. Das Haus Hohenzollern wurde damit zur First Family des Königreichs.

Das Leben dieser Königin entfaltete sich vor einer gewaltigen europäischen Kulisse. In großen und in kleinen Dingen brach die Weltgeschichte in das Berliner Hofleben ein. Im Oktober 1793 etwa, als Luise sich auf ihre Hochzeit vorbereitete, meinte sie, die Reise nach Berlin absagen zu müssen, weil die Stadt Lyon, aus der man die feinen Stoffe für ihre Robe bestellt hatte, soeben von den revolutionären Armeen nach einer langen Belagerung weitgehend zerstört worden war.

Unter den Zuschauern bei der Huldigungsfeier nach Friedrich Wilhelms Thronbesteigung im Jahre 1797 war Emmanuel Joseph Sieyès, ein Befürworter des Pariser Königsmordes und einer der führenden Ideologen der Französischen Revolution. Es war Sieyès, der zwei Jahre später Napoleon Bonaparte den Steigbügel hielt, als dieser sich anschickte, Erster Konsul der Republik zu werden. Erst unter seiner Herrschaft kam es zu jener Potenzierung der französischen Macht und Expansionswut, die Preußen im Winter 1806/7 an den Rand des Ruins drängte.

Von einer politischen Einflussnahme seitens der Königin kann laut Schönpflug bis 1804 keine Rede sein. Luise litt zwar psychisch und körperlich an den Missgeschicken Preußens, unterstützte den König bei schwierigen Entscheidungen und mischte sich gern in Personalfragen ein. Aus der hohen Politik aber hielt sie sich heraus. Erst im Jahre 1806 wurde sie politisch aktiv, indem sie einen Krieg gegen Napoleon unbedingt befürwortete. "Je mehr Nachgiebigkeit man ihm zeigt", schrieb sie an Friedrich Wilhelm im April 1806, "um so mehr spottet er derer, die so dumm sind. Gewalt gegen Gewalt, das ist meiner Meinung nach das einzige…" Nach den Niederlagen bei Jena und Auerstedt unterstützte sie die Bemühungen der Reformer, insbesondere des späteren Staatskanzlers Karl August von Hardenberg. Sie weigerte sich jedoch, der politischen "Opposition" am Hofe beizutreten, hielt sich also an die ihr zugedachte Königinnenrolle.

Selbst auf dem Todesbett bewies Luise die ihr eigene Natürlichkeit: Als der verzweifelte König am Bettrand die Fassung verlor, sagte sie: "Mache mich nicht noch so eine Szene und bedauere mich nicht, sonst sterbe ich." Der frühe Tod hat sie, wie Schönpflug treffend bemerkt, "für die ›Erhebung‹ gerettet". In späteren Jahren wurden die Feldzüge der Jahre 1813 bis 1815 zur Vergeltung für die "gemarterte" preußische Königin stilisiert.

Im Laufe der 200 Jahre, die seit Luises Tod verstrichen sind, wurde die Königin von ihren Verherrlichern immer wieder für die Gegenwart neu erfunden – als preußische Heilige, als biedere Bürgerkönigin, als germanische Kriegerin und nun in jüngster Zeit als fashion icon und working mom. In seinem ausgezeichneten Buch wehrt sich Daniel Schönpflug – ganz zu Recht – gegen solche mutwilligen Aktualisierungen. Es wäre also verfehlt, in seinem Untertitel Königin der Herzen eine implizite Gleichsetzung mit jener britischen Queen of Hearts, Princess Diana, zu sehen. Denn die Tragödie der schönen, eitlen, unglücklichen Princess Di lag gerade in ihrer vollkommenen Unfähigkeit, auf die Suche nach authentischer Selbstverwirklichung zu verzichten, um sich den Erfordernissen eines ungewöhnlichen und exponierten Amtes anzupassen. Genau das kann man von Königin Luise nicht behaupten.