Das Whistspiel war Phileas Foggs liebster Zeitvertreib. Er gab es auch dann nicht auf, als er, um eine Wette zu gewinnen, einmal die ganze Welt umrunden musste. Warum auch? Er hatte ja alles glänzend eingerichtet. Dass es möglich sein müsste, in achtzig Tagen um den Globus zu reisen, leitete Fogg aus seiner Theorie über die Schrumpfung des Erdballs ab. Dass alle Hindernisse, die ihm und seinem Diener Passepartout dabei in die Quere kamen, kaum störten, lag daran, dass die Verkehrsmittel – vom Dampfschiff bis zum Elefanten – zur jeweils größtmöglichen Bequemlichkeit ausstaffiert worden waren. Also zogen Witwenverbrennungen, Indianerüberfälle oder marode Brücken wie ein Film an dem unbeeindruckt Reisenden vorbei; er bewegte sich "in seiner wunderbar geregelten, mechanischen Lebensweise (…) genau auf seiner Erdumlaufbahn, ohne die kleinen Trabanten zu beachten, die sich um ihn drehten".

Den zeitgenössischen Lesern, die es sich mit Jules Vernes höchst unwahrscheinlichen Abenteuerromanen vor dem Kamin gemütlich gemacht hatten, werden sich solchen Protagonisten auch deshalb verwandt gefühlt haben: Es waren Stubenhocker wie sie selbst. In seinen Mythen des Alltags hat Roland Barthes genau darin das Schreibprinzip dieses Schriftstellers ausgemacht: "Verne war ein Besessener des Ausfüllens: unablässig vervollkommnete er die Welt, möblierte sie und füllte sie an wie ein Ei." Für den in Konstanz lehrenden Germanisten Bernd Stiegler ist Jules Vernes Tour du monde en quatre-vingts jours nur einer von vielen Abkömmlingen der Voyage autour de ma chambre. Dieses Büchlein von Xavier de Maistre begründete im Jahr 1794 ein eigenes und bislang noch unzureichend gewürdigtes literarisches Genre. Als das Massenpublikum von Robinsonaden und Berichten aus fernen Ländern kaum genug bekommen konnte, rückte die Zimmerreise die allernächste Umgebung in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

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In Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum verschafft Stiegler dieser Wahrnehmungsverschiebung nun gebührende Aufmerksamkeit. Zwar weist der Autor auf die Tradition miniaturisierter Pilgerreisen des 15. bis 17. Jahrhunderts zu den Sacri Monti hin und bemerkt auch, dass schon die Mönchszelle dazu geeignet war, in der Imitatio Christi die letzte Reise vorwegzunehmen. Die entscheidende historische Zäsur aber datiert Stiegler auf de Maistres Zeit: den Übergang von der "äußeren Existenz" des 18. zur Innerlichkeit des 19. Jahrhunderts. Nachdem nämlich das eigene Haus zuvor nicht mehr gewesen ist als ein Ort, an dem man schlief, während sich das Leben woanders abspielte, hat sich das ganze Leben – und damit das Universum – von da an in den Innenraum verlagert.

Stiegler zeigt, wie das bürgerliche Interieur zum "Weltinnenraum" wurde. Sein verlässlichster Gewährsmann in dieser Angelegenheit ist Walter Benjamin: "Das neunzehnte Jahrhundert", so steht es in dessen Passagen-Werk, "war wie kein anderes wohnsüchtig. Es begriff die Wohnung als das Futteral des Menschen und bettete ihn mit all seinem Zubehör so tief in sie ein, daß man ans Innere eines Zirkelkastens denken könnte, wo das Instrument mit allen Ersatzteilen in tiefe, meistens violette Sammethöhlen gebettet, daliegt." Vom ausgehenden 18. Jahrhundert schlägt Stiegler seinen Bogen bis in die Gegenwart. Die von de Maistre angestoßene Mode brachte bald Nachfolger hervor, die sich im Titel schamlos an den Bestseller schmiegten: Reise durch meine Taschen, Reise im Zimmer über den Erdball, Reise über den Dachboden und so weiter. Wenn auch im Bewegungsradius verschieden, ist all diesen Büchern gemein, dass sie im scheinbar Vertrauten das betörende Fremde ausmachen und den Exotismen der Fernreisen misstrauen.

Stiegler behandelt die Fotografie, den Film und die bildende Kunst; die Wissenschaften Geografie und Botanik; und in der Literatur zuletzt Peter Handkes Wanderung durch die Pariser Banlieues und Julio Cortázars seltsamen Bericht einer Autobahnreise von Paris nach Marseille. Sein Buch erscheint zunächst als Glücksfall: Ohne wissenschaftliche Verschrobenheit verteilt der Autor sein Material auf 21 handliche Etappen, die dem Leser (passend zum Thema) kaum größere Unbequemlichkeiten verursachen. Je länger die Lesereise dauert, durch die Stiegler stilistisch souverän und mit umfassender Bildung führt, umso mehr ergibt sich allerdings auch ein leichtes Unbehagen. Dass der oft nur wenig variierte Grundgedanke mit einer Überfülle sehr ähnlicher Materialbeispiele belegt wird, zieht das Buch etwas in die Länge. Und trotzdem ignoriert der Autor bis zuletzt die vielleicht interessanteste Entwicklung.

Er präsentiert ein Alpenhotel, das rein virtuell und nur im Internet zu bereisen ist – als habe de Maistre auf ganzer Linie triumphiert und das Reisen im Raum endgültig überflüssig gemacht. Das aber ist als Gegenwartsdiagnose nicht plausibel: Gereist wird nämlich heute so viel wie nie zuvor. Die durch Billigflieger mobilisierten Massen verlassen in größter Flüchtigkeit den "Weltinnenraum" des Zimmers und sorgen dafür, dass es Benjamins "violette Sammethöhlen" bald überall gibt, wo gelandet werden kann. Aus der Maschine zum Flughafen, mit dem Shuttlebus ins Hotel und von dort in die Lounge oder Mall; alles klingt nicht nur überall gleich, es ist auch nach standardisierten Mustern geplant und gebaut. Als habe die Erde ein Dach überm Kopf, bleiben die behüteten Reisenden der Gegenwart daher so entspannt wie einst nur Phileas Fogg. So bliebe die "Welteinrichtung" als Thema eines nächsten Buches übrig, zu dem Bernd Stiegler hier sehr wertvolle Vorarbeit geleistet hat.